Wien - Vaduz und zurück

19. Juli 2012, 23:13
45 Postings

Die Paarung der Austrian Bowl lautet wie jene aus dem Vorjahr. Eigentlich wäre das aufgelegt gewesen, glauben wollten das nur wenige. Vor dem letzten Spiel in Österreich geht es noch nach Liechtenstein

Wir haben in unserer siebenköpfigen Football-Austria-Runde ein jährliches Orakel, in dem wir alle Spiele aller Ligen in Österreich wöchentlich tippen und dann zur Debatte stellen. Das macht man, das haben wir so im Fernsehen gesehen und das ist auch spannend und amüsant. Das Erfolgsrate ist hier weit höher als bei Kollegen in den USA. Nicht etwa, weil wir alle das dritte Auge hätten, sondern manch Niederlage/Sieg recht einfach vorherzusehen ist. Von hundert Spielen in Österreich können wir ihnen den Ausgang der Hälfte mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit richtig vorhersagen. Der Rest ist Können, Glück oder beides. Das wird, je höher die Liga, umso schwieriger. Ausnahmen bestätigen die Regel. Von allen möglichen AFL-Tipps auf die Rangers ging heuer keiner an sie. Das ist zwar gemein, war aber trotzdem 70 Mal richtig.

Vikings vs. Raiders

Von sieben Redakteuren hat genau einer diese Paarung getippt. Und das ist eigentlich peinlich. Ein gewisser Andreas Tatarski, ehemals Spieler und Trainer in Amstetten, der sich für Football-Austria in der dritten Liga umsieht, sah das an sich Logische auch so kommen. Ich unterstelle ihm, dass er weiß, dass die Raiders aus Tirol und die Vikings aus Wien sind, aber ob er auf Anhieb auch deren Teamfarben weiß? Ernsthaft: Er (der Division 2 Guy!) musste kommen, um der Runde, die sich in die Paarung Vikings-Giants fest biss, zu belehren?! Ich entschied mich ja für die ganz harte Variante Raiders-Dragons und hatte dabei am Sonntag lange Zeit sogar ein sehr gutes Gefühl. Am Ende (ent)täuschte es mich jedoch.

Wise Up, Giant!

Unter "The Same Procedure As Every Year" fällt wohl der Playoff-Auftritt der JCL Giants Graz in Innsbruck bei den Swarco Raiders. Ein knappes Spiel, viele Punkte und am Ende gewinnen die Raiders. Die Giants zählen ja mittlerweile selbst gerne ihre knappen Niederlagen auf, Gary Lineker ist dabei ihr Freund.

Dabei begann die Sache für die Steirer vielversprechend. Im ersten Drive nahmen sie nicht nur fast ein ganzes Viertel von der Uhr, sondern auch sechs Punkte mit. Die erste und letzte Führung der Gäste an dem Abend. US-Allzweckwaffe Talib Wise erzielte vier Touchdowns und warf einen weiteren auf seinen Quarterback Kyle Callahan. Jener Callahan, der nach seiner Schulterverletzung vor einem Monat fraglich war, spielte laut seinem Trainer Shuan Fatah mit nur 50-prozentiger Fitness.

Die Giants blieben zwar über das gesamte Spiel hindurch an den Raiders dran, an ihnen vorbei kamen sie nie mehr. Zur tragischen Figur avancierte (auch das ist nichts allzu Neues) Giants Quarterback Chris Gunn in seiner fünften und nun wahrscheinlich doch letzten Saison für die Grazer. Beim Spielstand von 28:34 aus Sicht der Giants hatten die Gäste im letzten Viertel die Chance, der Partie nochmals eine Wendung zu geben. Philipp Margreiter schlug Gunn aber an der Raiders 25 den Ball aus der Hand und Christoph Schilcher sicherte das Ei für die Tiroler. Kurz danach stand es nach einem Callahan-Pass auf Christian Willi 41:28 für die Raiders und die erste Hälfte der Messe war damit gelesen. Wise erzielte dann noch seinen vierten Touchdown im Spiel, damit half es den Giants auch nicht mehr, dass sie noch zu zwei weiteren Touchdowns kamen und damit nach dem ersten Viertel auch das letzte gewannen. In Summe waren die Hausherren bei 48:42 um genau diese sechs Punkte auch besser.

Sie gegen uns

Interessant wurde es auch nach dem Spiel, als Shuan Fatah seinen eigenen Leuten ein auf den ersten Blick recht kryptisches Interview gab. Gewisse Menschen würden den Raiders so viele Hindernisse in den Weg legen, man müsse nur die E-Mails lesen, die man Anfang der Woche bekommen habe.

