Finanzielle Rosskur für Selbstständige

  • Angestellte erhalten Krankengeld, Selbstständige nicht. Eine Reform soll 
helfen, doch es spießt sich an den Details.
    foto: apa/pleul patrick

    Angestellte erhalten Krankengeld, Selbstständige nicht. Eine Reform soll helfen, doch es spießt sich an den Details.

Geringere Selbstbehalte treiben mehr Unternehmer zur Vorsorgeuntersuchung. Viele können sich den Arztbesuch dennoch nicht leisten

Wien - Christoph Leitl ist stolz auf die Selbstständigen: Diese arbeiteten in Österreich im Schnitt um 50 Prozent mehr als Unselbstständige. Sie würden um 25 Prozent seltener krank und gingen in der Regel nur dreimal jährlich zum Arzt. Beamte suchten ihn durchschnittlich viermal im Jahr auf, unselbstständig Beschäftigte fünfmal.

Es sei die Freude an der Arbeit, die Unternehmern Sinn im Leben gebe und sie länger gesund erhalte, ist der Obmann der Sozialversicherung und Präsident der Wirtschaftskammer überzeugt. Zufrieden stimmt ihn auch ihr Wille zur Gesundheitsvorsorge: Seit Jänner nahmen entsprechende Untersuchungen um knapp 43 Prozent zu.

Denn seit heuer gilt: Wer mit dem Arzt vereinbarte Ziele innerhalb eines halben Jahres erreicht, zahlt in den darauf folgenden zwei bis drei Jahren nur noch zehn statt 20 Prozent Selbstbehalt. Die Wege dorthin führen von Burnout-Prävention über Laufcamps bis hin zu Kursen zur Raucherentwöhnung.

Krankengeld? Nada!

Aus Sicht vieler Selbstständiger geht das neue Vorsorgemodell jedoch an ihren tatsächlichen Problemen vorbei: Krankengeld gibt es für sie keines. Die Befreiung vom Selbstbehalt ist auf drei Krankheiten reduziert und bedingt ein monatliches Einkommen knapp über der Mindestsicherung. Gegen Vorsorge sei ja nichts einzuwenden - sich an der geringen Zahl an Arztbesuchen zu erfreuen sei aber Zynismus, sagt Werner Brix - vor allem wenn man wisse, dass 50 bis 60 Prozent der Ein-Personen-Unternehmen ums finanzielle Überleben ringen. Der Kabarettist setzt sich in der Initiative Amici delle SVA für faire Sozialversicherung für Kleinstbetriebe ein.

Klar schreckten viele vom Weg zum Arzt zurück, sagt Gabriele, seit 13 Jahren selbstständige Grafikerin und seit 2007 an multipler Sklerose erkrankt. "Weil sie Horror vor den Selbstbehalten haben und es sich nicht leisten können, statt zu arbeiten, in Wartezimmern zu sitzen." Die Halbierung der Selbstbehalte bei guter Vorsorge sei ja ganz nett, wirklich Kranken sei damit nicht geholfen. Sie selbst sei mit oft unberechenbaren Krankheitsschüben konfrontiert, die das Arbeiten zeitweise unmöglich machten und kostspielige Behandlung erforderten. Alles, was sie wolle, sei Fairness, um ihren Job weiter ausüben zu können, sagt sie. "Ich will deswegen nicht zum Sozialfall gemacht, in ein Angestelltenverhältnis oder überhaupt in die Arbeitslosigkeit gedrängt werden."

Auch Beamte haben bei Spitalsaufenthalt oder Arztbesuchen 20 Prozent Selbstbehalt - ihr durchschnittlicher Verdienst ist aber weit höher, das Leistungsspektrum ihrer Versicherung breiter.

Der Forderung nach einer kompletten Abschaffung des Selbstbehalts für Ein-Personen-Unternehmer erteilt Leitl eine Absage: Dieser habe "steuernde Funktionen. Selbstständige gehen nur dann zum Arzt, wenn es wirklich notwendig ist."

Ein Krankengeld für Selbstständige befürwortet der Kammer-Präsident. Entsprechende Vorschläge liegen auf dem Tisch, spießen sich aus seiner Sicht aber am Sozialministerium. Gegen das Anliegen sei nichts einzuwenden, erläutert die Leiterin der Abteilung Soziales in der Arbeiterkammer, Alice Kundtner: "Die Frage ist, wer das zahlt." Während die Wirtschaftskammer Krankengeld für Unternehmen von bis zu 50 Mitarbeitern wolle, kämen für die Arbeiterkammer nur Ein-Personen-Betriebe in Betracht.

Noch diesen Sommer wollte die Regierung ein Modell auf die Beine stellen, das Selbstständigen bei länger als sechs Wochen währenden Krankheiten eine Sicherung ihrer wirtschaftlichen Existenz ermöglicht. Auch hierbei stockt es. Die Krankenzusatzversicherung ist vielen Solisten zu teuer.

Derzeit holt sich die SVA über Selbstbehalte jährlich 52 Mio. Euro. Für ihre Halbierung hat sie für das erste Jahr 2,5 Mio. und fünf Millionen für das zweite rückgestellt. Wie viele Selbstständige die gesteckten Gesundheitsziele erreichen, soll sich in einem halben Jahr ablesen lassen. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 20.7.2012)

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