Paläopower - Das Wissen der Evolution nutzen

Rezension | Florian Bayer
27. Juli 2012, 13:06
  • Mit ihrem Buch "Paläopower" will die Evolutionsbiologin Sabine Paul "in die Welt der Jäger und Sammler eintauchen".
    foto: c.h. beck

    Mit ihrem Buch "Paläopower" will die Evolutionsbiologin Sabine Paul "in die Welt der Jäger und Sammler eintauchen".

In ihrem neuen Buch erklärt die Evolutionsbiologin Sabine Paul, wie man mit dem Wissen aus der Altsteinzeit länger leben kann

Mehr als 99 Prozent ihrer bisherigen Entwicklung haben die Menschen als Jäger und Sammler verbracht; in dieser Zeit konnten sie sich optimal an die Umwelt anpassen. "Es gibt wenig Grund, die paläolithische Phase unserer Vergangenheit zu romantisieren - wohl aber Anlass, sich die Erfolgsstrategien unter diesen widrigen Bedingungen bewusst zu machen und auch heute zu nutzen", schreibt die deutsche Molekular- und Evolutionsbiologin Sabine Paul in ihrem neuen Buch "Paläopower". Darin erklärt sie, wie wir die Kraft des "genetischen Erbes der Steinzeit" auch heute noch nutzen können.

Den Hauptteil des Buchs nimmt das Kapitel Ernährung ein. Paul zufolge ist es nötig, "dem heutigen Wildwuchs an Ernährungs- oder Verhaltensregeln einen wissenschaftlich basierten Kompass entgegenzusetzen". Unser Stoffwechsel ist seit Urzeiten darauf optimiert, möglichst viel Energie zu speichern, um das Überleben zu sichern. Heutzutage ist das freilich nicht mehr notwendig, weshalb immer mehr Menschen infolge der industriellen Massenproduktion und der ständigen Verfügbarkeit von Essen unter Übergewicht leiden.

Vom Fast Food zum Paläo-Food

Laut Paul ist die Ursache dafür ein Mangel an hochwertigen Lebensmitteln: "Nährstoffqualität wird unbewusst durch Nahrungsmittelquantität ersetzt - eine Fehlanpassung in der modernen Welt." Geschmack und Nährwert würden immer mehr entkoppelt; mit Light-Produkten und Aromen würden wir unsere Sinne betrügen und den Körper täuschen. Auch die Trends zu Fast Food, Designerfood (Imitate wie Analogkäse, künstlicher Schinken, aber auch genmanipulierte Nahrung) sowie Pharmafood (mit Medikamenten angereicherte Lebensmittel) würden unserer Gesundheit schaden.

Paul meint, dass wir uns dem "Ernährungsregelterror" mit Vorgaben aus Gesellschaft, Industrie, Religion und Medizin nicht länger unterwerfen, sondern unseren körperlichen Bedürfnissen folgen sollten. Umso mehr verwundert, dass ausgerechnet die Autorin selbst Ernährungsempfehlungen aufstellt: Sie ruft auf, zumindest für eine Woche alle Lebensmittel aus dem Kühlschrank zu entfernen, die "nicht paläolithisch" sind, also in der Steinzeit noch nicht zur Verfügung standen - etwa Milchprodukte, glutenhaltige Getreideprodukte, Hühnereier, Fertigprodukte. Danach solle man im Wochentakt  Schritt für Schritt die "neueren" Lebensmittel wieder aufnehmen und den darauf folgenden "Effekt" beobachten. Eine wissenschaftliche Begründung, warum ein Leben ohne Eier, Milchprodukte und Brot gesünder sein soll, fehlt allerdings völlig.

"Das Leben ist zu einer Käfighaltung mutiert"

Der Neuigkeitswert des Buches hält sich generell meist in Grenzen. So schreibt die Autorin, dass unser Alltag und die zunehmende Automatisierung mitverantwortlich am gehäuften Auftreten von Zivilisationskrankheiten seien. Paul konstatiert: "Das Leben ist zu einer Käfighaltung mutiert." Seit jeher seien wir programmiert, unseren Energieaufwand möglichst gering zu halten, weshalb es den meisten viel leichter falle, fernzusehen als joggen zu gehen.

Einen möglichen Ausweg sieht die Molekular- und Evolutionsbiologin darin, zum steinzeitlichen Lebensrhythmus zurückzukommen, also zwei Tage Regeneration auf ungefähr zwei Tage Arbeit (respektive Jagd) folgen zu lassen. Dass eine solche Umstellung der Gesellschaft schwer bis nicht realisierbar ist, leuchtet freilich auch Paul ein. Ein Vergleich mit der heutigen Arbeitswelt führe aber das "Missverhältnis der heutigen Arbeits-/Freizeitbilanz vor Augen".

