Interne Konflikte läuteten Nokias Niedergang ein

1,41 Mrd. Euro Verlust - Bei vielen Dingen dem Markt Jahre voraus, aber nichts daraus gemacht

Über lange Jahre war Nokia der unangefochtene Marktführer in Sachen Mobiltelefone, diese Zeiten scheinen nun allerdings endgültig  vorbei zu sein. Das Unternehmen ist in eine tiefe Krise geschlittert, die zunehmend existenzbedrohende Ausmaße angenommen hat, wie MarktbeobachterInnen praktisch unisono attestieren. Der aktuelle Fokus auf Smartphones mit Windows Phone und die Partnerschaft mit Microsoft, die Nokia eigentlich aus der Krise helfen hätte sollen, erweist sich bislang nur als begrenzt erfolgreich: Durchaus positiven Rezensionen und langsam wachsenden Marktanteilen steht die bittere Realität entgegen, dass Nokias andere Geschäftsbereiche erheblich schneller wegbrechen als die Umsätze mit den Lumia-Smartphones wachsen.

Schuldfrage

Die Schuld an Nokias Niedergang in der Umstellung auf Windows Phone zu suchen, wäre allerdings viel zu kurz gegriffen, wie das Wall Street Journal in einer aktuellen Analyse herausstreicht. Die entscheidenden Fehler wurden schon lange vor der Ära des aktuellen CEOs Stephen Elop gemacht.

Guter Start

Dabei hätten die Voraussetzungen für Nokia, um den Smartphonemarkt zu dominieren, eigentlich gar nicht besser sein können: Schon in den Neunziger Jahren hatte man analysiert, dass Geräte die nur zum Telefonieren genutzt werden, langfristig keine große Zukunft haben. Also brachte man im Jahr 1996 mit dem Nokia 9000 Communicator das erste Smartphone überhaupt auf den Markt. "Damit waren wir dem Markt fünf Jahre voraus", resümiert der damalige Nokia-CEO Orma Ollila.

Druck

Doch was dann folgte war eine Abwärtsspirale von externen und internen Dynamiken: Die InvestorInnen von Nokia wollten das langfristige Potential der Smartphones nicht so recht erkennen, und forderten eine Refokussierung auf reine Mobiltelefone - dies vor allem nachdem andere Hersteller zunehmend erfolgreich den einträglichen Markt für günstige Telefone abgrasten. Und dieser Wechsel kam dann auch tatsächlich: Mit der Ablöse von Ollila durch Olli-Pekka Kallasvuo im Jahr 2006 wurde die Smartphone-Entwicklung wieder in den Hintergrund gedrängt - und so ein in Folge fataler Rückschritt vorgenommen.

Interne Probleme

Die Schuld alleine diesem Wechsel zu geben, wäre aber auch zu einfach, viel mehr spielten interne Streitigkeiten und das Unvermögen den Talenten der eigenen Entwicklungsabteilung zu vertrauen, ebenfalls eine entscheidende Rolle. Dabei pflegte man Innovationen wie kaum ein anderes Unternehmen: In den letzten zehn Jahren hat Nokia satte 40 Milliarden in die Forschung gesteckt. Zum Vergleich: Das ist viermal mehr als Apple im gleichen Zeitraum investiert hat. Doch die meisten dieser dabei von Nokia entwickelten Konzepte versandeten einfach, reale Produkte wurden daraus nur in den seltensten Fällen.

Beispielhaft

Auf ein besonders prägnantes Beispiel für das Unvermögen Innovationen zu erkennen, verweist dabei Frank Nuovo, ehemaliger Chefdesigner von Nokia. Vor rund zehn Jahren hatte man der Chefetage das Konzept für ein Tablet vorgelegt, das weitgehend dem entsprach, was viele Jahre später von Apple erfolgreich auf den Markt gebracht wurde. Es war komplett auf Touch-Eingabe ausgerichtet und drahtlose Internetnutzung ausgelegt, das Design entsprach ebenfalls praktisch exakt dem späteren iPad. Doch das Projekt wurde wie so viele andere von oben "abgedreht", bevor es überhaupt zur Entwicklung kam.

Maemo/MeeGo

Anders verhält sich die Angelegenheit beim mobilen Linux Maemo, das ab 2006 offen von Nokia entwickelt und sogar in diversen Produkten ausgeliefert wurde. Doch anstatt sich mit voller Kraft hinter diese Entwicklung zu stellen, wurden dem Unterfangen über die Jahre zahlreiche Knüppel zwischen die Beine geworfen. So erinnert sich Alastair Curtis, Nokia-Chefdesigner von 2006 bis 2009 daran, dass man eigentlich die ganze Zeit mehr mit internen Streitigkeiten beschäftigt war, als mit realer Arbeit. Vor allem die Symbian-Abteilung sah Maemo - das später unter dem Namen MeeGo mit Intel weiterentwickelt wurde - gar nicht gerne, nahm man es doch als direkte Konkurrenz war.

Patt

All dies führte dazu, dass Nokia zuletzt in einer einzigen großen Pattsituation gefangen war. "Ich habe nie ein Unternehmen gesehen, dass so lange für Entscheidungen brauchte", umreißt Paul Jacobs, Chef des Chip-Herstellers Qualcomm diese Situation. Teilweise habe es sechs bis neun Monate nach der internen Präsentation einer neuen Technologie gebraucht, bis sich Nokia dazu entschlossen hatte, ob man diese verwenden wolle oder nicht - ein Zeitpunkt zu dem diese Chance oft schon längst verflogen war. (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 19.7.2012)

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