Wenn der VIP zweitrangig wird

Gespräch19. Juli 2012, 21:52
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Der Tenniszirkus macht wieder in Kitzbühel Halt. Wo die ganz großen Stars fehlen, müssen Visionen her. Turnierdirektor und Ex-Profi Alexander Antonitsch glaubt, sie zu haben

Wien - Juan Ignacio Chela, der traut sich was. Mit dem Paragleiter flog der argentinische Tennisspieler im Vorjahr die Kitzbüheler Streif ab. Im Tandem wohlgemerkt, aber immerhin. Auch andere Profis wissen die Freizeitmöglichkeiten in der Region zu schätzen. Der eine schwingt sich auf das Mountainbike, der andere springt in den Schwarzsee. Und Juan Carlos Ferrero, ehemalige Nummer 1 der Tenniswelt, soll sich bereits im Vorfeld nach den Golfplätzen erkundigt haben. "Zu anderen Turnieren reisen die Spieler mit ihrem Coach an, in Kitzbühel buchen sie mitunter sechs Zimmer. Da kommen auch Familie und Freunde mit", sagt Alexander Antonitsch, der Turnierdirektor des bet-at-home-Cups, im Gespräch mit derStandard.at. 

Antonitsch war selbst jahrelang als Profi auf der Tour, er kennt die Bedürfnisse der Globetrotter. Für Kitzbühel müsse man unter den Athleten gar nicht viel Werbung machen, "der Ort und die Hotellerie sprechen für sich. Wenn einer zehn Monate im Jahr unterwegs ist, freut er sich auf ein schönes Hotel in toller Umgebung." Und vielleicht auch auf das Nachtleben. Nicolás Lapentti hat 2001 gewonnen und das obwohl er jeden Abend mit seinen Fans im "Londoner", einem alteingesessenen Pub, feierte. So erzählt man es in der Gamsstadt.

"Zwar nicht fesch, aber zumindest markant"

Die Nähe der Fans zu den Spielern bringt Antonitsch ins Schwärmen: "Du trifft sie im Casino, in der Pizzeria oder beim Eis. Das kann die Großstadt nicht bieten." Schon als Kind war der Kärntner beim traditionsreichen Turnier in Kitzbühel zu Gast, später kehrte er als Profi zurück und seit 2011 gibt er den Turnierdirektor. In dieser neuen Rolle sieht er sich als "Freigeist, als Gesicht nach außen, zwar nicht fesch, aber zumindest markant." Und er hat eine Vision: "Tennis-Österreich soll sich wieder in Kitzbühel treffen." So wie es früher war, als "von Jochberg bis Kufstein jeder mit Tennis zu tun hatte und alle Plätze voll gebucht waren."

Für Antonitsch haben die VIPs nicht oberste Priorität, er will vor allem die eingefleischten Fans nach Kitzbühel bringen. Er denkt an die Tennis-Liebhaber, jene die vielleicht auch selber im Verein spielen und sich für ein Match zwischen Robin Haase und Tommy Haas begeistern können. Die Zeiten als sich Größen wie Pete Sampras in die Tiroler Alpen begaben, sind nämlich vorbei. Das will Antonitsch auch offen kommunizieren: "Wir haben keinen Nadal, Federer oder Djokovic. Und die werden wir auch in Zukunft nicht bekommen." Um Jürgen Melzer habe man sich erst gar nicht bemüht, die Prioritäten der heimischen Nummer eins seien bekannt, sein Kalender auf Wimbledon und die Olympischen Spiele ausgerichtet.

Deutsche Top-Spieler im Feld

Die zeitliche Nähe zu den Spielen hat die Aufgabe für die Turnierleitung in diesem Jahr nicht einfacher gemacht, der Kärntner spricht von der "schwierigsten Turnierwoche überhaupt." Die hätte man sich aber nicht aussuchen können. Jammern will Antonitsch trotzdem nicht, bei näherer Betrachtung hätten die Spieler ohnehin sehr wenig zu verlieren: "Wenn sie gut spielen, kommen sie mit sehr viel Selbstvertrauen nach London. Wenn sie schlecht spielen, haben sie ohnehin genug Zeit für die Vorbereitung."

Mit dem Turnierraster 2012 ist Antonitsch trotz der Umstände zufrieden: Tommy Haas, Florian Mayer und Philipp Kohlschreiber können deutschen Fans eine Reise nach Kitzbühel durchaus schmackhaft machen. Haas erlebte mit dem Turniersieg in Halle unlängst seinen zweiten Frühling, Mayer und Kohlschreiber standen im Viertelfinale von Wimbledon. Natürlich dürfen auch Österreicher im Hauptfeld nicht fehlen: Andreas Haider-Maurer und Dominic Thiem wurden jeweils mit einer Wild Card ausgestattet. 2011 löste Thomas Muster einen Run auf die Tickets zur ersten Runde aus, dieser Andrang wird sich nicht wiederholen, denn "keiner kann den Tom ersetzen."

