Beschneidung - Nur ein Lapperl?

Leserkommentar | Michael Krasser, 20. Juli 2012, 19:00

Während die Beschneidung von Mädchen als FGM (Female Genital Mutilation) bezeichnet und international verurteilt wird, ist die Beschneidung von Buben noch salonfähig und in vielen Ländern gängige Praxis.

Urteil in Köln

Das Landesgericht Köln hat unlängst ein Urteil gefällt, nachdem die Beschneidung von Buben ohne unmittelbare medizinische Notwendigkeit auch mit Einwilligung der Eltern ein Körperverletzung darstellt. Man möchte meinen, dass eigentlich alle mit dem Verbot, ein Kind nicht verstümmeln zu dürfen, einverstanden sein sollten. Aber es gibt dennoch Gegenwehr, vor allem aus verschiedenen religiösen Lagern.

Dass das Urteil eine "große Einmischung in die Religion" darstellt, bedauerte Fuat Samac, Chef der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, unlängst im Standard.

Gott sei Dank gibt es aber bei uns eine Trennung von Kirche und Staat. Die Gesetzgebung erfolgt durch demokratisch gewählte Vertreter. Die so entstandenen Gesetze sind für alle Mitglieder der Gesellschaft bindend (Mit Abstrichen, zugegeben). 

Wozu eigentlich Beschneidung?

Abgesehen von religiösen Motiven und akuten medizinischen Problemen wie zum Beispiel einer Vorhautverengung gibt es zu dieser Frage einige gängige Antworten: 

Weil es hygienischer ist: Der menschliche Körper ist in seiner Gesamtheit ein Hygieneproblem, wenn man sich nicht genügend darum kümmert. In Ländern mit ausreichender Wasser- und Seifeversorgung sollte dies aber kein Argument für einen nicht rückgängig zu machenden chirurgischen Eingriff sein.

Nach dieser Logik müssten wir auch allen Neugeborenen beide Arme amputieren, um Achselgeruch vorzubeugen. Weiterführend empfehle ich zu diesem Thema George Carlin's Beitrag zum menschlichen Immunsystem.

Weil es der Übertragung von Krankheiten vorbeugt: Penis- und Gebärmutterhalskrebs sowie Infektionen mit HIV sind jene Dinge, denen man mit einer Beschneidung vorbeugen können soll - was auch bedingt stimmt. 

Unverschnittene Männer haben ein 5-7 mal höheres Risiko auf Peniskrebs, der für etwa ein Prozent aller Krebserkrankungen verantwortlich ist. In absoluten Zahlen sind das 0.9 pro 100.000 Männern.

Davon gehen etwa zwanzig Prozent von der Vorhaut aus, der Rest von Eichel und Schwellkörper. Somit entfallen also 0.2 Prozent aller Krebserkrankungen auf die Vorhaut.

Während Vorhautkrebs nicht unbedingt zu den Top-Killern zu zählen ist, steht Gebärmutterhalskrebs laut Daten der deutschen Krebsgesellschaft immerhin an 12. Stelle aller bösartigen Frauenleiden. Auch Gebärmutterhalskrebs, der wie Peniskrebs durch HPV (Humane Papillomavirus) ausgelöst werden kann, scheint bei Frauen, die mit unbeschnittenen Männern Sex haben, öfter aufzutreten.

Allerdings kommen aber etwa 70 - 85 Prozent allen sexuell aktiven Menschen mindestens einmal im Leben mit HPV in Kontakt. Eine Ansteckung alleine genügt meist nicht für eine Krebserkrankung; es müssen auch andere Risikofaktoren vorhanden sein. 

Eine Beschneidung scheint das Risiko von HIV Neuinfektionen tatsächlich zu verringern. So steckten sich einer Studie mit 26.000 Afro-Amerikanern beschnittene Männer, die mit einem HIV-infizierten Partner Sex hatten um 51 Prozent seltener an, als unbeschnittene.

Es scheint also tatsächlich Hinweise darauf zu geben, dass eine Beschneidung das Risiko auf Ansteckung und Übertragung von Bestimmten Krebsarten sowie HIV verringern kann.

Nachdem aber Penis- und Gebärmutterhalskrebs nicht unter die führenden Todesursachen zu zählen sind und auch von unbeschnittenen Männern übertragen werden können, will mit deren Vorbeugung durch eine Vorhaut-Amputation nicht so recht einleuchten - zumal man sich seit einiger Zeit gegen HPV impfen lassen kann. Auch zur Vermeidung von HIV-Infektionen sind eine Minimierung von Risikoverhalten sowie die Verwendung von Kondomen einer Beschneidung der Vorhaut vorzuziehen.