Mit "Paläopower" gegen Burn-out, AHDS und Allergien

Absurd wird es, wenn die Autorin Parallelen zwischen dem Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Defizit-Syndrom (AHDS) und den Anforderungen aus der Steinzeit zieht. Was heute unerwünscht sei (Impulsivität, Risikobereitschaft, Aggressivität), habe damals einen genetischen Vorteil dargestellt. Die heutigen, als nachteilig empfundenen Symptome seien das Produkt der modernen Umwelt, die nicht zu dieser genetischen Ausstattung passe.

Als einen auslösenden Faktor für AHDS ortet sie wieder einmal falsche Ernährung. Abhilfe soll der "Paläopower-Kompass" bieten, der mit Hilfe von Moodfood ("Nervennahrung" wie Hülsenfrüchte, Samen und Pilze), Bewegungsspielen und Erholungsphasen in der Natur AHDS bekämpfen will. Auch Burn-out und Allergien will die "Paläopower" bekämpfen - einmal mehr mit der Rückbesinnung auf Steinzeit-Ernährung und mehr Bewegung.

Flirten als Strategie zu Übergewicht

Skurril auch, wenn Paul als eine Strategie gegen Übergewicht das Flirten empfiehlt: "Wenn Sie Ihren Traummann oder Ihre Traumfrau gefunden haben: Flirten Sie mit ihm oder ihr unermüdlich weiter. Die Statistik zeigt: Eine langweilige Ehe oder eine Scheidung machen dick, die Verführungskunst hält attraktiv."

Nicht alle Tipps erweisen sich als untauglich: Das Vermeiden von Stress, möglichst viel Bewegung in der Natur und eine bewusste Ernährung tragen definitiv zu einem gesünderen Leben bei. Das ist aber alles nicht neu - und dazu hätte es auch keinen Ratgeber über die Paläopower gebraucht. (Florian Bayer, derStandard.at, 27.7.2012)

Sabine Paul
Paläopower
Das Wissen der Evolution nutzen für Ernährung, Gesundheit und Genuss
Verlag C.H. Beck
301 Seiten, 13,40 Euro

Sabine Paul (44) ist promovierte Molekular- und Evolutionsbiologin und hat sich auf die Themen Evolutionäre Medizin, Ernährung und Psychologie spezialisiert. Im Jahr 2009 gründete sie das Paläo-Power-Institut.

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wie man mit dem Wissen aus der Altsteinzeit länger leben kann...

wie hoch war deren lebens erwartungen damals? ; )

Oh neuer

Gesundheitsredakteur an Bord? Bin positiv überascht von dem Artikel.

Lustig find ich ja zB auch die Behauptungen, dass ADHS in der Steinzeit sinnvoll gewesen sei (soll sein), und dass Steinzeitnahrung ADHS-Symptome kuriert. Wer findet den Fehler? :-)

abgekupfert. das gibts schon lange.

Und wieder eine Modewelle aus den USA...

... diese Paläo-Diäten haben vor kurzem in den USA für "Furore" gesorgt. Seitdem sind die vorher so übergewichtigen US-Amerikaner ja auch total abgeschlankt...
Da will wieder jemand den schnellen Euro.

Das muss man verstehen. Dort fällt alles unter Steinzeit, was vor der Industrialisierung geschah ;)

da ist er wieder einmal: der Steinzeit-Mensch, das unbekannte Wesen

für alles und jedes, was uns heutzutage zwickt, muss die Wurzel in der Steinzeit herhalten (als hätten wir die vergangenen Fünf- bis Zehntausend Jahre mehr oder weniger ereignislos verbracht)...

Ich vermute einmal: die Jäger- und Sammlerkulturen haben alles verwertet, wass essbar war. Also auch Vogeleier und Wildgetreide. Und in Hungerzeiten so einiges, was der heutige Mensch nicht mehr runterbringen würde: Würmer, Maden, Flechten, Baumrinde, Blätter, Gras.

Viel Spaß beim Nachkochen!

Du solltest unbedingt mal die nordischen Starköche ansehen in der "Lifestyle"-Ecke, bevor du über diese Lebensmittel lästerst ;)

Einseitige Wahrnehmung

Jetzt les ich den Artikel schon zum dritten Mal und kann mir nur merken, dass die Frau "pop dich schlank" empfiehlt. Vielleicht doch nicht so schlecht das Buch. ;)

Eierdiebin

Was hat wohl ein Steinzeitmensch gemacht, wenn er ein Nest gefunden hat?

