Schlimmste US-Dürre seit 60 Jahren lässt Getreidepreis sprießen

19. Juli 2012, 18:44
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Mehr als die Hälfte des Festlandes ist von der Trockenheit betroffen. Die Einbußen in der Landwirtschaft treiben bereits weltweit die Preise für Weizen und Mais in die Höhe

Springfield/Washington - Es war eine ungewöhnliche Kulisse, die sich Pat Quinn für seine Pressekonferenz ausgesucht hatte. Ein Maisfeld mit verkümmerten Pflanzen, der Boden trocken und rissig. Der Gouverneur von Illinois war in den Süden seines Bundesstaates gereist, in ein Nest namens Waltonville, um medienwirksam Alarm zu schlagen. In der einen Hand hielt er einen normal großen Maiskolben aus dem Supermarkt, in der anderen einen, der kaum dicker war als ein Wiener Würstchen und so etwas wie das Symbol der drohenden Missernte sein sollte. "Eine solche Dürre hatten wir noch nie", sagte Quinn und versprach verzweifelten Farmern Katastrophenhilfe.

Bereits seit Mai hatte es wenig geregnet, ab Ende Juni folgten Hitzewellen, die das Quecksilber selbst an den Großen Seen über Tage hinweg auf fast 40 Grad Celsius klettern ließen. Nach Angaben des nationalen Klimadatenzentrums NCDC sind 55 Prozent des US-Festlands (ohne Alaska) von der Trockenheit betroffen. Das letzte Mal litt eine vergleichbare Fläche 1956 unter Wassermangel. Am schlimmsten ist die Lage in den Rocky Mountains, im Tal des Ohio River und in der Prärie im Mittelwesten, der Kornkammer des Landes.

Erinnerungen an "Dust Bowl"

Auf der Höhe von Memphis nähert sich der Pegel des Mississippi historischen Tiefstständen. Westlich des Stroms, in den Great Plains, werden Erinnerungen an die "Dust Bowl" der Dreißigerjahre wach. Damals wehten Stürme die ausgetrocknete Erde der "Staubschüssel" bis an die Atlantikküste, worauf ruinierte Bauern massenhaft gen Westen zogen. Mit der Figur des Tom Joad, aus Oklahoma geflohen, in Kalifornien gestrandet, hat John Steinbeck der Völkerwanderung ein literarisches Denkmal gesetzt.

Das Kabinett Barack Obamas rechnet mit Erträgen, die um zwölf Prozent unter dem statistischen Durchschnitt liegen. Das knappere Angebot wird die Preise nach oben treiben, für Tacos und Tortillas, für Futtermittel und Fleisch, für Stärke und Ethanol, das in den USA dem Benzin beigemischt wird. Die weltweiten Folgen zeigen sich bereits an der Pariser Warenterminbörse: Seit 22. Juni ist der Weizen-Future um 27 Prozent auf 261 Euro pro Tonne gestiegen. Der Maiskontrakt schnellte im gleichen Zeitraum um 36 Prozent auf knapp 8 Dollar (6,51 Euro) je Bushel (rund 25 kg).

Ein Zusammenhang zwischen Hitze, Dürre und Klimawandel ist umstritten. Viele Republikaner wie der Senator James Inhofe, halten Szenarien globaler Erwärmung für Schwindel. Der Klimaforscher Thomas R. Karl, Direktor des NCDC, dagegen sieht in der Emission von Treibhausgasen eine " wichtige Komponente" zur Erklärung der Rekordhitze. (Frank Herrmann, DER STANDARD, 20.7.2012)

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    Der Mais vertrocknet auf den Feldern.

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