Interne Konflikte läuteten Nokias Niedergang ein

Andreas Proschofsky
19. Juli 2012, 10:16

1,41 Mrd. Euro Verlust - Bei vielen Dingen dem Markt Jahre voraus, aber nichts daraus gemacht

Über lange Jahre war Nokia der unangefochtene Marktführer in Sachen Mobiltelefone, diese Zeiten scheinen nun allerdings endgültig  vorbei zu sein. Das Unternehmen ist in eine tiefe Krise geschlittert, die zunehmend existenzbedrohende Ausmaße angenommen hat, wie MarktbeobachterInnen praktisch unisono attestieren. Der aktuelle Fokus auf Smartphones mit Windows Phone und die Partnerschaft mit Microsoft, die Nokia eigentlich aus der Krise helfen hätte sollen, erweist sich bislang nur als begrenzt erfolgreich: Durchaus positiven Rezensionen und langsam wachsenden Marktanteilen steht die bittere Realität entgegen, dass Nokias andere Geschäftsbereiche erheblich schneller wegbrechen als die Umsätze mit den Lumia-Smartphones wachsen.

Schuldfrage

Die Schuld an Nokias Niedergang in der Umstellung auf Windows Phone zu suchen, wäre allerdings viel zu kurz gegriffen, wie das Wall Street Journal in einer aktuellen Analyse herausstreicht. Die entscheidenden Fehler wurden schon lange vor der Ära des aktuellen CEOs Stephen Elop gemacht.

Guter Start

Dabei hätten die Voraussetzungen für Nokia, um den Smartphonemarkt zu dominieren, eigentlich gar nicht besser sein können: Schon in den Neunziger Jahren hatte man analysiert, dass Geräte die nur zum Telefonieren genutzt werden, langfristig keine große Zukunft haben. Also brachte man im Jahr 1996 mit dem Nokia 9000 Communicator das erste Smartphone überhaupt auf den Markt. "Damit waren wir dem Markt fünf Jahre voraus", resümiert der damalige Nokia-CEO Orma Ollila.

Druck

Doch was dann folgte war eine Abwärtsspirale von externen und internen Dynamiken: Die InvestorInnen von Nokia wollten das langfristige Potential der Smartphones nicht so recht erkennen, und forderten eine Refokussierung auf reine Mobiltelefone - dies vor allem nachdem andere Hersteller zunehmend erfolgreich den einträglichen Markt für günstige Telefone abgrasten. Und dieser Wechsel kam dann auch tatsächlich: Mit der Ablöse von Ollila durch Olli-Pekka Kallasvuo im Jahr 2006 wurde die Smartphone-Entwicklung wieder in den Hintergrund gedrängt - und so ein in Folge fataler Rückschritt vorgenommen.

Interne Probleme

Die Schuld alleine diesem Wechsel zu geben, wäre aber auch zu einfach, viel mehr spielten interne Streitigkeiten und das Unvermögen den Talenten der eigenen Entwicklungsabteilung zu vertrauen, ebenfalls eine entscheidende Rolle. Dabei pflegte man Innovationen wie kaum ein anderes Unternehmen: In den letzten zehn Jahren hat Nokia satte 40 Milliarden in die Forschung gesteckt. Zum Vergleich: Das ist viermal mehr als Apple im gleichen Zeitraum investiert hat. Doch die meisten dieser dabei von Nokia entwickelten Konzepte versandeten einfach, reale Produkte wurden daraus nur in den seltensten Fällen.

Beispielhaft

Auf ein besonders prägnantes Beispiel für das Unvermögen Innovationen zu erkennen, verweist dabei Frank Nuovo, ehemaliger Chefdesigner von Nokia. Vor rund zehn Jahren hatte man der Chefetage das Konzept für ein Tablet vorgelegt, das weitgehend dem entsprach, was viele Jahre später von Apple erfolgreich auf den Markt gebracht wurde. Es war komplett auf Touch-Eingabe ausgerichtet und drahtlose Internetnutzung ausgelegt, das Design entsprach ebenfalls praktisch exakt dem späteren iPad. Doch das Projekt wurde wie so viele andere von oben "abgedreht", bevor es überhaupt zur Entwicklung kam.