Freude am Sex: Man weiß seit Kurzem, dass tausende Nervenenden in der Vorhaut auslaufen, was sie zu einem der empfindlichsten Teile des männlichen Körpers macht. Ob das tatsächlich die Freude am Sex für Vorhautträger steigert, darüber scheiden sich die Geister. Und nicht nur, weil es an Vergleichswerten mangelt. Es gibt beschnittene Männer, die sich mit so genannten "Restoration Kits" ihre Vorhaut wieder hergestellt haben. Die meisten sprechen von einer Verbesserung des Empfindungsvermögens, andere wiederum nicht. Weiters gehen auch die Meinungen von schon sexuell aktiven Männern, die sich beschneiden ließen, auseinander. 

Optischer Eindruck: Na gut.

Beschneidung von Buben und Mädchen

Ist FGM nicht viel schlimmer? Unter FGM versteht man eine Reihe von Praktiken zur rituellen "Reinigung" von jungen Mädchen. In der am wenigsten brutalen Form wird hier die Klitoris eingeschnitten um eine Blutung hervorzurufen, was die Reinigung darstellt.

In den schlimmsten Fällen wird eine völlige Amputation der Klitoris und der Schamlippen mit anschließendem Vernähen der Vulva vorgenommen. Dazwischen ist vieles möglich. Hier steht neben den rituellen Hintergründen auch eine Kontrolle der weiblichen Sexualität im Vordergrund.

FGM kommt nicht nur in Ländern wie Somalia und dem Sudan, sondern auch in westlichen Ländern vor. Bekannt sind vor allem Fälle, wo ein "Besuch bei der Tante" außerhalb von London für Mädchen schon mal mit einer Beschneidung enden kann.

Man kann festhalten, dass manche Fälle von FGM weniger schlimm sind als die männliche Beschneidung, manche sind viel schlimmer. Im Prinzip sind sie aber das gleiche - die Verstümmelung von Genitalien von Säuglingen und kleinen Kindern.

Wieso das Leid, das Mädchen angetan wird zu Recht verurteilt wird, während man bei der Verstümmelung von Buben mit den Achseln zuckt, ist mir ein Rätsel. Es entsteht aber der Eindruck dass es generell eher akzeptabel ist Buben Gewalt anzutun, als Mädchen.

Ich möchte aber gar nicht darüber streiten, ob es jetzt barbarischer ist, einem Mädchen oder einem Buben die Genitalien zu verstümmeln, sondern hervorheben, dass es kategorisch abzulehnen ist, Kinder in Intimberiech zu verletzen.

Selbstbestimmung?

Es gibt in vielen Kulturen Rituale, die der Gesundheit schädlich sein können. So springt man etwa in Vanuatu an einem aus Lianen selbst gemachten Bungeeseil aus luftigen Höhen (zufälligerweise ist hier eine beschnittene Vorhaut eine Teilnahmebedingung), auf den Philippinen lässt man sich zu Ostern gerne mal kreuzigen, manche Hindus stechen sich Haken ins Fleisch und hängen sich daran auf.

Die meisten dieser Dinge fügen sich aber Leute zu, die alt genug sind um theoretisch selbst entscheiden zu können. Theoretisch. Denn ob man, wenn man sich religiöser Doktrin oder anderen gesellschaftlichen Zwängen unterwirft, von freiem Willen sprechen kann, lasse ich dahingestellt.

Aber wenn man schon dabei sein will, dann sollte man wenigstens selber "ja" dazu sagen können. Mich stört, dass Kinder meist verstümmelt werden, bevor sie "nein" sagen können.

Bizarr erscheint in diesem Zusammenhang auch der Einwand des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD), der das Urteil des Kölner Landesgerichtes als einen "eklatanten und unzulässigen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften und in das Elternrecht" bewertet.

Das Recht zur Selbstbestimmung also, das man dazu verwendet, um den eigenen Kindern das Recht auf die körperliche Unversehrtheit, ein Recht das im deutschen Grundgesetz verankert ist, nehmen zu können. Wer sich für so etwas eine Rechtfertigung zurechtbiegen kann, muss schon einige Übung in kreativem Denken haben.

Im Grunde entlarvt der Einwand aber den so gerne verheimlichten Anspruch konservativer religiöser Fanatiker, egal welcher Konfession: jenen nach Konformität und der totalen Unterwürfigkeit der Gläubigen. Führen sie es sich einmal vor Augen: Wenn sie jemandem einreden können, seine eigenen Kinder zu verstümmeln - was können sie ihm dann nicht noch abverlangen? (Michael Krasser, Leserkommentar, derStandard.at, 20.7.2012)

Autor

Michael Krasser, gebürtiger Österreicher, arbeitet er als unabhängiger Berater in der Organisationsentwicklung in Portland, Oregon.