Nee, das esse ich nicht, das ist ungesund. :D

Reine Geldmacherei...

Blödsinn!

Die meiste Zeit unserer Existenz haben unsere Vorfahren als einzelliger Organismus in einer Pfütze verbracht! Die geringe Zeit in der wir mehrzellige Organismen sind kann man getrost vernachlässigen!

mit dem Schmarren...

..bringt eine Biologin erfolgreich mal wieder BiologInnen in Verruf. Dabei könnten wir mit etwas Vorsicht und mehr Umsicht schon viel aus den vergangenen knapp 4 Milliarden Jahren unserer Entstehung lernen.

Soweit ich weiß, sind die Menschen damals aber nur geschätzte 25 (+/- 5) Jahre geworden.

nur am Rande: die Lebenserwartung ist eine statistische Größe, die ab Geburt berechnet wird; mit hoher Säuglings- und Kindersterblichkeit kommt dann halt ein Mittelwert von 25 +/-5 raus

für die Körpergröße (der Jäger/Sammler) liegt er beispielsweise bei knapp über einem Meter, und was sagt uns das jetzt? dass die Jäger/Sammler Zwerge waren? Mitnichten! Skelettfunde belegen, dass sie, dem Kindesalter einmal entwachsen, eine höhere Lebenserwartung hatten als z.B die später sesshaft gewordenen Population (~60 vs. ~40)
Habe mit großem Vergnügen "Sex at Dawn" gelesen, das an das Hauptthema (Sexualverhalten) mit einer Menge an (paläo)anthropologischen, biologischen - wissenschaftlichen Fakten herangeht; bisschen wie Gräbers 5000 Jahre Schulden: schön, wenn man zur Abwechslung mal eine andere Narrative, noch dazu gut recherchiert und präsentiert, vorgelegt bekommt...

Ja schon seltsam dass von einigen Kommentaren, dass im Zusammenhang mit dem Buch dauernd ein statitisches Durchschnittsalter der Steinzeitmenschen angesprochen wird. Denn ich nehme nicht an, dass die geringere Kindersterblichkeit heutzutage hauptsächlich einen Ernährungsunterschied anzurechnen wäre.

Statistische Mittelwerte müssen interpretiert werden.

Jeder Mensch hat danach einen Hoden und einen Eierstock.

Und deswegen soll man Kindersterblichkeit und Lebenserwartung ab einer kritischen Phase nicht getrennt beobachten?

Sogar heute noch sterben Kinder am schnellsten.

eine höhere Lebenserwartung hatten als z.B die später sesshaft gewordenen Population

Ja, das ist so.

In der Kindheit wurden unsere Vorfahren dahingerafft. Dazu kam zusätzlich noch die Müttersterblichkeit.

Warum die Neolithisierung arg an die Gesundheit ging, müsste allerdings im Detail noch geklärt werden. So sind kulturelle Faktoren (Ungleichverteilung) wie auch einseitige Ernährung einige mögliche Faktoren.

Interessant, mir war nicht bewusst, dass das Neolithikum tatsächlich "ungesünder" war. Find ich sehr interessant, da die stattgefundene Mehrproduktion und damit verbundenere einseitigere Ernährung auch ein guter Ansatzpunkt für eine Erklärung ist. (Und das ist auch heutzutage ein aktuelles Thema.) Andererseits ist die Sesshaftigkeit in Kombination mit Infektionsquellen und schnell mutierenden Krankheitserregern ein anderer Ansatzpunkt.

"dass das Neolithikum tatsächlich "ungesünder" war"

Darauf weisen die archäologischen Befunde in der ganzen Welt hin.

Man sollte aber auch erwähnen, dass nach einer gewissen Zeit die Lebenserwartung und die Knochenbefunde sich wieder "erholten".
Somit könnte man genauso schließen, dass dieser Einbruch in der Gesundheit mit der Sesshaftwerdung nur ein vorübergehendes Phänomen war.

Außerdem ist der Schluss nicht zwingend, dass die Neolithisierung als solche "gesundheitsschädlich" war, sondern erst ab einer - durch das hohe Bevölkerungswachstum bedingt - bestimmten Bevölkerungsdichte.

Zum Teil liegt es wohl auch am engen Zusammenleben großer Menschen- und Tiergruppen mit den sich dort schnell ausbreitenden Infektionen.

Worüber die damaligen Jäger und Sammler

... wohl auch nicht besonders glücklich gewesen sein dürften.

Ja und dann sind sie an Allergien (Birken, Buchen, Katzenhaar) oder an Burnout (Dauerflirten) elend zugrunde gegangen, ohne den Segnungen der modernen Meizin.

daran stirbt man aber auch heute sehr selten.

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