Fatah hat diese "Us Against Them" Motivationsstrategie schon in der GFL, im "kleinen, diskriminierten Berlin", angewandt. In Tirol, wo Skepsis gegen alles nicht Tirolerische schnell auf fruchtbaren Boden fällt, wirken die Worte des Deutschen als teutonischer Verstärker des hochalpinen Argwohns. Das Mittel setzt Fatah ebenso gekonnt wie gezielt ein. Fast jede Regel, sei sie in der Wettspielordnung, in den Durchführungsbestimmungen oder in den Statuten verankert, wird reflexartig als Schikane, bisweilen sogar als Majestätsbeleidigung interpretiert. Das funktioniert im Fall der Beschränkungen der Legionäre deshalb, traf diese die Raiders auch am Härtesten. Da kann man noch mit, auch wenn hier in starken Kontrastfarben gemalt wird. In anderen Fällen wird drum herum konstruiert, um der Theorie ein halbwegs erklärbares Fundament zu geben. Die Vorgangsweise mag für ihn (Fatah) wirksam sein, für Restösterreich ist es mittlerweile extrem mühsam und schwer nachvollziehbar geworden. Zudem widerspricht es den offiziellen Wünschen des Klubs nach mehr Zusammenarbeit und einem breiten Konsens. Fatah sondert seinen Klub absichtlich ab und hat dabei auch noch die Chuzpe, den Spieß umzudrehen. Zweites wird er wohl nicht aus Berlin mitgebracht, sondern von der österreichischen Innenpolitik gelernt haben.

Können Sie kicken?

In Wien wurde auch gespielt und die Tiefe des Liebesverhältnisses zwischen den Vikings und Dragons ist ebenfalls mit eine Mal Luftholen zu ertauchen, wenn auch von deutlich weniger Theatralik getragen. Hier konzentriert man sich in der Außendarstellung (nicht immer, aber meist) auf den Sport, als auf E-Mails und Kamellen.

Die Dragons rechneten sich, angesichts ihrer sich im Ansteigen befindlichen Formkurve und trotz zweier deutlicher Niederlagen gegen die Vikings im Grunddurchgang, gute Chancen im zweiten Halbfinale aus und das, wie sich schnell herausstellte, völlig zurecht.

Die Herren von Ivan Zivko präsentierten sich, wie schon in den vorangegangen Spielen gegen die Raiders und Giants, in einem kompakten Zustand und schockten einen großen Teil der 4.200 Zuschauer auf der Hohen Warte, als sie sich eine 10:0-Führung erarbeiten konnten. Das war der höchste Rückstand, mit dem die Vikings heuer in der Bundesliga umgehen mussten. Sie taten sich damit schwer. Auch zur Pause lagen die Dragons noch voran und bauten die Führung nach Wiederbeginn sogar noch aus.

Das Spiel zum Kippen brachte dann die Vikings Defense und ein Griff von Headcoach Chris Calaycay in die Trickkiste. Nach zwei vergebenen Versuchen ein Fieldgoal aus kurzer Distanz zu erzielen, läutete im dritten Anlauf ein Fake zum Touchdown die Wende ein. Am Ende fiel der Sieg mit 48:32 sogar noch deutlich aus.

Die Vikings haben damit heuer auch einen neuen Klubrekord aufgestellt. Sie verwerteten genau die Hälfte ihrer Fieldgoalversuche zu Punkten. Ein All-Time-Low für die Wiener. Falls Sie glauben kicken zu können: Das nächste Tryout findet im September statt.

So lautet die Paarung im Finale der Bundesliga 2012 wie schon jene des Jahres 2011. Nur die Vorzeichen sind umgekehrt. Damals hatten die Raiders als Nummer 1 des Grunddurchgangs Heimrecht und noch eine Eurobowl vor der Austrianbowl. Dieses Mal sind die Wikinger in genau der Situation.

Endspiel in Liechtenstein

Das Endspiel der European Football League (EFL), die Eurobowl XXVI, zwischen den Raiffeisen Vikings und Calanda Broncos findet heuer in Vaduz statt. Quasi auf neutralem Boden zwischen der Schweiz und Österreich, wobei die Churer einen Felsrutsch weiter zu Hause sind. Die Wiener begeben sich schon am Freitag auf die Reise.

In jedem Fall wird am Samstag Geschichte geschrieben. Gewinnt Calanda das Finale, wäre es die erste Eurobowl für eine Mannschaft aus der Schweizer Nationalliga. Schlagen die Vikings ein fünftes Mal nach 2004-2007 zu, dann wäre das die achte Eurobowl, die nach Österreich geht. In keinem anderen Land stünden mehr in der Vitrine.

Wer läuft?