Links

Empfehlenswerter Artikel zum Thema Beschneidung in Medicine and Law, 1994

Auszug Forschungsbericht: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11948269?dopt=Abstract
Wiederherstellung der Vorhaut: http://restoreyourself.com/
NORM (National Organization of Restoring Men): http://www.norm.org/
Doku zum Thema: http://topdocumentaryfilms.com/cut-slicing-through-the-myths-of-circumcision/

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Religion flies us into buildings, science to the moon...

Stutzt den Einfluss der Religionen zurück, sind eigendlich das Grundübel heutzutage, neben "den Finanzmärkten"...,-)

Vielleicht entwickelt man ja eine Technik, die die Beschneidung bereits im Mutterleib ermöglicht.

Interessante Idee

Erinnert mich an die Taufe im Mutterleib. Keine Ahnung, ob das wirklich mal ernsthaft vorgeschlagen oder gar gemacht wurde. Lawrence Sterne hat jedenfalls das komische Potential der Idee in seinem Hauptwerk verarbeitet.

http://www.ebooksread.com/authors-e... -ala.shtml

Was ist das für ein "Gott"

der nur verstümmelte Kinder als Mitglieder haben will?

Das ist der grausame alttestamentarische "Gott", der gern mal jemanden einfach so umbringt (Salzsäule), der die von ihm selbst erschaffenen Menschen wegen Lächerlichkeiten wie Analsex massenmordet (Sodom und Co), der schon mal einen Sektenführer auffordert, sein Kind umzubringen ...

... die G'schicht mit Liebe und Mitmenschlichkeit und so weiter kam erst viel später, und hat keine 20 Jahre gehalten.

Nicht Kinder

Bitte sprecht es so aus wie es wirklich ist. Es sind nicht die Kinder. Es sind die kleinen Buben die nicht geschützt werden sollen, vor Übergriffen der Erwachsenen.

Ihre Frage macht nur Sinn

wenn der Tatbestand der Verstümmelung besteht.
Und genau hier gehen die Meinungen auseinander.

Das ist wirklich trollig

Was Gott geschaffen hat,

<b>soll der Mensch nicht wegschneiden</b>

Mich wundert, dass in der hochgebildeten Diskussion hier und den Qualitätszeitungen niemand erzählt, dass die Beschneidung schon im Römischen reich teils als barbarisch gesehen worden war.

Warum sollte das jemand tun?

Einen Menschensrechtsdebatte wäre dem römischen Reich wohl eher fremd gewesen.
Und um genau die geht es hier.
Die vom Grundgesetz der BRD garantierten Menschenrechte gelten nun mal auch für Kinder und beinhalten das Recht auf körperliche, sexuelle und seelische Unversehrtheit.

Keine der kindsbeschneidenden Religionen wird es sich erlauben können, einen bewaffneten Aufstand gegen die Menschenrechte zu beginnen, um man die Anspielung auf einen Auftsand in der Anike eines anderen Posts von Ihnen einzubeziehen.

wäre dem römischen Reich wohl eher fremd gewesen.

umso schlimmer : Jetzt ! Haben wir die Zeit der Aufklärung denn schon vergessen ? Menschen die Glauben wollen und Religonen angehören wollen sollen es ohne einschränkung tun dürfen. aber sie sollen selbst entscheiden wann und ob. Es geht um Humanismus, Selbstbestimmung und letztendlich Körperverletzung, geduldet vom Staat.

Das römische Reich war wahrscheinlich nicht so wie von den damaligen Medien dargestellt. Da passt vieles einfach nicht zusammen.

ich stieß gerade auf ein Buch "Geschichte der Juden in der Antike"

von einem Peter Schäfer. Da lesen wir, dass ein Beschneidungsverbot durch den römischen Kaiser Ursache für den großen Bar-Kochba Aufstand gewesen sein könnte. Sogar von hellenisierten Juden, die die Beschneidung als barbarischen Brauch abgelehnt hatten, ihre Vorhäute wieder herstellen hatten lassen und sich dann doch noch einmal beschneiden, ist die Rede. Unglaublich.

Ich verfolge diese Diskussion um Beschneidung nun schon eine geraume Zeit

halte mich aber heraus, weil das für mich eine innereuropäische Diskussion ist.

Eine Frage stellt sich mir aber wieder und wieder, vorallem wenn ich besonders "militante" Postings gegen die Beschneidung lese: Wieviele glühende Beschneidungsgegner sind eigentlich gegen Abtreibung?
Warum ist im diesen Falle "das Recht der Frau auf ihren Körper" dem Recht des Kindes auf Leben (bzw. "körperliche Unversehrtheit") vorrangig?