Zukunftsaktie Dominic Thiem

Haider-Maurer soll nach einer von Verletzungen geprägten Saison auf seinem Weg zurück unterstützt werden, der 18-jährige Thiem wird als Investition betrachtet. "Wir glauben an ihn, er wird für unser Turnier in Zukunft noch sehr wichtig sein", sagt Antonitsch. Kürzlich habe Stefan Koubek angerufen. Die ehemalige Nummer 20 der Welt arbeitet auch mit Thiem und traut dem Wiener Neustädter durchaus Siege auf ATP-Ebene zu. "Er muss nur überreißen, wie gut er wirklich ist", so Antonitschs Nachsatz. "Zwei Österreicher im Viertelfinale und an der Tageskassa geht es rund", übt sich der Turnierdirektor in Wunschdenken. Um gleich wieder ganz realistisch zu werden: "Aber da bin ich eh nur Passagier. Wie beim Wetter."

Im Vorjahr musste Antonitsch mit ansehen, wie sämtliche Österreicher in der ersten Runde verloren. In der zweiten Runde waren dann auch die Deutschen ausgeschieden. Ein denkbar ungünstiger Turnierverlauf. Umso größer die Überraschung, als etliche niederländische Fans Robin Haase auf seinem Weg zum Turniersieg unterstützten. Wie auch immer, "selbst Top-Ten-Spieler könnten in der ersten Runde verlieren, es gibt keine Garantie." Also will Antonitsch in erster Linie dafür sorgen, dass das Rahmenprogramm alle Erwartungen erfüllt.

Volles Programm

In den Achtzigern und Neunzigern musste der Veranstalter nur einmal "Thomas Muster" sagen und der Center Court war quasi ausverkauft. Heute werden Kinder mit dem Bus aus der Region abgeholt und vor dem Stadion abgesetzt. Family Day, Ladies Day, Facebook Fan Day - das Turnier muss sich wirklich etwas einfallen lassen. Besonders stolz ist Antonitsch auf das "Spiel des Lebens", Hobbyspieler dürfen sich in einer Qualifikation einen Doppelplatz neben Philipp Kohlschreiber ausspielen. Mehr als 4.000 Nennungen hat es gegeben. Die ATP musste man von der Idee, einen Amateur auf Profi-Ebene starten zu lassen, freilich erst überzeugen. 

Antonitsch träumt nicht davon, zu einem 500er-Turnier aufzusteigen. Er mag die 250. Die Zahl steht für die im Finale zu gewinnenden Weltranglistenpunkte. Er will nicht, dass das Turnier größer sondern besser wird. Derzeit ist das beliebteste Turnier in der 250er-Serie jenes im schwedischen Bastad, in herrlichem Ambiente direkt am Meer. "Ein Party-Turnier mit fantastischer Stimmung", schwärmt Antonitsch. Dort will man hin, Schritt für Schritt. Bis dahin heißt es aber viel Arbeit investieren. Und Klinken putzen. Dafür will sich Antonitsch nicht zu schade sein: "Ich frage bei Sponsoren nett an, ob uns jemand helfen will." An der Leidenschaft des Turnierdirektors sollte es jedenfalls nicht scheitern. (Philip Bauer, derStandard.at, 20.7.2012)

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    Wieder mit von der Partie: Vorjahressieger Robin Haase.

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    Zukunftsaktie: Der Österreicher Dominic Thiem.

  • Turnierdirektor Alexander Antonitsch: "Zwei Österreicher im Viertelfinale, und an der Tageskassa geht es rund."
    foto: tennisverband

    Turnierdirektor Alexander Antonitsch: "Zwei Österreicher im Viertelfinale, und an der Tageskassa geht es rund."

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    Fakten zum Turnier:

    Termin: 22.7. - 28.7.
    Ort: Kitzbüheler Tennis Club
    Preisgeld: 410.000 Euro
    Belag: Sand
    Turnierball: Babolat Team
    Kategorie: ATP World Tour 250
    Teilnehmer u. a.: Philipp Kohlschreiber (GER), Florian Mayer (GER), Tommy Haas (GER), Robin Haase (TV/NED), Andreas Haider-Maurer (WC/AUT), Dominic Thiem (WC/AUT).

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