Sie machen den alten Charlie wieder flott

Reportage19. Juli 2012, 14:25
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In der BFI-Lehrwerkstatt Wien-Landstraße machen Jugendliche nicht nur eine Fachausbildung, sondern lernen auch Respekt und Wertschätzung

"Ja, es ist schwerer, als Migrant einen Job zu finden", sagt Nenad (19), der zwar österreichischer Staatsbürger ist, aber bosnische Wurzeln hat. Dennoch blickt er optimistisch in die Zukunft. In Kürze schließt er seine Lehre als Kfz-Mechaniker ab, danach hofft er auf einen Job. 

Nenad ist einer von etwa 350 Jugendlichen, die eine Lehre im Rahmen der "Überbetrieblichen Berufsausbildung" des BFI Wien in der Göllnergasse absolvieren. Die Ausbildung richtet sich an junge Menschen, die am Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen konnten. Die meisten von ihnen haben nur einen Pflichtschulabschluss. 

"Na, wie hat das Zeugnis bei dir ausgeschaut?", fragt Werkstattleiter Walter Granadia, der durch die Hallen führt. "Na ja, zwei Vierer." - "Na gut, könnt schlimmer sein", sagt Granadia mit einem Augenzwinkern. Er pflegt einen freundschaftlichen Umgang mit den Lehrlingen und grüßt jeden, der ihm bei seinem Rundgang durch die fast leeren Hallen begegnet. Im Moment genießt er die entspannte Sommerzeit: Der Großteil der Lehrlinge ist derzeit auf Urlaub oder bei einem Praktikum. Erst am 3. September, wenn das neue Lehrjahr beginnt, wird es laut Granadia wieder "knackevoll".

350 Jugendliche, 16 Nationalitäten

Nach Vermittlung über das Arbeitsmarktservice (AMS) können die Jugendlichen hier einen von zehn technischen Berufen erlernen, von Maschinenbau über Installateur bis hin zum Technischen Zeichner. Etwa ein Drittel der Jugendlichen findet schon während der dreijährigen Ausbildung einen Platz in einem Unternehmen. Viele sammeln Erfahrung mit Praktika, die oftmals auch in einen fixen Job münden. Allerdings bieten auch viele Unternehmen Praktika nur an, um die Urlaubszeit zu überbrücken: "Da werden dann drei Wochen lang nur Reifen gewechselt. Das ist natürlich sinnlos", so Werkstattleiter Granadia.

Ungefähr 60 Prozent der Lehrlinge haben Migrationshintergrund, die meisten stammen aus der Türkei. Insgesamt sind 16 Nationalitäten vertreten. "Die Arbeit mit den Migranten ist nicht immer ganz problemlos, funktioniert aber grundsätzlich ganz gut", meint Granadia. Bei vielen mangle es bereits bei den Grundlagen: "Wir müssen oft mit den Grundrechnungsarten beginnen - im Pflichtschulbereich dürfte da einiges schieflaufen. Die Anfangszeit bei uns ist immer ein Kampf." Etwa ein Drittel der Lehrlinge bricht die Ausbildung bereits im ersten Jahr wieder ab.

Viele der Neuankömmlinge müssten auch erst lernen, was Respekt und Wertschätzung bedeuten. In der Schule spielten diese Werte bei den meisten bislang keine Rolle. Auch falsche oder fehlende Erwartungen sind laut Granadia ein Problem: "Die Jugendlichen haben oft keine Vorstellung, was sie in einem bestimmten Beruf erwartet. Deshalb wollen die meisten etwas mit Autos machen, weil man sich da etwas Konkretes vorstellen kann."

Charlie und die anderen Rostlauben

Dementsprechend ist die Lehre zum Kfz-Mechaniker mit Abstand die beliebteste. Die meisten der Autos, die hier zerlegt und bearbeitet werden, würden freilich nie wieder eine Zulassung für die Straße bekommen, sagt Granadia: "Das sind alte Rostlauben, die wir durch einen Deal mit der MA 48 (Wiener Magistratsabteilung für Abfallwirtschaft, Anm.) bekommen." Zum Lernen würden sie sich aber perfekt eignen: "In Karosseriewerkstätten werden meist nur mehr die defekten Teile getauscht. Bei uns aber sehen die Lehrlinge, wie man die Autos tatsächlich wieder reparieren kann."

Ein paar Jugendliche sitzen neben einem der Autowracks und tratschen. Als sie Granadia sehen, springen sie auf und beginnen, am Auto herumzuwerken. "Bei uns kommen 15 Lehrlinge auf einen Ausbildner", erklärt der Werkstattleiter. Es ist daher nicht immer leicht für die Lehrmeister, jeden ihrer Schützlinge im Blick zu behalten. Auch ein alter, aber frisch lackierter weißer VW-Bus, genannt "Charlie", steht in der Werkhalle. Er liegt den Lehrlingen besonders am Herzen und wird als einziges Fahrzeug für die Straße flottgemacht.

Zu kuschelig?

Immer wieder kritisieren Betriebe, dass es bei der Überbetrieblichen Berufsausbildung "recht kuschelig" zugehe und dass die echte Arbeitswelt viel härter sei. Werkstattleiter Granadia versucht, mit den Vorurteilen aufzuräumen: "Klar geht es bei uns etwas lockerer zu als in den Unternehmen. Unsere Lehre steht der in einem Betrieb aber um nichts nach. Wir bieten eine vollwertige Ausbildung. Das Echo von den meisten Firmen ist auch eindeutig positiv."

Der 20-jährige Ferzi hat seine Ausbildung schon fast hinter sich. In zwei Wochen macht er seine Gesellenprüfung, dann ist er Kfz-Mechaniker. Er hofft auf einen passablen Abschluss: "Ein möglichst gutes Zeugnis ist sehr wichtig, um nachher einen Job zu finden." Daher sitzt er an einem Tisch mitten in der Werkhalle und lernt. In Kürze wird er die Ausbildungsstätte verlassen - und sich in der Arbeitswelt bewähren müssen. (Florian Bayer/Sarah Dyduch, derStandard.at, 19.7.2012)

  • In der BFI-Lehrwerkstätte Göllnergasse werden rund 350 Lehrlinge ausgebildet - vom Kfz-Mechaniker bis zum Elektroinstallateur.
    foto: sarah dyduch

    In der BFI-Lehrwerkstätte Göllnergasse werden rund 350 Lehrlinge ausgebildet - vom Kfz-Mechaniker bis zum Elektroinstallateur.

  • Ganz besonders ins Herz geschlossen haben die Jugendlichen den alten Charlie (hier mit oranger Abdeckplane).
    foto: sarah dyduch

    Ganz besonders ins Herz geschlossen haben die Jugendlichen den alten Charlie (hier mit oranger Abdeckplane).

  • Ferzi (20) lernt für seine Abschlussprüfung in zwei Wochen; er hofft auf ein gutes Zeugnis.
    foto: sarah dyduch

    Ferzi (20) lernt für seine Abschlussprüfung in zwei Wochen; er hofft auf ein gutes Zeugnis.

  • Viele alte Autos werden von der MA 48 gespendet.
    foto: sarah dyduch

    Viele alte Autos werden von der MA 48 gespendet.

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