Und die Moral von der Geschicht' ...

Kommentar19. Juli 2012, 18:42
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Bankenskandale sind die Folge falscher Anreize und mangelnder Sanktionen

Und welche Bankengeschichte wird heute serviert? Als Vorspeise empfiehlt der Küchenchef eine kräftige Libor-Bouillon mit für Kunden und Anleger besonders dickem Ei. Als Hauptspeise eine scharfe Chili con mexikanischen Drogengeldern, die von der britischen HSBC in großem Stil in den USA gewaschen wurden. Zum Dessert begnügen wir uns mit eher Alltäglichem: Spekulatius, wahlweise à la UBS, JPMorgan oder Société Générale.

Das Menu könnte beliebig erweitert werden. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein kleinerer oder größerer Bankenskandal auffliegt. Global wie national kommen dabei hübsche politische Querverbindungen ans Tageslicht: in Kärnten und Niederösterreich ebenso wie zwischen Wall Street und Capitol. Auch die Affäre beim Auskauf der Franzosen beim baden-württembergischen Stromversorger EnBW spricht Bände. Der beratende Investmentbanker empfahl dem früheren Ministerpräsidenten, er solle Parteifreundin Merkel um Hilfe bitten: "Du fragst Mutti, ob sie das arrangieren kann." Intimer geht's kaum.

Dabei hätte man meinen können, dass die Finanzwelt nach den vom Lehman-Brothers-Kollaps ausgelösten Schockwellen rasch zur Raison gebracht wird. Geschehen ist zwar nicht nichts, aber jedenfalls bei weitem nicht genug. Und die Rechnung bekommen die Steuerzahler präsentiert, die ja nicht nur supersaubere Banken auffangen dürfen, denen unvorhersehbarer Hagel plötzlich dicke Löcher in die Bilanzen schoss.

Sondereinladung für riskante Geschäfte

Stutzig macht vor allem der große Umweg um den Kern des Problems, den die Regulierer gehen: falsche Anreize. Es sind fehlende Haftungen, im wirtschaftlichem wie im strafrechtlichen Sinne, die Mut so oft in Übermut verkehren. Nur bei niedrigen Eigenkapitalquoten lassen sich derart hohe Renditen und somit Dividenden versprechen. Die Entlohnungssysteme sind nach wie vor auf schnelles Geld ausgerichtet. Wer nach ein paar Jahren finanziell ausgesorgt hat, braucht sich um die nachfolgende Sintflut keinen Kopf zu machen. Und wenn dann auch noch jede bessere Regionalbank als systemrelevant eingestuft wird und folglich über eine Staatsgarantie verfügt, kann das nur als Sondereinladung für riskante Geschäfte verstanden werden.

Diese Fehlentwicklungen sind - ganz nebenbei erwähnt - von ordoliberalen Ökonomen wie Walter Eucken, die heute gern als "Neoliberale" abgestempelt werden, am stärksten thematisiert worden: "Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen." Eucken hat auch beschrieben, wie die Aushöhlung der Haftung Konzentrationen fördert und das Machtgefüge von den Aktionären zu den "Direktoren und Funktionären" verschiebt. Wenn der Schaden des überzogenen Risikos erkannt wird, ziehen diese dann - oft mit üppigen Abfertigungen im Sack - zur nächsten Bank.

Und die Moral von der Geschicht'? Mit Kosmetik lässt sich das nicht ändern. Vielmehr bedarf es bei Malversationen scharfer strafrechtlicher Konsequenzen und nicht nur Geldbußen, die Großbanken aus der Portokasse bezahlen. Finanzkonglomerate müssen zerschlagen werden, bevor sie systemrelevant werden. Aktionäre und Gläubiger sollen das letzte Hemd verlieren, bevor öffentliche Hilfen fließen. Boni dürfen ausschließlich bei nachhaltigen Gewinnen bezahlt werden. Nur dann werden sich Banker, Geldgeber und Eigentümer genauer überlegen, welche Risiken sie eingehen. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 20.7.2012)

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