Kärnten-Bashing als intellektueller Volkssport?

Kommentar der anderen19. Juli 2012, 18:34
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Seit Jahrzehnten stilisiert Österreichs Meinungselite Kärnten zur Müllhalde allen politischen Fehlverhaltens und wundert sich, dass die vermeintlich g'sunden Watschen ohne Wirkung bleiben

"Der Kärntner Landeshauptmann Günther Platter ..." - Dieser Versprecher in einer Vorankündigung des Ö1-"Mittagsjournals" vom 12. Juli ist symptomatisch: Der erste Verstoß gegen das neue Medientransparenzgesetz kann nur zwischen Pack und Arnoldstein geschehen sein: Das wahre Böse liegt im Süden - und wenn es dort nicht ist, dann ist es nirgendwo. Seit einem Vierteljahrhundert stilisiert Österreichs Meinungselite Kärnten zum Schuttabladeplatz aller politischen Regelverstöße.

Doch damit nicht genug: Das Land von Haider bis Scheuch gilt als Hort sämtlicher gesellschaftlicher Fehlleistungen. Folgerichtig sind seine Einwohner die Deppen der Nation. Selbsterklärungsnotstand sogar gegenüber Expertisen mit Erfahrungsbeschränkung auf den ersten Wiener Gemeindebezirk verstärkt aber die Abschottung gegenüber dem größeren Ganzen. Die oft dummdreiste Anti-Kärnten-Polemik erreicht das Gegenteil ihres vermeintlichen Ziels: Beharren statt Umdenken. Denn das Gros der Kritiker ignoriert geflissentlich die Stärken jener Region, deren künstlerische Strahlkraft sie alljährlich beim Bachmann-Preis bloß aus Widerständigkeit gegen ein Regime erklären. Das ist ein bisschen billig angesichts der bundesweit höchsten Raten an Zeitungslesern, Radiohörern und Fernsehern. Das ist auch etwas unredlich angesichts der besten Studierendenquote aller Länder und der stärksten Bildungsbeteiligung der 14- bis 19-Jährigen.

Wenn das weniger geistig orientierte Österreich zudem eher Kärntens Event-Orientierung von Beachvolley über Starnacht bis Ironman als dessen politische Gerichtsanhängigkeit von Scheuch über Petzner bis Martinz interessiert, dient dies im beliebtesten Sommer-Inlandsreiseziel auch als Ausweis dafür, dass es nicht so krank ist, wie die Diagnose von außen behauptet. Denn da vergnügen sich Tausende am Wörtherseestrand, und nur Hunderte demonstrieren für Neuwahlen im Land. Die offensichtlich mangelnde Selbstheilungsfähigkeit ist Teil des Problems, verschärft es und fördert pauschales Kärnten-Bashing: Solch undifferenzierte Landesschelte aber stärkt nicht den Widerstand, sondern treibt sogar intern heftige Kritiker zur Solidarisierung gegen externe Fehleinschätzungen. Letztlich entsteht so ein neuer Abwehrkampf gegen alles von außen.

Die Lösung für eine bessere Integration von Österreichs einziger Region mit bereits rückläufiger Bevölkerungszahl liegt trotzdem nicht in pragmatischer Akzeptanz, sondern konsequenter Abstrafung. Denn die Landespolitik agiert hier allzu oft auf erschreckend niedrigem Niveau. Und erinnert dadurch vor allem an - andere Bundesländer. Kärnten ist bloß die negative Avantgarde dieser Verwaltungsebene. Das liegt insbesondere am blauen Personal. Doch schwarzer Machtmissbrauch und rote Missstände hier wie anderswo münden in keine Ächtung der gesamten Bevölkerung.

Aus der Fernsicht bleibt Kärnten der ewige Stellvertreter seiner nicht mehr verfügbaren langjährigen Galionsfigur: dem allseits präsenten Abwesenden. Doch ungeachtet von Haiders inhaltlich wie personell präsenter Erblast benötigt das Land eine neue Identifikationschance. Schließlich hat auch der Villacher Fasching als alljährlich liebste Fernsehsendung der Österreicher seit 2005 ausgedient.

Nachhaltige Fehler widerstehen aber wie verfestigte Klischees hartnäckig einer Korrektur durch die Wirklichkeit. Vor allem dann, wenn Eliten den vermeintlich irregeleiteten Massengeschmack zurechtrücken wollen. Als Kronzeugen dafür dienen immer wieder die vielen Kreativen dieses Landes - die es verlassen haben. Das prägt den Eindruck einer auf Volkstum und Fasching fixierten Mehrheit.

Um Kärnten zu helfen, benötigt es paradoxerweise einen viel dichteren "cordon sanitaire", als er bisher gepflegt wird. Das beinhaltet aber nicht nur konsequente Ausgrenzung freiheitlicher Umtriebe schon lange vor der Kriminalität, sondern die ebensolche Geißelung andersparteilicher Unanständigkeit von Wien bis Tirol. Für dort werden ja auch nicht nur der Heller und bloß der Mitterer als gute, aber ferne Landsleute bemüht, wie es mit dem Turrini und dem Handke als Muster-Kärntner im Exil geschieht.

Wichtiger aber noch ist die Formulierung von Alternativen. Vor allem darin versagt die Opposition, wie Herfried Münkler in seinem aktuellen Spiegel-Essay zum "absehbaren Ende der parlamentarischen Demokratie" beklagt. Das geht in Kärnten so weit, dass die SPÖ zwischen gefühlter Oppositions- und faktischer Regierungsrolle pendelt, während die ÖVP sich in dieser Mittäterschaft sogar gefällt. Eine klare andere Vision für das Land präsentieren sie so wenig wie das Heer der Kritiker von außen.

Dabei wäre Kärnten gerade wegen seines kranken Systems das ideale Labor für die Zukunft der Demokratie. Hier sind jene Viren offensichtlich, die anderswo verborgen lauern. Das Land braucht ein neues, überzeugendes Konzept - notfalls von außen. Eine solch beispielhafte Stärkung Kärntens kann dann sogar Selbsthilfe für Österreich sein. Denn Günther Platter ist Landeshauptmann von Tirol. (Peter Plaikner, DER STANDARD, 20.7.2012)

Peter Plaikner lebt als Medienberater und Politikanalyst in Innsbruck, Klagenfurt und Wien.

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