Ein Problem haben die Vikings auf der Runningback-Position aufgerissen. Dusty Thornhill ist seit Wochen angeschlagen und auch für dieses Spiel fraglich. Florian Hiess studiert in Übersee, Tim Bach und Kenneth Chinaemelu sind mit Verletzungen draußen. So musste zuletzt mit Islaam Amadu der fünfte Back ran, der gegen die Dragons in 17 Versuchen 48 Yards weit kam. Genug, um auch ein Passspiel zu etablieren. Christoph Gross komplettierte zwar nur 13 seiner 31 Pässe, diese dafür aber über 283 Yards und vier Touchdowns. Der gebürtige Burgenländer beendete den Grunddurchgang als Nummer 1 Quarterback der Liga und führt so gut wie alle QB-Statistiken überlegen an. Zwar ist mit Kyle Kaiser auch der zweite US-Import der Offense angeschlagen, aber der konnte zumindest phasenweise ins Spiel eingreifen und auch zwei TD-Pässe fangen.

Von den Broncos sah man letzthin wenig. Das Aufregendste an der Swiss Bowl, die Calanda mit 56:14 gegen Basel gewann, war eine Massenschlägerei zwischen Basler Spielern, Trainern und den Schiedsrichtern, nachdem die Gladiators erkannten, dass sie sportlich gegen die Broncos nichts zu bestellen haben. Daher werden die Vikings mehr Rückschlüsse auf den Gegner aus dessen Begegnungen gegen Graz und Innsbruck ziehen können.

Die Papierform spricht, trotz der imposanten Serie der Vikings heuer (12-1), für Calanda, welche eben die #3 und die #2 der AFL bereits aus dem europäischen Rennen nehmen konnten und die Swiss Bowl im Vorbeigehen mitnahmen. Die weisen die Favoritenrolle aber den Wienern zu und das mit teilweise sehr amüsanten Argumenten.

Die schwache Defense der Vikings

Ihr Präsident Walter Tribolet schwärmt im "Kickoff"-Magazin davon, eines Tages ein solches Budget wie die Vikings haben zu können. Ernsthaft! Nun bräuchte er das seine ja nur ca. zu halbieren, dann hätte er es auch. Die Broncos sind mit ihren über 20 Legionären "heavily financed", wie es die Webseite "Double Coverage" auch richtig erkannt hat.

Ihr Hausblogger ortet eine gewisse Ignoranz der Medien in Österreich gegenüber den Bemühungen seines Lieblingsvereins. Er selbst hat aber recherchiert und weiß daher zu berichten, dass die Vikings die Eurobowl-Titelverteidiger sind (?) und ihre Schwäche die Defense ist (!). Hört, hört!

Es steht zu befürchten, dass sich Calanda Headcoach Geoff Buffum dieser Fachmeinung nicht ganz anschließen und hier eher ihre Stärke vermuten wird. Wobei sich der Unsinn dann auch wieder relativiert, da dem Autor unanständiger Weise nicht mal verraten wurde, wer für seine eigenes Nationalteam zuständig ist und diese Rolle einfach mal dem Hohenemser Manager Christoph Piringer zuspricht. Wobei das auch Absicht sein könnte.

Raus aus dem Unterhaus

Im September steht für die Schweiz nämlich ein ganz wichtiger Termin an. Hefte raus, Schularbeit! Die C-Gruppen Europameisterschaft. Die Eidgenossen wollen unbedingt aus der europäischen Unterklasse raus und dafür müssen sie die Chose bei ihnen zu Hause, bzw. in Hohenems, gewinnen. Das würde auch blöd aussehen, wenn sie dann, als mögliche Eurobowl Champions, mit ihrem Nationalteam weiterhin im Keller nach dem Lichtschalter suchen müssten. Zum Problem könnte dabei u.a. Serbien werden und somit befindet man sich heute schon auf der Suche nach den Schuldigen von morgen. Auch wird beklagt, dass der für "seine millimeter genauen Zuspiele" (warum fällt mir so was nie ein!) bekannte Broncos Quarterback Marko Glavic (er hat einen Schweizer Zweitpass) vom Schweizer Verband nicht ins Nationalteam einberufen wurde. Tatsächlich ist Glavic einberufen, aber zu der Zeit wahrscheinlich zu Hause in Kanada. "Wir haben mit Marko schon mehrmals, zuletzt auch in Innsbruck gesprochen. Sollte er in Europa sein, dann wird er für die Schweiz auch spielen", so Ekrem Tara, der Cheftrainer der Nati. Glavic führte die Schweiz bei der C-EM im Jahr 2007 zu Platz 3.

