"US-Politiker geben gern China die Schuld"

Interview |
  • Chinesischer Amerikaexperte Huang Ping: Wenn China ein bestimmtes Produkt nicht in die USA exportiert …"
    foto: erhard stackl

    Chinesischer Amerikaexperte Huang Ping: Wenn China ein bestimmtes Produkt nicht in die USA exportiert …"

  •  "… bedeutet das noch nicht, dass es die USA herstellen würden. Es könnte auch aus Vietnam, Indien oder Mexiko kommen."
    foto: erhard stackl

     "… bedeutet das noch nicht, dass es die USA herstellen würden. Es könnte auch aus Vietnam, Indien oder Mexiko kommen."

  • China habe nicht die Absicht, die Staaten Lateinamerikas zu 
"kontrollieren", versichert der Soziologe Huang Ping. Es sei "kein 
Lippenbekenntnis und keine Propaganda …"
    foto: erhard stackl

    China habe nicht die Absicht, die Staaten Lateinamerikas zu "kontrollieren", versichert der Soziologe Huang Ping. Es sei "kein Lippenbekenntnis und keine Propaganda …"

  •   "… wenn wir in Afrika und Lateinamerika sagen, wir wollen nicht wie 
jene sein, die in den alten Zeiten gekommen sind, um euch zu 
erforschen."
    foto: erhard stackl

      "… wenn wir in Afrika und Lateinamerika sagen, wir wollen nicht wie jene sein, die in den alten Zeiten gekommen sind, um euch zu erforschen."

Amerikaexperte Huang Ping befürchtet vor den US-Wahlen "Schwierigkeiten" im Verhältnis der beiden Mächte

Der führende chinesische Amerikaexperte Huang Ping befürchtet vor den US-Wahlen "Schwierigkeiten" im Verhältnis der beiden Mächte, sagte er im Gespräch über Chinas Vorstellungen zu Nord- und Südamerika. Von Erhard Stackl.

 

Standard: Vor genau 40 Jahren haben die USA und China überraschend mit der "Normalisierung" ihrer Beziehungen begonnen. Wo stehen sie jetzt?

Huang: Man kann die Beziehungen als "gereift" bezeichnen. Vor 40 Jahren gab es einen einfachen Grund – die Sowjetunion. Heute hat das Verhältnis viele Dimensionen: wirtschaftliche, gesellschaftliche, wissenschaftlich-technologische, kulturelle, "people to people", diplomatische etc. Man kann von einer "erwachsenen" Beziehung sprechen. Es gibt natürlich viele Differenzen. Wenn man etwas erreichen will, muss man auch etwas bieten. "Gereift" bedeutet auch, dass wir im Prinzip wissen, wie wir mit Schwierigkeiten umgehen können, obwohl es immer wieder unerwartete Ereignisse gibt. Und schließlich handelt es um Beziehungen, die für die ganze Welt wichtig sind, nicht nur für die USA und China.

Standard: Wie wird es weitergehen?

Huang: In den kommenden Dekaden kann der Pazifik eine der wichtigsten Weltregionen sein. In den USA spricht man von "rebalance", vom neuen Ausbalancieren der US-Strategie. Und das hat viel mit China zu tun – wenn es auch nicht immer für China gut ist. Auf der chinesischen Seite versuchen wir, einen neuen Typ von Machtbeziehungen zu etablieren. Wenn das funktioniert, dann können auch die chinesisch-japanischen Beziehungen, die chinesisch-indischen, die chinesisch-europäischen und die chinesisch-russischen Beziehungen neuen Typs werden.

Standard: Was ist das Neue daran?

Huang: Mit "neu" meinen wir, dass es kein Nullsummenspiel ist – Sie gewinnen und ich verliere oder umgekehrt. Wir sehen die USA als Großmacht, China als eine an Bedeutung gewinnende Macht. Beide können reife und komplexe, wenn auch nicht immer einfache Beziehungen entwickeln, eine für beide nützliche Zusammenarbeit. Das kann in den Bereichen Energie und Umwelt sein, aber auch in geopolitischen Fragen. Wenn China in Asien aufsteigt, bedeutet das nicht, dass die USA aus Asien wegmüssen.

Diese Art von Mächteverhältnis reduziert die Gefahr, dass man – auch ohne es zu wollen – in Konfrontationen oder sogar Kriege verwickelt wird. Ein Atomkrieg scheint immer weniger wahrscheinlich zu werden. Aber wir könnten leicht in einen Handelskrieg verwickelt werden. Dann wären wir wieder beim Nullsummenspiel. Die Krise der einen Seite wird zur Erfolgschance für die andere.

Das wäre nicht der neue Typ der Mächtebeziehungen. Und auch diese sind nicht nur für die Großmächte wichtig, sondern auch für kleinere, für Nachbarländer. Wenn die Großen einander nicht bekämpfen, ist das für die anderen von Vorteil. Das geht auch über die Beziehungen der Regierungen und Diplomaten hinaus – zum Austausch "people to people". Das geschieht bereits. Das ist kein Zukunftstraum.

