Zehntes Pflichtschuljahr: Expertin dafür

20. Juli 2012, 10:11
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Christa Koenne plädiert für Reform des Polytechnikums - Parteien skeptisch - Ministerium kündigt Reform des neunten Schuljahrs an

Wien - Für eine Neustrukturierung der Polytechnischen Schule und ein weiteres, verpflichtendes Schuljahr sprach sich am Donnerstag ÖGB-Präsident Erich Foglar aus. (derStandard.at berichtete) Jährlich würden zwischen 6.000 und 8.000 Jugendliche nach ihrer Pflichtschulzeit keine weiterführende Ausbildung machen und deshalb aus dem Ausbildungssystem herausfallen, das sei nicht zufriedenstellend, so Foglar.

Dass das ein gravierendes Problem darstellt, findet auch Bildungsexpertin Christa Koenne. Im Ö1-Morgenjournal am Freitag sagte sie, Jugendliche würden es später bereuen, keine weiterführende Ausbildung abgeschlossen zu haben. Die Forderung, ein Jahr länger die Schulbank zu drücken, leuchte daher ein. Koenne warnt aber: Ein zehntes Pflichtschuljahr mache nur Sinn, wenn man die Jugendlichen begleite, dass sie am Ende des Weges selbst die Verantwortung für ihre weitere Bildung übernehmen. "Wir entlassen die Schülerinnen und Schüler aus den Schulen meist nicht lernwillig. Das hat was mit der Art zu tun, wie sie beschult werden. Wir infantilisieren diese jungen Erwachsenen."

Reform des Polytechnikums

Auch Koenne fordert eine Reform des Polytechnikums. Die Lücke bis zum Ende der Schulpflicht sollte mehr Sinn ergeben. Als Beispiel nennt Koenne die Werkschulheime, wo man auch einen Beruf erlernen und außerschulische Erfahrungen sammeln könne. 

Die Bildungssprecher der Parlamentsparteien reagieren auf "Ö1" jedoch zurückhaltend auf Foglars Vorschlag. Für FPÖ-Bildungssprecher Walter Rosenkranz wäre es vor allem notwendig, das bestehende Pflichtschulsystem zu reformieren und in der neunten Schulstufe, im Polytechnikum, "mehr Qualität einzusetzen". Ein zehntes Schuljahr würde vielen Jugendlichen die Möglichkeit nehmen, ins Berufsleben einzusteigen. Die Bildungssprecherin des BZÖ, Ursula Haubner, weist ebenfalls auf das Problem der neunten Schulstufe hin: Eine Verlängerung löse diese Probleme nicht. 

Grüne dafür

Harald Walser von den Grünen ist hingegen der Meinung, ein zehntes Schuljahr würde Vorteile bringen. In seinen Augen wäre jedoch die Einführung der gemeinsamen Schule der 10- bis 14-Jährigen wichtiger.

Die ÖVP ist skeptisch: Bloßes Zeitabsitzen erhöhten sich die Chancen am Arbeitsmarkt nicht. 

Reform des neunten Schuljahrs

Derzeit werde mit den Bildungssprechern aller Parlamentsparteien über eine Reform des neunten Schuljahrs verhandelt, hieß es aus dem Ministerium. Für jene, die über 16 Jahre alt sind und über keinen Pflichtschulabschluss verfügen, wurde erst kürzlich die Möglichkeit eines kostenlosen Nachholens geschaffen. Ein zehntes Pflichtschuljahr "passt da grundsätzlich gut in die Architektur", eine mögliche Ausweitung der Schulpflicht sei auch durchaus Thema bei den Debatten zur Reform des neunten Schuljahrs. (red, derStandard.at, 20.7.2012)

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