Das Wunder von Imst

Anfangs musste Mike Gabl noch tricksen, um mit Schülern klettern zu gehen - doch damit legte er einen der Grundsteine des aktuellen Kletterbooms

Wenn Michael Gabl die Startseite von Climbers Paradise anklickt, muss er schmunzeln. Denn da fügen sich animierte Felsbrocken zur imposanten Basisinfo zusammen: "5000 Alpinkletterrouten". Der Stein birst. Die Brocken fügen sich wieder zusammen: "3000 Sportkletterrouten." Nach dem dritten "Felssturz" die dritte Botschaft: "1500 Boulderprobleme." Erst danach kommt, was das Publikum im Sommer in den Alpen kennt: Wiesen, Schäfchenwolkenhimmel, malerische Landschaften - und Bergpanoramen. Bloß: Irgendwo im Idyll hängt da immer jemand in der Wand. Aber obwohl das Klischee es gebieten würden: Niemand hat Ähnlichkeiten mit Luis Trenker.

Kein Wunder: Denn Climbers Paradise setzt auf "hippen" Alpinismus - und ist ein Zusammenschluss von Tiroler Tourismusregionen. Mittlerweile 15 lokale Tourismusverbände warfen ihr Kirchturmdenken über Bord und promoten gemeinsam, was längst sogar Städter in relevanten Zahlen die Wände hochgehen lässt: das Klettern.

Das Asset von climbers-paradise.com heißt Übersicht: Statt von Ort zu Ort mühsam nach Klettergärten, Klettersteigen, Alpinschulen und Wegbeschreibungen fahnden zu müssen, finden auch Laien hier, was sie suchen, kompakt und konzentriert.

Klar: Derlei gibt es heute auch anderswo. Doch 2007, als die Seite in viel kleinerem Umfang online ging, war das ganz anders. Und daran, dass die Gegend um Imst beim Kletterboom heute touristisch und sportlich den Ton angibt, ist der, der da schmunzelt, schuld: Michael "Mike" Gabl.

Gabl ist eigentlich Lehrer. Hauptschullehrer. In Imst unterrichtete er Englisch, Italienisch und Sport. Anfang der 1990er-Jahre erkannte man an seiner Schule jenen fatalen Trend, der bis heute aus Hauptschülern oft Jugendliche zweiter Klasse macht: Wer kann, schickt sein Kind ins Gymnasium. "Wir haben uns also überlegt, wie wir unsere Schule interessant machen könnten."

Gabls Idee: Klettern. Logisch: Schon während des Studiums hatte er die Bergführerausbildung abgeschlossen. Die Direktorin war begeistert - die Bürokratie nicht: "Die haben alle Haare aufgestellt." Dennoch ging Gabl mit den Kids 1991 in den Klettergarten. Für zwei Freifachstunden pro Woche: "Im Grunde war es illegal: Wir haben im September begonnen - der Bescheid kam im Juni." Im Winter tat Gabl noch etwas Unerhörtes: Er setzte im Turnsaal Boulder. Auf Deutsch: Er schraubte Griffe und Tritte in die heilige Schulmauer. "Heute ist das fast Standard."

Die Saat ging auf: Die Kinder kletterten mit Begeisterung - und Talent. Gabl schickte sie auf Bewerbe - sie kamen mit Medaillen heim. So kam zur Schule ein Verein. Und aus dem Freifach wurde ein eigener Zweig der Sporthauptschule. Auch die Gemeinde reagierte - und baute 1997 eine Kletterhalle. 1997 war das außergewöhnlich.

Mit Beharrlichkeit zum Ziel

Der Erfolg gab Mike Gabl recht: "Österreich ist im Sportklettern heute eine Weltmacht. Ähnlich wie im Skilauf. Aber von den fünf besten österreichischen Sportkletterinnen stammen drei von hier. Ein Zufall?" Die Bekannteste: Angela Eiter. Die Doppelweltmeisterin stammt aus Imst - und ging hier zur Schule.

Der Konnex zum touristischen Klettern ist für den Kletterguru zwingend: "Die Breitenwirkung: Der Trend war absehbar." Gabl war den lokalen Touristikern seit 30 Jahren in den Ohren gelegen, nicht nur den Winter im Auge zu haben. Doch - mittlerweile Trainer des Sportkletter-Nationalteams und Sportkletter-Ausbildungsleiter der österreichischen Berg- und Skiführer - war er schwerer zu überhören als ein kletternarrischer Turnlehrer: Gabl konnte belegen, dass die Verletzungsgefahr beim Sportklettern deutlich geringer ist als beim Fußballspielen. Oder beim Skifahren. Er konnte auf andere Regionen verweisen. Auf Arco etwa: Auch - und vor allem - Infrastruktur und Informationsaufarbeitung machten die Gegend am Gardasee zum Klettermekka.

Das überzeugte die winterfixierten Touristiker: 2007 stellten die Ötztaler www.climbers-paradise.com online: als Serviceseite ("Wichtig sind nicht bloß die Routen und ist nicht nur, dass diese gut in Schuss sind, sondern auch die Infos über Wege dorthin: Parkplätze, Wegzeiten, Rastplätze, WCs ..."). Benachbarte Täler und Gemeinden sahen anfangs skeptisch zu. Gabl ließ sich belächeln - und kann dafür heute selbst schmunzeln: "Heute wollen sie alle dabei sein. Am liebsten seit gestern." (Thomas Rottenberg, Album, DER STANDARD, 21.7.2012)

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