Standard: Wo gibt es da konkrete Erfolge?

Huang: Zwischen den USA und China gibt es den Austausch von Studenten und von Geschäftsleuten, es gibt Zusammenarbeit auf wissenschaftlichem und technologischem Gebiet, im Umweltbereich – das ist schon sehr groß, sogar viel größer, als es die oberste Führung beider Seiten merkt. Die sehen gar nicht, was sich da alles tut. Das betrifft auch China/Europa und sogar China/Japan. Wir hatten viele Probleme mit Japan – historische, Dispute um Inseln, aber trotzdem gibt es einen starken Austausch. Am Anfang ist dieser neue Weg nicht einfach. Viele Menschen denken, es sei unmöglich, das Nullsummenspiel zu überwinden.

Standard: Es gibt nicht nur unerwartet auftretende Probleme in den Beziehungen, sondern auch regelmäßige. Immer wenn in den USA Präsidentenwahlen bevorstehen, kritisiert der Herausforderer die Beziehungen zu China. So attackiert heuer Mitt Romney das riesige Handelsdefizit mit China und den unterbewerten Yuan, er beklagt Menschenrechtsprobleme und solche mit dem Schutz geistigen Eigentums.

Huang: Das trifft speziell auf US-Wahlkämpfe zu. In anderen Ländern gibt es so etwas nicht. In der US-Politik gibt jeder Kandidat gern China die Schuld, zum Beispiel für die hohe Arbeitslosigkeit. Sie beschuldigen China, die Währung zu manipulieren und zu viele Güter zu exportieren. Aber das hat keine wissenschaftliche Basis. Wenn China ein bestimmtes Produkt nicht in die USA exportierte, bedeutet das noch nicht, dass es die USA herstellen würden. Es könnte auch aus Vietnam, Indien oder Mexiko kommen. Es handelt sich um strukturelle Veränderungen in der US-Wirtschaft. Es gibt weniger Industriebetriebe in den USA. Und manche US-Firmen lassen ihre Produkte in China herstellen. (Dr. Huang blickt auf das vor ihm auf dem Tisch liegende iPhone – Anm.)

Aber Politiker versuchen daraus eine Waffe gegen andere zu machen. Nicht nur in Wahljahren, sondern auch in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftsprobleme. Es gibt in den Beziehungen zwischen den USA und China natürlich Themen, bei denen wir nicht einmal ein minimales gegenseitiges Verständnis haben – wie Menschenrechte, Tibet, Taiwan etc. Das wird im Wahlkampf gern aufgegriffen.

Wir, auf der chinesischen Seite, hören uns nicht nur die Wahlreden an. Wenn die Beziehungen gereift sind, kann man damit umgehen. Nicht nur auf diplomatischen Weg, sondern indem wir auch andere Kanäle – ökonomische, soziale, kulturelle – nutzen, um eine minimale Übereinstimmung zu erreichen. Mit Schwierigkeiten umgehen zu können heißt noch nicht, sie zu lösen. Wir haben Differenzen, gut.

Jedes Land hat seine eigene Geschichte, Tradition, Kultur, aktuelle Realität und seine Herausforderungen. Deshalb muss man die Unterschiede anerkennen, auch bei den sogenannten Werten. Die Menschen in Europa haben Verständnis dafür, warum Diversität wichtig ist. Das ist die Basis für das Zusammenleben der Menschen. Aber in den kommenden Monaten kann es für die USA und China schwierig werden.

Standard: In chinesischen Quellen heißt es, dass diese Feindseligkeit die Vertrauensbasis unterminiert. Könnte China da versucht sein, seine strategischen Beziehungen zu Russland auszubauen, mit dem es im UN-Sicherheitsrat schon jetzt oft Übereinstimmung gibt?

Huang: Dann wären wir in den alten geopolitischen Denkmustern, wo man entweder mit jemandem eine Allianz formt oder ihn als Feind betrachtet. Mit den USA gab es schon eine Vertrauensbasis, sie müsste weiterentwickelt werden. Es gibt Zweifel, Verdächtigungen betreffend den jeweils anderen, über die Absichten, über militärische Kapazitäten. Außerdem haben die USA den Status quo Chinas noch immer nicht anerkannt, sie nutzen Taiwan als Token, als Spielgeld in den Verhandlungen mit China. Da gibt es strategisch ein Problem mit dem Vertrauen. Auf der US-Seite ist es das Gleiche wegen der sehr unterschiedliche Werte, und auch weil sich China so rasch entwickelte und einen großen Energieimportbedarf hat.

Deshalb sind die USA um den Bestand ihrer Hegemonie besorgt – in Bezug auf ihre Werte wie auch auf ihre wirtschaftliche Lage. Deshalb gibt es auch in den USA Zweifel über den Aufstieg Chinas, wie man ein Minimum an Vertrauen aufrechterhalten kann. Und das bei Problemen wie Handel, dem Wechselkurs der Währungen, geistiges Eigentum, aber ich glaube, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren das Erreichen dieses Minimalvertrauens der Schlüssel dafür ist, ob eine neue Art von Mächtebeziehungen erreicht werden kann. Noch einen Kalten Krieg kann sich niemand leisten, an einen "heißen" gar nicht zu denken.