Andererseits sollte man in der Schweiz eigentlich froh sein, dass das bisher nicht so ein großes Thema war, denn es sind ja zum Teil auch Hiobsbotschaften dabei. Der Kartenvoverkauf klappte auch technisch nicht ganz so wie geplant und der Shuttledienst zwischen den Städten Chur und Vaduz wurde wieder abgeblasen. Offenbar ist das Interesse dann doch nicht so groß wie erwartet. Man hofft trotzdem auf tausende Besucher aus Österreich. Im Vikings-Fanzug ins Fürstentum befinden sich mal 100. Die sollten sich gut einpacken, denn es sind Tiefsttemperaturen von 12 Grad und Regenschauer für diesen Samstagabend vorhergesagt. Vor allem aus Vorarlberg sollten sich aber trotzdem noch einige im Rheinpark einfinden. ORF Sport + überträgt die Partie ab 17.55 live. Auch Eurosport2 ist live drauf und in der Championsbar des Wiener Marriott Hotels wird das Spiel via Beamer und Flatscreens gezeigt. (Walter Reiterer, derStandard.at, 20.7.2012)

Eurobowl XXVI: Calanda Broncos vs. Raiffeisen Vikings
Samstag 21. Juli 2012 18:00 Uhr, Rheinparkstadion Vaduz, FL

AFL Semifinali:
Swarco Raiders Tirol vs. JCL Giants Graz 48:42
Statistiken
Raiffeisen Vikings vs. Danube Dragons 48:32
Statistiken

CHEVROLET AUSTRIA BOWL XXVIII
Raiffeisen Vikings vs. Swarco Raiders

Samstag 28. Juli 2012 20:30 Uhr, Hohe Warte Wien
Zum Kartenvorverkauf

  • Allein gegen die Mafia - Staffel 2: Sie müssten mal seine E-Mails lesen! Chefinspektor Shuan Fatah hat alles fest im Griff und steht mit den Unbestechlichen in dem nach Football-Sizilien entführten Endspiel. Manchmal muss er wohl selber ein wenig lachen.
    foto: florian schellhorn

    Allein gegen die Mafia - Staffel 2: Sie müssten mal seine E-Mails lesen! Chefinspektor Shuan Fatah hat alles fest im Griff und steht mit den Unbestechlichen in dem nach Football-Sizilien entführten Endspiel. Manchmal muss er wohl selber ein wenig lachen.

  • Quarterback Jonathan Dally (8), hier auf der Flucht vor Vikings Linebacker Simon Blach (49), spielte ein starkes Halbfinale. Am Ende mussten sich die Dragons dem Stadtrivalen aber geschlagen geben.
    foto: holly kellner

    Quarterback Jonathan Dally (8), hier auf der Flucht vor Vikings Linebacker Simon Blach (49), spielte ein starkes Halbfinale. Am Ende mussten sich die Dragons dem Stadtrivalen aber geschlagen geben.

  • Gunn Tragic. Das Duell Philipp Margreiter (36) vs. Chris Gunn (12) entschied der Tiroler für sich. Ein Forced Fumble und der US-Amerikaner beendete vermutlich seine fünfjährige Karriere auf klassische Art.
    foto: florian schellhorn

    Gunn Tragic. Das Duell Philipp Margreiter (36) vs. Chris Gunn (12) entschied der Tiroler für sich. Ein Forced Fumble und der US-Amerikaner beendete vermutlich seine fünfjährige Karriere auf klassische Art.

  • Die Talib Wise-Show am Tivoli: Der US-Amerikaner erzielte gegen die Giants vier Touchdowns und bediente seinen Quarterback Kyle Callhan mit einem Pass zu weiteren sechs Punkten.
    foto: florian schellhorn

    Die Talib Wise-Show am Tivoli: Der US-Amerikaner erzielte gegen die Giants vier Touchdowns und bediente seinen Quarterback Kyle Callhan mit einem Pass zu weiteren sechs Punkten.

  • Auch Wide Receiver Kyle Kaiser (3) war nicht ganz fit, fing aber zwei Touchdowns auf der für Wikinger heiligen Warte.
    foto: holly kellner

    Auch Wide Receiver Kyle Kaiser (3) war nicht ganz fit, fing aber zwei Touchdowns auf der für Wikinger heiligen Warte.

  • Islaam Amadu (20) war ursprünglich nur die Nummer fünf am Depth Chart der Vikings Runningbacks, nach drei Verletzungen und einem Studienaufenthalt rückte er jedoch im Backfield beim Halbfinale ganz nach vor.
    foto:holly kellner

    Islaam Amadu (20) war ursprünglich nur die Nummer fünf am Depth Chart der Vikings Runningbacks, nach drei Verletzungen und einem Studienaufenthalt rückte er jedoch im Backfield beim Halbfinale ganz nach vor.

Share if you care.