Beklatschte Schnäppchen

  • Ein österreichischer Privatsammler bewilligte brutto (inkl. Aufgeld, 
exkl. Folgerecht) 732.000 Euro für Gabriele Münters "Am Starnberger See" 
(1908).
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    foto: villa grisebach

    Ein österreichischer Privatsammler bewilligte brutto (inkl. Aufgeld, exkl. Folgerecht) 732.000 Euro für Gabriele Münters "Am Starnberger See" (1908).

Im Vergleich zum Vorjahr (ganz ohne Fälschungsskandal) verlief das erste Kunstmarkt-Halbjahr in Deutschland relativ sensationslos und entspannt

Als Ende Mai unter der Hammerführung des Kölner Lempertz-Chefs Henrik Hanstein in der Bonner Bundeskunsthalle Kunstwerke zugunsten der Deutschen Aids-Stiftung versteigert wurden, durfte man vorab beruhigt sein. Hanstein eröffnete sein Tun gequält selbstironisch: "Alle Kunstwerke sind echt!" Als ob das keine Selbstverständlichkeit mehr wäre, im Nachspann des Beltracchi-Fälschungsskandals, in den Lempertz arg involviert war.

Im direkten Vergleich zu 2011 kommt das aktuelle deutsche Kunstmarkt-Halbjahr insofern relativ sensationslos, aber entspannt daher. Lempertz scheint sich zwar nicht aufs Altenteil, indes bei den Alten Meistern zu regenerieren, auf Rekordniveau immerhin. Gerrit Dous Alter Maler in seinem Atelier (1649) bescherte mit 3,78 Millionen Euro den Kölnern das Spitzenlos vor der Sommerpause. Giorgio de Chiricos Gladiatori nell'Arena - 2009 war es bei 660.000 Euro noch bei Bonhams in London gescheitert - brachte 585.600 Euro. Und die millionenverwöhnte Kunstmarkt-Aktie Gerhard Richter wurde, zwar kleinformatig und abstrakt, noch für 390.000 Euro als "Schnäppchen" beklatscht.

Eingemachter Expressionismus

Zumindest der Berliner Konkurrent Villa Grisebach blieb dem Eingemachten des deutschen Auktionsmarkts treu: dem Expressionismus. Gabriele Münter steigerte sich preislich mit Am Starnberger See (1908) von 400.000 Euro auf 732.000 Euro Richtung österreichische Privatsammlung. Dem Münchner Haus Ketterer bescherte Münters Abend am See fast mit 415.000 Euro beinahe den doppelten Schätzpreis. Und: Die Halbjahresbilanz brachte Ketterer mit 13 Millionen Euro im Vergleich zu 2011 ein Milliönchen mehr. Robert Ketterer: "Nur acht Werke gingen über der 100. 000-Euro-Marke an den Start, doch 20 erzielten Erlöse über dieser Grenze."

Grisebach konnte in seiner soliden Ergebnisbilanz hingegen einen fast atelierfrischen Uecker vorweisen: Das vom Künstler gestiftete Nagelbild (414.800 Euro) soll seinem mecklenburgischen Heimatort Rerik zu einer neuen Kirchenglocke verhelfen. Und der deutsche Kunstmarkt-Garant Nolde schaffte es selbst mit beinahe grau-brauner Akademie-Tonigkeit (Dünen, 1901) von 90.000 auf 190.000 Euro. Ansonsten bei Grisebach Mittelfeld-Schätzwerte mit nicht wenigen Ergebnissen am Taxenrand. Botero, Schmidt-Rottluff und sogar Thomas Struth blieben unter der Taxe, ein 250.000-Euro-Nay ging an den Besitzer zurück. Die auf 5,3 Millionen Schätzwert taxierte Frühjahrs-Auktion bescherte Grisebach am Ende eine Steigerung um gut eine Million Euro. In der Fotografie verdient jedenfalls Mies van der Rohes Innenansicht des "Barcelona Pavillons" Erwähnung: Sie wurde von 1500 Euro auf 63.440 Euro katapultiert.

Ein kurzer Blick auf die beiden deutschen relevanten Kunstmessen. Die Art Cologne ist dabei, sich zu stabilisieren, von einem internationalen Messeplatz aber noch weit entfernt. Man profitiert am Rhein von der Berliner Kunstmessen-Brache und der entstandenen Marktlücke. Ohne Frage verschlankt der neue Regisseur Daniel Hug das Quantitätsprofil, indem er heuer durch ein Rückkehrer-Ensemble wie Ropac, Hauser & Wirth und besonders dem deutschen New Yorker Daniel Zwirner das Qualitätsprofil verschärfte. Dennoch - Warten auf die ganz wichtigen Sammler, hoffentlich nicht auf Godot.

Die Art Karlsruhe besetzt vor allem die noch wenig abgesicherte junge Kunst, dies mit guter Atmosphäre fürs breite Einsteigerpublikum - nach dem Art-Frankfurt-Kollaps zudem eine regionale Alternative. Dorothea van der Koelens' Verkauf eines Morellet-Werks für um die 100.000 Euro war heuer für Karlsruhe eine Top-Meldung. Noch.   (Roland Gross, Album, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

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