Maemo/MeeGo

Anders verhält sich die Angelegenheit beim mobilen Linux Maemo, das ab 2006 offen von Nokia entwickelt und sogar in diversen Produkten ausgeliefert wurde. Doch anstatt sich mit voller Kraft hinter diese Entwicklung zu stellen, wurden dem Unterfangen über die Jahre zahlreiche Knüppel zwischen die Beine geworfen. So erinnert sich Alastair Curtis, Nokia-Chefdesigner von 2006 bis 2009 daran, dass man eigentlich die ganze Zeit mehr mit internen Streitigkeiten beschäftigt war, als mit realer Arbeit. Vor allem die Symbian-Abteilung sah Maemo - das später unter dem Namen MeeGo mit Intel weiterentwickelt wurde - gar nicht gerne, nahm man es doch als direkte Konkurrenz war.

Patt

All dies führte dazu, dass Nokia zuletzt in einer einzigen großen Pattsituation gefangen war. "Ich habe nie ein Unternehmen gesehen, dass so lange für Entscheidungen brauchte", umreißt Paul Jacobs, Chef des Chip-Herstellers Qualcomm diese Situation. Teilweise habe es sechs bis neun Monate nach der internen Präsentation einer neuen Technologie gebraucht, bis sich Nokia dazu entschlossen hatte, ob man diese verwenden wolle oder nicht - ein Zeitpunkt zu dem diese Chance oft schon längst verflogen war. (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 19.7.2012)

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°/.

Die InvestorInnen <- oh mann Leute. Ab hier konnte ich nicht mehr Lesen. Mit Augenkrebs verstorben.

"Angelegenheit beim mobilen Linux Maemo, das ab 2006 offen von Nokia entwickelt..."

Das hätte Android mittelfristig den Rang abgelaufen.

Sehr schade, dass es aus ist. Wäre sicher ein Katalysator für Nutzerfreundlichere Linux-Systeme am PC geworden.

"Die Schuld ...

...an Nokias Niedergang in der Umstellung auf Windows Phone zu suchen, wäre allerdings viel zu kurz gegriffen, wie das Wall Street Journal in einer aktuellen Analyse herausstreicht."
Find ich überhaupt nicht. Wärens auch auf den Android Zug aufgesprungen, hättens fette Umsätze machen können.

Eine Fehlentscheidung alleine

hat Nokia nicht in die Knie gezwungen. Nur die im Artikel angeführte Ansammlung von Fehlentscheidungen hat das geschafft.

Neue Serie: Niedergangs-Analysen

Lesen Sie auch den zweiten Artikel der neuen aber unauffälligen derStandard-Serie: "Analyse eines Niedergangs":

Opel: Die Geschichte eines Niedergangs
http://derstandard.at/134213965... e-Ursachen

Also, ich find' das super.

Sperrt den Laden bitte endlich zu!

Jeder weitere Tag, den dieses Unternehmen noch öffentliche Gelder verbrennt, ist einer zuviel!

warum

brennt nokia öffentliche Gelder ?

Hab ich da was versäumt ?

Artikel lesen hilft...

OK

hab den Artikel nochmal gelesen !

Wo steht das Nokia öffentliche Gelder verbrennt ?

Da sieht man was der grösste Standort- Nachteil einiger europäischer Länder ist: Provinzielle Mentalität und Ignoranz in den Führungsetagen. Warum? Weil Du nur durch angepasstes Duckmäusertum dort hinkommst; und dann stellen diese Leute die Weichen...

Vollpfosten und Ja-Sager werden zu Entscheidungsträgern ...

