"Nicht auszuschließen, dass syrische Offiziere einen Coup versuchen"

Interview |

Politologe Heiko Wimmen über die empfindlich gestörte Machtbalance und seine Befürchtung, dass das Regime nun noch härter durchgreift

Politologe Heiko Wimmen von der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik rechnet nach dem Anschlag auf den inneren Machtzirkel Syriens mit einer neuerlichen Eskalation der Gewalt. Das Regime sei zwar tief getroffen, aber noch lange nicht am Ende. Er rechnet aber damit, dass die Desertionen aus dem Militär zunehmen werden. Sollten sich ganze Teile der Armee abspalten, könnte sich die Lage ändern.

derStandard.at: Bei einem Anschlag in Damaskus wurden der Verteidigungsminister Daoud Rajha und Assads Schwager, General Asef Shawkat getötet. Wie stark hat dieser Anschlag Assads inneren Zirkel geschwächt?

Wimmen: Darüber kann man natürlich spekulieren. Fakt aber ist, dass man die sehr sorgsam ausgeglichene Machtbalance in Syrien nun neu austarieren muss. Das wäre schon in "normalen" Zeiten eine sehr heikle Sache, in Kriegszeiten ist es das natürlich umso mehr. Diese schwierige Situation sendet Schockwellen durch das System und trifft die Moral empfindlich. Dass die Anschläge so nahe an die Kernelite herankommen konnten, macht klar, dass nichts mehr sicher ist.

derStandard.at: Ist das Ende des Assad-Regimes damit näher?

Wimmen: Darauf kann man nicht unbedingt schließen. Ich befürchte vielmehr, dass das Regime nun noch viel härter und brutaler gegen vermeintliche Gegner vorgehen wird. Heute morgen habe ich Gerüchte gehört, dass vom Kassiounberg über Damaskus aus Atelleriestellungen bestimmte Viertel beschießen. Ob das nun stimmt oder nicht, ich gehe davon aus, dass Syrien eine weitere Eskalation der Gewalt erleben wird. Und es ist naheliegend, dass sich damit auch die Zahl der Desertionen erhöhen wird. Das kann implizieren, dass sich das Regime auf seinen entschlossenen, gewaltbereiten und vornehmlich alawitischen Kern zurückzieht

derStandard.at: Die Führungsebene des Militärs ist ja zum Großteil alawitisch, wie Assad. Wie wird das Militär auf den Tod des Verteidigungsministers reagieren?

Wimmen: Es gibt auch viele Sunniten im Militär, auch auf der Führungsebene. Die Alawiten machen ja nur zehn Prozent der Bevölkerung aus, und es war natürlich nicht möglich, über Jahre hinweg das gesamten Offizierkorps mit Alawiten zu besetzen. Schlüsselpositionen sind allerdings vom Regime mit Alawiten besetzt worden, so dass sichergestellt wurde, dass die sunnitischen Offiziere keine innerkonfessionellen Netzwerke bauen konnten.

Je mehr der Konflikt jetzt aber einen konfessionellen Charakter annimmt, desto geringer werden die Optionen der Alawiten. Ich gehe deshalb davon aus, dass Teile des Militärs bis zum bitteren Ende dem Regime die Stange halten werden. Aber es bröckelt definitiv an den Rändern, und man kann nicht ausschließen, dass sich ein Netzwerk von - vermutlich mehrheitlich sunnitischen - Offizieren zusammenschließt und einen Coup versucht. Das ist aber ein Szenario, mit dem das Regime  rechnet. Außerdem ist es naheliegend, dass ausländische Kräfte - wie zum Beispiel aus Saudi-Arabien - solche Netzwerke aktiv unterstützen. Wenn sich ganze Teile der Armee abspalten, ändert sich die Lage natürlich.

derStandard.at: Wenn das Militär desertiert, dann zur Freien Syrischen Armee?

Wimmen: Die Freie Syrische Armee gibt es ja nicht. Vielmehr gibt es eine Reihe von bewaffneten Gruppen, die unter diesem Label unterwegs sind. Das heißt noch lange nicht, dass eine klare Kommandostruktur oder koordiniertes Handeln existiert oder dass die Gruppen Befehle aus dem Verbindungsbüro der FSA im türkischen Antakya annehmen. Es gibt aber bestimmt Bemühen, solche Strukturen zu schaffen.

derStandard.at: Beim ersten Versuch, Shawkat zu töten, war vermutlich der Koch der Täter. Er hat versucht, ihn zu vergiften. Diesmal soll es ein Mitglied der Leibwache in Zusammenarbeit mit der Freien Syrischen Armee gewesen sein.

Wimmen: Auch ein Armeegeneral braucht Köche und Leibwächter. Es gibt unterschiedliche Motivationen, warum solche Leute für solche Taten ansprechbar sind, ideologische, finanzielle. Das heißt aber nicht automatisch, dass die Rebellen nun schon vor den Toren von Damaskus stehen. Die Tatsache, dass die Attentäter in den inneren Zirkel eindringen konnten, wird aber dazu führen, dass in Zukunft noch genauer gescreent wird, wer in der die Nähe des Machtzentrums kommt. Das kann paranoide Züge annehmen.

derStandard.at: Was geben Sie auf die Gerüchte, Assad habe sich nach Latakia, nahe seinem Heimatort zurückgezogen?

Wimmen: Das sind Spekulationen. Vor Monaten wurde schon spekuliert, dass sich die Alawiten, sollte es schlimmer werden, in ihre Stammheimat in die Berge um Latakia zurückziehen werden. Von hier aus wäre auch eine militärische Verteidigung möglich. Natürlich muss man in Damaskus aber darüber nachdenken, was zum Beispiel geschieht, sollte man die Kontrolle über Homs verlieren. Die Gegend um Homs teilt die Zentralebene von der Küstenebene und hat deswegen als Link zur Küste große strategische Bedeutung. Würde Homs verloren gehen, könnte sich die Elite in Damaskus nicht mehr sicher fühlen.

derStandard.at: Werden die Anschläge etwas an der Einstellung Chinas und Russlands ändern, die ja bisher eine starke UN-Resolution behindern?

Wimmen: Ich gehe davon aus, dass Russland den Anschlag als Beleg nimmt, dass es sich hier um einen Terrorakt handelt und eine Parteinahme des Sicherheitsrates letztendlich terroristische Akte belohnen würde. Sie werden das als Anlass nehmen zu sagen, dass man sich nicht klar auf eine Seite stellen könne, sondern alle Seiten zu einem Kompromiss bringen muss. Mittlerweile ist es aber klar zu spät für eine diplomatische Lösung. (Manuela Honsig-Erlenburg, derStandard.at, 19.7.2012)

Heiko Wimmen forscht  bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Seine Schwerpunkte liegen auf der arabischen Welt. Er lebte von 1990 bis 2009 überwiegend im Nahen Osten, davon ein knappes Jahr in Syrien. Er arbeitete auch als Journalist in Beirut.

  • "Je mehr der Konflikt einen konfessionellen Charakter annimmt, desto geringer werden die Optionen der Alawiten."
    foto: swp

    "Je mehr der Konflikt einen konfessionellen Charakter annimmt, desto geringer werden die Optionen der Alawiten."

  • Syrisches Militär nach dem Anschlag in Damaskus.
    foto: syrian state tv via ap

    Syrisches Militär nach dem Anschlag in Damaskus.

  • Artikelbild
Share if you care.