Küsse und Bisse im Tanz mit Penthesilea

19. Juli 2012, 17:22
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Jan Fabre hat mit seiner Compagnie Troubleyn "The Power of Theatrical Madness" neu inszeniert

Ein im besten Sinn junges und aufsässiges Stück bei Impulstanz in der Burg.

Wien - Das Animalische im Menschen, wie es der belgische Künstler, Regisseur und Choreograf Jan Fabre als Leitmotiv in seiner zweiten großen Bühnenarbeit The Power of Theatrical Madness vorführt, ist Heinrich von Kleist zu verdanken: dessen Amazone Penthesilea, die ihren Geliebten Achilles zu Tode beißt. Entstanden ist Fabres Vierstünder 1984, damals ein Ereignis bei der Biennale in Venedig. Nun hat Impulstanz die Uraufführung der Neuinszenierung im Burgtheater gezeigt.

Vielleicht ist es ja nur ein Zufall, dass das zentrale Stück der Impulstanz-Ballettgala, die bald ebenfalls im Burgtheater zu sehen sein wird, auf demselben Bildmotiv aufbaut wie Fabres Werk. Jirí Kyliáns Ballett Il faut qu'une porte ... von 2004 ist in seiner Erzählung an Jean-Honoré Fragonards Gemälde Le Verrou (Der Riegel) orientiert. Und mit einer Skizze von ebendiesem Bild beginnt auch die Serie von Projektionen, die Fabres exakt zwei Jahrzehnte früher entstandenes Stück durchzieht.

Fragonards Szene aus den 1770er-Jahren hat einen zweiten Titel: Le Viol (Die Vergewaltigung). Wenn man sich nun ansieht, was Fabre und Kylián jeweils aus diesem ambivalenten Motiv machen, kann man die unterschiedlichen inhaltlichen Auffassungen im zeitgenössischen Tanz und im Ballett sehr gut miteinander vergleichen. Bei Fabre ist anfangs eine am Boden zerstörte Penthesilea zu hören: "So war es ein Versehen. Küsse, Bisse / Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, / Kann schon das eine für das andre greifen."

Bei Kleist kniet Penthesilea, bevor sie sich umbringt, vor Achilles' Leiche hin: ",Ich habe mich, bei Diana! bloß versprochen, / Weil ich der raschen Lippe Herr nicht bin; / Doch jetzt sag ich dir deutlich, wie ich' s meinte: / Dies, du Geliebter, war's, und weiter nichts.' (Sie küßt ihn)." Sie erntet Empörung, als sie anfügt: "Sieh her: als ich an deinem Halse hing, / Hab ich's wahrhaftig Wort für Wort getan; / Ich war nicht so verrückt, als es wohl schien."

In das Verhältnis zwischen Achilles und Penthesilea dringen die fünfzehn Tänzerinnen und Tänzer bei Fabre ein. Über diese Metapher zieht Fabre die gewalttätige Liebe zwischen Kunst und Gesellschaft auf einer kargen, von nackten Glühbirnen beleuchteten Bühne. Etwa so: Ein Tänzer stößt eine Tänzerin von der Rampe in den Publikumsraum, und er lässt sie nicht wieder zurück. "1876!", schreit er immer wieder. Aus dem Burgtheater-Publikum ertönt nach einer Weile Protest: "Es reicht!" Doch dieser Kampf endet erst, als die Tänzerin herauslässt, dass in besagtem Jahr 1876 Wagners Ring in Bayreuth erstmals aufgeführt worden ist.

Im Folgenden werden lange Listen von historischen Theateraufführungen und Kunstwerken vom 19. Jahrhundert bis in die 1980er herausgeschrien. Dabei darf auch Jan Fabres eigenes Stück The theatre as is was to be expected and foreseen von 1982, ebenfalls bald bei Impulstanz zu sehen, nicht fehlen. Die Szenen im Stück prägen sich ein. Zwei Zwillings-Kaiser ohne Kleider tanzen Tango zu klassischer Musik. Oder: Vor Jacques-Louis Davids Vorrevolutions-Bild Der Schwur der Horatier (1784) sitzen die Darsteller da, schauen schweigend ins Auditorium und rauchen Zigaretten. Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Da haben sich Performer und Publikum längst leidenschaftlich ineinander verbissen.

Wenig später sitzen ein Mann und eine Frau einander gegenüber. Sie ohrfeigen sich gegenseitig, während die Frau eine Passage aus Bizets Carmen singt. Offenbar ein Zitat der Performance Light / Dark von Marina Abramovic und Ulay aus dem Jahr 1977. Das wirkt. Mit zeitlicher Dehnung, einer aneinanderreihenden Dramaturgie und einer Orgie der Wiederholung hat der 1984 erst 26-jährige Jan Fabre dem Theater neue Möglichkeiten eröffnet. Diese Arbeit ist im besten Sinn jung und aufsässig, und ihre Splittrigkeit kratzt heute noch. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 20.7.2012)

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    Jan Fabres "The Power of Theatrical Madness" - vor François-Édouard Picots "Amor und Psyche".

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