Nach einem Jahr E7

habe ich das neue Symbian Belle hochgeladen.
Und ich bin begeistert. Die Mängel scheinen behoben und es bietet tolle Funktionen.
Im direkten Vergleich mit dem iPhone kann es überall bestehen, und die zusätzliche Tastatur ist mir wichtig.
Es tritt nicht so marktschreierisch auf wie Apple, das missfällt manchen.

100 Millionen Dollar für neue Yahoo-Chefin

http://www.spiegel.de/wirtschaf... 45432.html

Auf ihre "Innovationen" bin ich ja gespannt... Die Frau/Herr ChefIn wird ganz sicher die 100.000.000$ wert sein /ironieoff

Die hat die 100 mio als Aktienpaket bekommen
d.h. wenn sie yahoo runter wirtschaftet bekommt sie viel weniger
wenn es steil bergauf geht, viel mehr...

Die Frau hat großen Anteil daran, dass Google heute so ein Milliarden-Unternehmen ist. Also ja, sie ist es durchaus wert.

amis sind offenbar eher in der lage innovationen zu vermarkten als europäer (und glauben sie mir: das ärgert mich extrem!!!). so gesehen sollen die leute auch mehr verdienen.

diese nokia nasen haben jedenfalls eine tolle firma erfolgreich ins off gekickt.

wieder ein europäischer technologieführer, der bald mal vom markt verschwindet.

amis sind offenbar eher in der lage innovationen zu vermarkten als europäer (und glauben sie mir: das ärgert mich extrem!!!).

Das ist kein lokales Problem sondern ein Managerproblem.

Wennst innovationsfeindliche Manager hast, kannst Ami, Eurpäer, Asiate oder was auch immer sein. Die Firma wird Probleme bekommen.

Wer innovative Standorte wie Bochum schliesst

darf die Rechnung gern präsentiert bekommen. Obwohl die Entscheider habem dicke Boni bekommen, das wars.

Der erste grüne Strich stammt von mir:) Ich habe das schon einige Male in Bezug auf Nokia hier angemerkt.
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Manche Manager sind nicht imstande zu verstehen, dass ein Product auch gut funktionieren muss und dass man sich die eigenen Entwickler sorgfältigst warm halten sollte. Und auch in der Fertigung sind qualitätsbewusste Mitarbeiter ein Vorteil. (Und das hat man mit Bochum beispielsweise nicht entsprechend bewertet.)

Nokia Team Management

... und die Chuzpe an dieser Story ist (die ja kein Einzelfall ist nur in dieser Dimension halt weltweites Echo hat), dass die verantwortlichen Manager (scheinbar eingesetzt als Vasallen von dominierenden Investoren) mit großen Boni und Abfertigungen bedacht wurden. Erfolgsbezogene Komponenten genannt! Das nenn ich eine Chuzpe!

Ein europäisches Schicksal. Inkompetente Experten statt echten Fachleuten und Nulpen im Management.

Psion hatte, glaube ich, ein ähnliches Schicksal. Deren net-books sind noch immer um Welten voraus.

Das Hauptinteresse von Nokia hat sich auf das Einsammeln von staatlichen Subventionen verlagert!

Bochum (D), Rumänien, Indien und demnächst wahrscheinlich Vietnam.

(Und ich war Nokia-Kunde vom ersten Comunicator bis zum E90)

Das Auszahlen der Manager-Boni

hat sicher auch viele Ressourcen gebunden.

Wobei man erwähnen sollte das Nokia relativ lange in Europa produziert hat.
Alle anderen waren schon viel früher in Ostasien.

Das sie Förderungen genommen haben kann man ihnen auch nicht vorwerfen, die wären ja blöd gewesen hätten sie es nicht gemacht.

Billig zu produzieren hilft aber wenig, wenn keiner das Produkt kauft.

Bei den Margen, die beispielsweise Apple beim iPhone hat, würden die selbst bei einer Produktion in Deutschland besser dastehen als jetzt Nokia mit ihren Produkten aus Indien.

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