"Jugendliche weg von der Couch"

Interview |
  • BFI-Chef Lackinger über Chancengleichheit: "Kinder aus Simmering sollten die gleichen Chancen wie Kinder aus Hietzing oder Döbling bekommen."
    foto: sarah dyduch

    BFI-Chef Lackinger über Chancengleichheit: "Kinder aus Simmering sollten die gleichen Chancen wie Kinder aus Hietzing oder Döbling bekommen."

  • "Natürlich sind manche Jugendliche in der Anfangszeit Gfraster."
    foto: sarah dyduch

    "Natürlich sind manche Jugendliche in der Anfangszeit Gfraster."

BFI-Wien-Geschäftsführer Franz-Josef Lackinger erklärt, wie man Jugendlichen bei der Berufswahl helfen kann und warum Lehrlinge manchmal "Gfraster" sind.

"Wir sind nicht nur ein Abstellgleis für Jugendliche, die es am Arbeitsmarkt nicht schaffen", sagt der BFI-Wien-Chef Franz-Josef Lackinger über sein Ausbildungsprogramm für Jugendliche ohne Lehrstelle. Im Gespräch mit derStandard.at erklärt er, dass Unternehmen und Lehrlinge sich im "Management der Erwartungen" üben sollten.

derStandard.at: In Ihrem Ausbildungsprogramm "Überbetriebliche Berufsausbildung" (ÜBA) haben 60 Prozent der Lehrlinge Migrationshintergrund. Sie haben oft Probleme am Arbeitsmarkt und finden schwer einen Job. Wie könnte die Integration besser gelingen?

Lackinger: Ich habe ein Problem mit dem Begriff "Migranten". Menschen, die schon in der zweiten, dritten Generation in Österreich leben, werden oft noch immer als Migranten gesehen und sehen sich selbst auch so. Wichtig ist für diese Menschen eine soziale Durchmischung und die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs. Kinder aus Simmering sollten die gleichen Chancen wie Kinder aus Hietzing oder Döbling bekommen. 

derStandard.at: Sind hier die Schulen in der Pflicht?

Lackinger: Die Schulen schaffen das nicht wirklich. In vielen Neuen Mittelschulen und Polytechnischen Schulen kommt es zu Ballungen von Jugendlichen mit demselben kulturellen Hintergrund, fast zu einer 'Ghettoisierung'. Weil ihnen die Netzwerke fehlen, haben viele Jugendliche am Arbeitsmarkt keine Chancen. Da sind solche Auffangmaßnahmen (wie jene der ÜBA, Anm.) extrem wichtig. 

derStandard.at: Muss die Berufsvorbereitung in den Schulen verbessert werden?

Lackinger: Berufsvorbereitung und -orientierung sind ein Schwachpunkt. Es braucht hier ein Management der Erwartungen. Denn die Erwartungen sind im Bereich der Lehre sehr verschieden: Unternehmen haben sehr hohe Erwartungen an die Jugendlichen, diese wollen es oft aber eher gemütlich angehen und haben manchmal träumerische Vorstellungen. Wichtig ist es daher, dass Jugendliche und Unternehmen zusammenkommen; dass zum Beispiel Firmen in die Schulen gehen. Es heißt auch oft, dass es in gewissen Branchen einen Arbeitskräftemangel gibt. Ich glaube aber, es mangelt objektiv nicht an Arbeitskräften, wenn ich mir die Arbeitslosenstatistik ansehe, sondern an Arbeitern, die die für Unternehmen richtige Arbeitseinstellung mitbringen.

derStandard.at: Sind Sie für Strafmaßnahmen für Unternehmen, die zwar Lehrlinge ausbilden könnten, es aber nicht tun?

Lackinger: Immer weniger Unternehmen nehmen Lehrlinge auf, in Wien sind es nur elf Prozent. Sie zur Ausbildung zu verpflichten, halte ich aber für falsch. Strafsteuern für Unternehmen wären dann sinnvoll, wenn das Geld für überbetriebliche Ausbildungsformen verwendet wird. Wichtig ist mir in dem Zusammenhang, dass die ÜBA wegkommt von diesem Stempel der "Notmaßnahme" und "Ersatz". Wir sind nicht nur ein Abstellgleis für Jugendliche, die es am Arbeitsmarkt nicht schaffen. 

derStandard.at: Warum bilden immer weniger Unternehmen Lehrlinge aus?

Lackinger: Für die Lehrlingsausbildung brauchen Unternehmen gewisse Voraussetzungen, eine gewisse Infrastruktur. Und natürlich sind manche Jugendliche in der Anfangszeit "Gfraster". Aber die Bereitschaft seitens der Unternehmen, das durchzudrücken, auf die Jugendlichen einzugehen, ist oft nicht mehr da.

derStandard.at: Mit 14 oder 15 Jahren eine Berufsentscheidung treffen zu müssen, ist schwer. Wie kann man den jungen Menschen zusätzlich helfen?

Lackinger: Das AMS (Arbeitsmarktservice, Anm.) bietet Screenings für Jugendliche an, da kommt es aber oft zu keinem aussagekräftigen Ergebnis. Eine Lösung ist etwa unsere "Produktionsschule", in der Jugendliche aus rund 16 Berufen auswählen und dann bei einem sechsmonatigen Programm vier oder fünf Berufe spielerisch ausprobieren können. Das ist für junge Menschen auch eine Möglichkeit, sich selbst kennenzulernen. Das Entscheidende ist, die Jugendlichen weg von der Couch zu bringen und so wenige wie möglich zu verlieren. Pro Jahrgang gehen rund acht Prozent der Jungen für den Arbeitsmarkt verloren.

derStandard.at: Wie kann man Anreize schaffen, um diese verlorengegangenen Jugendlichen auf den Arbeitsmarkt zu bringen?

Lackinger: Bis heute gibt es bei unserer Jugendausbildung keine Struktur. Die ÜBA wird etwa durch das AMS Wien und dem WAFF (Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds, Anm.) finanziert. Dies geschieht durch ein offenes Verfahren, wir müssen uns jedes Jahr neu bewerben und uns gegen unsere Konkurrenten durchsetzen. Das heißt, wir wissen nie: Gibt es dieses Programm in fünf Jahren noch? Jugendausbildung sollte nicht mit Marktmechanismen geregelt werden. (Florian Bayer/Sarah Dyduch, derStandard.at, 19.7.2012)

Franz-Josef Lackinger ist seit Anfang 2011 Geschäftsführer des BFI Wien. Zuvor hatte er die Funktion des stellvertretenden Geschäftsführers und Personalchefs inne.

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