"Sie müssen es nicht Musik nennen"

19. Juli 2012, 17:15
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Das Salzburger Museum der Moderne verknüpft das vielfältige Oeuvre des US-Künstlers John Cage mit Werken des Abstrakten Expressionismus, der Konzeptkunst, von Fluxus und Zero

Salzburg - Stehverkehr. Menschenmassen. Fußgängeraufläufe in der Getreide- sowie allen umliegenden Gassen: Salzburg, wenige Tage vor Beginn der - um eine Ouverture spirituelle erweiterten - Festspiele.

Und dann: Eintauchen in die Stille. Ankommen auf der "Landebahn der Gedanken", wie der US-amerikanische Avantgardekünstler John Cage die Leere nannte. Ihm, dem Meister des Nichts und der Stille, dem multitalentierten Forscher der akustischen und visuellen Wahrnehmung, widmet das Museum der Moderne in Salzburg auf drei Stockwerken eine betörend schöne und beeindruckend umfassende Ausstellung: angesiedelt an den Schnittstellen von Kunst, Musik und Philosophie; erhellend in Kapitel zusammengefasst von Tina Teufel und MdM-Direktor Toni Stoss; unterlegt mit grundsätzlichen Überlegungen des Künstlers: "Sie müssen es nicht Musik nennen, wenn Sie der Begriff stört."

Mehr als 250 Exponate, Klang- und Video-Installationen, feingliedrige Zeichnungen, Bilder, Aquarelle, Partituren, Briefe, Filme und Fotos zeigen den Musiker, den Dichter, Zeichner, Maler, Performancekünstler, den Denker, Forscher, Pilzesammler, den Schachspieler und (Kunst- und Künstler-)Freund John Cage. Dem Zusammenspiel des Tänzers Merce Cunningham und des Musikers ist fast ein gesamtes Stockwerk reserviert.

"In jungen Jahren war er angeblich ruppig. Doch mit zunehmendem Alter und auch im Zuge seiner Meditationen hörte er oft irritierend aufmerksam zu, mit unbeweglicher Miene", erinnert sich sein Weggefährte und Künstlerkollege Ray Kass. "Wenn ich ihn in seinem New Yorker Atelier für ein Buch über seinen Freund Morris Graves interviewen wollte, konnte es sein, dass ich zehn Minuten später unverrichteter Dinge wieder auf der Straße stand. Er war so in seine Arbeit vertieft, dass er mit niemandem kommunizieren wollte." Kass war es auch, der Cage zu den Mountain Lake Workshops nach Virginia einlud.

Nun überwacht er im MdM eine Performance von Toni Stoss und dem Direktor der Berliner Akademie der Künste, Werner Herzogenrath, der eine kleinere Cage-Schau gezeigt hatte: The Directors' Choice or Chance, nach einer Cage-Performance beim Mountain Lake Workshop 1989. Cage schritt mit in Tinte getauchten Turnschuhen über eine weiße Papierbahn, einen extrabreiten Pinsel hinter sich ziehend. "Wie so oft sagte er auch damals, wer den Pinsel hält, sei nicht so wichtig. Er reklamierte nicht jede seiner Ideen für sich."

Das damals entstandene, mehr als fünf Meter lange Bild Steps - A Composition for Painting ist eines der beeindruckendsten Exponate der Schau. Cage experimentierte auch mit Feuer, färbte Blätter mit Rauch, umrandete vom New River glattgewaschene Flusskiesel für die Serien River Rocks and Smoke (1990) sowie New River Watercolors (1988). Angeregt zu seinen sensiblen Steinzeichnungen hatten ihn 15 scheinbar zufällig angeordnete Felsbrocken im berühmten Zen-Garten in Kioto.

Für seine Ryoanji-Zeichnungen wählte Cage 15 Steine, ebenso viele Bleistifte und befragte das I-Ging, mit wie vielen Bleistiften er wie viele Steine wie oft umkreisen sollte. Exponate des Abstrakten Expressionismus, der Konzeptkunst, von Fluxus und Zero, aber auch Spitzenwerke der klassischen Moderne dokumentieren Cages profunde Kenntnis der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts: Marcel Duchamps Erratum Musical etwa, das nach aus dem Hut gezogenen Noten komponiert war; Günther Ueckers Partituren für sein Terrororchester. Nam June Paiks Installationen.

Cage (1912-1992) studierte in L. A. bei Arnold Schönberg. Damals lernte er die Ideen- und Bilderwelten Paul Klees, Wassily Kandinskys und vor allem Alexej Jawlenskys schätzen. Dessen Ölbild Meditation (ausgestellt im MdM) erwarb er um 25 Dollar und stotterte es mit Ein-Dollar-Raten ab. Später waren es Kollegen am Black Mountain College, die ihn anregten: Mit seinem 1989 entstandenen Global Village 37-38, einer Komposition aus Aquatinta-Strichen auf verräuchertem Papier, reflektierte er Anni Albers' 1946 entstandenen Wandteppich Bildweberei "mit Vertikalen".

Robert Rauschenberg schenkte ihm sein erstes, im MdM präsentiertes Black Painting: für Cage die malerische Entsprechung seiner musikalischen Vorstellungen von Klang und Stille. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 19.7.2012) 

Bis 7.10.

  • "Ich habe nichts zu sagen, und das sage ich, und es ist Poesie": 
John Cage, vielseitig talentierter Avantgarde-Künstler, Meister des 
Nichts.
    foto: museum der moderne salzburg

    "Ich habe nichts zu sagen, und das sage ich, und es ist Poesie": John Cage, vielseitig talentierter Avantgarde-Künstler, Meister des Nichts.

  • Bildgewordene Vorstellungen von Klang und Stille: "Strings", Monotypie mit 
Abdrücken von Schnüren.
    foto: museum der moderne salzburg

    Bildgewordene Vorstellungen von Klang und Stille: "Strings", Monotypie mit Abdrücken von Schnüren.

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