Standard: Der Aufstieg Chinas zu einem wirtschaftlichen Riesen hatte auch für Südamerika enorme Konsequenzen. Staaten wie Brasilien und Argentinien blieben wegen des wachsenden China-Handels von der globalen Krise bisher weitgehend verschont. War diese Hinwendung zu Lateinamerika von China strategisch geplant – oder geschah es einfach aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung?

Huang: Ich würde sagen, es geschah ganz einfach, es war eher eine Entwicklung der Märkte als staatliche Planung. Und viele Investments in Lateinamerika und in Afrika kamen von kleineren chinesischen Unternehmern.

Standard: Premierminister Wen Jiabao hat aber selbst Südamerika besucht …

Huang: Ja, die Führung hat anerkannt, dass gute Beziehungen mit den Ländern in Lateinamerika, Afrika und Asien wichtig sind. Aber auch hier geht uns nicht um alte Machtverhältnisse, es bedeutet nicht, dass China Lateinamerika kontrollieren will – wir wollen gute, nachhaltige Beziehungen. China wird sich auch ändern müssen, mehr umweltbewusst werden und auf die Lebensqualität achten, nicht nur auf die Steigerung des BIPs. Wenn wir uns nicht in diese neue Richtung entwickeln, kann China selbst kollabieren. Es ist kein Lippenbekenntnis und keine Propaganda, wenn wir in Afrika und Lateinamerika sagen, wir wollen nicht wie jene sein, die in den alten Zeiten gekommen sind, um euch zu "erforschen".

Standard: Aber es ist keine reine Geschäftsbeziehung, es hat auch doch auch eine politische Seite?

Huang: Ja. Eine Teilung der Welt in den Norden und den Süden – und China betrachtet sich noch immer als Teil des Südens – sollte es nicht geben. Es sollten vielmehr alle Länder für ihre Entwicklung zusammenarbeiten – in einer Mischung aus global und lokal.

Standard: Lateinamerikanische Länder sind ja nicht nur Lieferanten für Rohstoffe wie Soja, Eisenerz oder Kupfer, sie sind auch Absatzmärkte für chinesische Produkte. China wird damit zum Konkurrenten auf den lateinamerikanischen Märkten. Einige dieser Länder versuchen diese Konkurrenz durch protektionistische Maßnahmen abzuwehren. Die Beziehungen sind offenbar nicht ohne Spannungen?

Huang: Es besteht heute wegen der Weltwirtschaftskrise allgemein die Gefahr, und nicht nur in Ländern, die in Konkurrenz zu China oder den USA stehen, mehr protektionistisch zu werden. In Krisen wenden sich die Menschen stärker nach innen.

Standard: Das Wirtschaftswachstum Chinas verringert sich ebenfalls, wenn auch 7,6 Prozent anderswo enorm viel wären. Der inländische Konsum nimmt ab. Das hat auch Folgen für die Lieferländer.

Huang: In Krisenzeiten ist es natürlich, sich mehr um die eigenen Interessen zu kümmern. Man sieht das in Europa. Da gab es die Integration und die Erweiterung und den Euro. Und jetzt gibt es diese Probleme von Griechenland über Portugal usw. Die Menschen haben plötzlich Zweifel, ob es mit der Integration weitergehen soll oder ob sie zurückgehen sollen zum alten System.

Wirtschaftliche Konkurrenz kann gut und konstruktiv sein, sie kann die Initiative fördern. Sie kann aber auch etwas Schlechtes sein. Die große Gefahr für jeden jetzt ist der Protektionismus. Es ist eine Herausforderung für alle politischen und wirtschaftlichen Eliten, wie man die Kooperation aufrechterhalten kann.

Standard: Hier bei dem Wiener Amerikanisten-Kongress 54 ICA gab es ziemlich viele Teilnehmer, die einem Wirtschaftssystem, das auf Wachstum und Energieverschwendung ausgerichtet ist, sehr kritisch gegenüberstehen. Von Teilnehmern an der jüngsten Rio-Konferenz war zu hören, dass sich China dort als Land präsentierte, in dem das Umweltbewusstsein ebenfalls wächst.

Huang: Im neuen chinesischen Fünfjahresplan gibt es bereits bedeutende Veränderungen, eine Entwicklungsrichtung weg von hohem Energiekonsum, hohen Investitionen und starker Umweltbelastung zu einem mehr nachhaltigen, weniger die Umwelt belastenden, weniger Energie verbrauchenden Weg. Natürlich braucht diese Anpassung Zeit. Aber es gibt ein Bewusstsein, sogar einen Konsens, dass China nicht auf dem bisherigen Entwicklungsweg weitergehen kann. (Erhard Stackl, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

Huang Ping (55), chinesischer Soziologe mit einem Doktorat der London School of Economics, ist seit 2006 Generaldirektor des Instituts für amerikanische Studien an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften (CASS) in Peking. Er nahm diese Woche am 54. International Congress of Americanists in Wien teil.

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