Bin schon gespannt auf die Reaktionen ...

Na ganz einfach: Jeder Mensch soll über den Körper, in dem sein Geist wohnt, verfügen können. Wir Europäer sind frei geboren, keine Sklaven, nicht Besitz anderer Menschen, zu keiner Religion gezwungen. Und sollten nicht zulassen, dass sich dies ändert.

Ein Embryo hat noch kein Bewusstsein; und so ist in vielen Fällen weitaus weniger Leid mit einer Abtreibung verbunden als wenn man die Mutter zum Austragen zwingt und damit zwei Leben zerstört, das der Mutter und das des Kindes.

"das Recht der Frau auf ihren Körper"

Recht kranke Gemengelage. Das Kind ist bereits am Leben, gesund und wird dann "verstümmelt".
Das andere- Abtreibung- ist die SELBSTBESTIMMUNG DER FRAU. Ohne Gebärmutter, der nunmal der "Mutter" gehört ist das ungeborene Kind nicht lebensfähig. Also entscheidet die Mutter.... Nicht Gott oder die MutterkreuzträgerInnen. Ich bin sicher KEINE Mutter macht sich so eine Entscheidung leicht. Mit den Tausendjahrenalten Beschneidungsritualen
hat das nix zu tun.

Abtreibungsrecht weltweit

Halten wir uns was Abtreibungen angeht nicht mit Meinungen auf. Betrachten wir die Staaten, in denen Abtreibung legal ist:
http://www.svss-uspda.ch/de/facts/... d-list.htm

Die Praxis der Beschneidung scheint nicht unbedingt ein Hinweis auf Erlaubnis oder Verbot der Abtreibung zu sein.
Denn Ihrer Logik nach müssten ja Staaten, die keine Menschenrechte für Kinder kennen und ergo Beschneidungen zulassen, auch Abtreibungen zulassen.

Wenn ich (sicherlich auf provokante Weise) die Frage der Abtreibung ins Treffen führe

so möchte ich lediglich darauf hinweisen, dass es sich m.E. bei beiden Fragen um das pers. Gewissen handelt im Bez. auf eine Entscheidung, die letzlich jemanden anderen betrifft.
M.E. ist die Ablehnung d. Beschneidung vieler hier aus anti-religiösen Ressentiments und einer gewissen kulturellen Intoleranz motiviert, die über (anfechtbare) Behauptungen der Verstümmelung und der Einforderung eines Selbstbestimmungsrechtes des (unmündigen) Kindes rationalisiert werden, und bisweilen höchst unsachlich ist.

Ich empfehle den folgenden Post, der zur Abwechslung sich auch auf eine wiss. Untersuchungen stützt (siehe auch meine Antwort darauf): http://bit.ly/MDlldd

Gesetzgebung ist übrigens bisweilen auch widersprüchlich: http://bit.ly/MZam9B

Ressentiments und einer gewissen kulturellen Intoleranz motiviert,

Selbstverständlich nicht ! Nur irgendwo sollte auch bei den Religionen, besonders wenn es um "Körperverletzung" geht zeitgemässes (-aufgeklärtes-) Gedankengut platzgreifen. Traditionen sind gut und schön, Erwachsene sollen nach Ihren Traditionen leben aber Kleinkindern sollte man diese (umstrittene) gezwungene Symbolik ersparen. Gilt übrigens auch für die christliche Taufe. Auch wenn es keine körperliche Verletzung darstellt.
Religion ist Privatsache. - Dabei bleibe ich und das toleriere ich uneingeschränkt.

Was zum Kuckuck hat Abtreibung mit Circumcision zu tun - Thema verfehlt!

Vielleicht schauen sie mal in ein Biologiebuch.

Abgesehen davon, dass man mit einer Frage keine Themenverfehlung begehen kann

beantworten Sie meine 2. Frage nicht ...

Und dass es sich hier um eine ethisch-philosophische Diskussion handelt, bei denen auch Argumente gebracht werden, die sich auf (höchstwahrscheinlich nicht gänzlich unumstößliche) medizinische Fakten stützen, ist Ihnen hoffentlich klar, oder?

Oh, doch..

.. Man kann mit Fragen das Thema verfehlen.
Wenn man in der Dönerbude fragt, ob das Fleisch auch koscher ist.

Nachdem Halal ziemlich dasselbe ist wie koscher, werden die meisten Dönerbudenbetreiber vermutlich antworten "ja ist koscher".

keine ethische sondern eine religiöse Idee

was hat Beschneidung mit Ethik zu tun?

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