Weltbank-Chef sieht Krisenwelle nahen

19. Juli 2012, 18:30
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Weltbank-Chef Kim warnt vor schweren Folgen der Eurokrise für die aufstrebenden Schwellenländer. Ihr Wachstumsmodell stößt an Grenzen

Von Krise war bis zuletzt keine Spur. Fernab von den USA und Europa haben sich die Schwellenländer den Folgen des Platzens der US-Immobilienblase und der europäischen Schuldenkrise weitgehend entzogen. Laut jüngsten Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) sind die aufstrebenden Länder nach der ersten Krisenwelle 2008 deutlich schneller gewachsen als in den vergangenen Jahrzehnten nach einer Krise. Gerard Lyons, Chefökonom der Schwellenländerbank Standard Chartered, ist nicht allein, wenn er das Wachstum als "im Westen rissig, im Osten robust" bezeichnet.

Jetzt könnte die Krise aber doch noch überschwappen. Der neue Weltbank-Präsident Jim Yong Kim hat am Donnerstag vor Rezessionen weltweit gewarnt, wenn sich die Schuldenkrise in Europa weiter verschärft: "Was heute in Europa passiert, betrifft den Fischer im Senegal und den Programmierer in Indien." Aktuell würden sich die Industrieländer bereits bei Importen zurückhalten und Investitionen aufschieben.

Doch auch von innen kommen Herausforderungen auf die aufstrebenden Länder zu. "Die Schwellenländer haben ein großartiges Jahrzehnt hinter sich, doch nun wird ihr Potenzialwachstum geringer", warnt der Chefvolkswirt des IWF, Olivier Blanchard. Einige Volkswirtschaften seien nicht nachhaltig gewachsen. 2011 kam etwa die Hälfte von Chinas Wirtschaftsleistung aus Investitionen. "China hat sein unausgeglichenes Wachstum überbeansprucht", warnen auch Ökonomen der US-Bank Citigroup.

Hausgemachte Probleme

Nun versucht das Land, von den kreditfinanzierten Infrastrukturprojekten unabhängiger zu werden und den privaten Konsum sowie die Einkommen der Arbeiter zu steigern. Das dürfte laut Schätzungen von Experten die Wachstumsrate unter die Acht-Prozent-Marke drücken.

Andere Schwellenländer haben sich finanziell überhoben. Indien und die Türkei laborieren an "Zwillingsdefiziten". Sie haben milliardenschwere Leistungsbilanz- und Budgetdefizite. Investoren haben daraufhin die Währungen in der Türkei und Indien auf eine Achterbahnfahrt geschickt. Der IWF forderte etwa von der Türkei, mit Sparmaßnahmen "die Anfälligkeit der Wirtschaft durch einen Kapitalabfluss" zu senken.

Nahezu ungebremst sind zuletzt Länder in Afrika gewachsen. Dabei hängen sie verstärkt von China ab. Das asiatische Land mit seinen knapp drei Billionen Dollar an Devisenreserven sucht in Afrika Zugang zu Rohstoffen. Ende Juni kündigte China ein Investment über eine Milliarde Dollar in einer Kohlemine in Mosambik an. Von dem Wachstum haben die Finanzmärkte Wind bekommen. Länder wie Angola oder Ghana können sich billiger verschulden als Spanien oder Portugal. "Das wäre vor fünf Jahren undenkbar gewesen", sagt ein Anleihenmanager einer Versicherung.

Das dürfte Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy ärgern. Er hatte im Verhandlungsmarathon um ein Hilfspaket für die spanischen Banken seinem Finanzminister laut der Zeitung El Mundo eine SMS mit dem Inhalt " Spanien ist nicht Uganda" geschickt. Subtext: Sein Land sei wichtig genug, dass es selbst die Bedingungen der Rettung diktieren könne. Investoren sehen das anders. Seit Jahresbeginn haben sie laut dem Branchendienst EPFR eine halbe Milliarde Dollar aus europäischen Anleihenfonds abgezogen, aber 23 Milliarden Dollar in Bonds aus Schwellenländer investiert. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 20.7.2012)

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