Gärtner im Sommer: Mittsommer-Dirigat

Gregor Fauma, 23. Juli 2012, 17:13
  • Die Paradeiser zum Beispiel gedeihen ungedüngt, ungegossen und mit allen ihren Trieben vor sich hin.
    foto: christian fischer

    Die Paradeiser zum Beispiel gedeihen ungedüngt, ungegossen und mit allen ihren Trieben vor sich hin.

Wenn der Sommer seine Mitte findet, ist im Garten die schönste Zeit im Jahr - Gregor Fauma will das Geschaffene nun erleben und nur hie und da eingreifen

Garteln ist eine Hacken, und zwar eine, deren Früchte ihrem Wesen nach erst viel später eingefahren werden können. Doch irgendwann kommt der Tag, an dem der Gärtner vor - oder besser noch - in seinem Garten steht, sich umblickt und zufrieden feststellt, dass es kaum mehr etwas zu tun gibt. Spätestens zur Sommermitte, und die ist leider nicht mehr weit, sollte dies möglich sein. Bilanzierend steht man im Blütenwald, kontrolliert, ob das Konzept eines Waldlichtungsbodens aufgegangen ist, wägt ab, ob man die Nachtkerzenflut eindämmen soll, und schätzt, ob die Rudbeckien es doch irgendwie schaffen werden, sich gegen die Topinambur-Sonnenblumen durchzusetzen.

Wer jetzt noch nicht auf Höhe ist, muss wohl ein Herbstblüher sein. Wer jetzt noch nicht auf Höhe ist, wurde wahrscheinlich Opfer von Fressfeinden. Und wer jetzt noch nicht auf Höhe ist, wurde eventuell noch nicht am Spalier festgebunden - eine der letzten Tätigkeiten des Mittsommergärtners. Natürlich gibt es immer etwas zu tun im Garten, keine Frage. Aber jetzt, Mitte Juli, ist einfach die beste Zeit, das Geschaffte zu genießen.

Die Abende sind perfekt

Weder treibt einen die Hitze ins Haus, noch fressen einen die Gelsen auf, und auch die Wespen fangen erst langsam an, einem die kulinarischen Momente im Freien zu vergällen. Die Abende sind perfekt lau, die Hacklerpflanzen blühen zur blauen Stunde auf, und die Engelstrompeten verströmen ihren süßen Duft "Eau de Bastien" in die frische Nachtluft. Was will man mehr. Alles, was jetzt noch kommt, ist Draufgabe.

Die Paradeiser zum Beispiel gedeihen ungedüngt, ungegossen und mit allen ihren Trieben vor sich hin. Gelegentlich stützt man die vor Fruchtgewicht in Demutshaltung gekrümmten Triebe, beziehungsweise befreit sie von der Fruchtlast. Übermütige Ritterspornblütenstände bekommen zusätzliche Stützen, und der Gärtner nimmt sich vor, nächstes Jahr keine Einmeterachtzigexemplare mehr hinzuzusetzen. Zu viel Höhe bereitet oft Sorgen.

Dirigent eines Orchesters

Eine weitere typische Mittjulitätigkeit ist das Auseinanderschlichten und Ordnen der Rabatten. So nimmt zum Beispiel die Schafgarbe in Weiß, Orange und Gelb die violette Indianernessel komplett ein und verhindert so ihr Ausbreiten. Der Lavendel lehnt sich, vom Wind gekämmt, weit über seine ihm zugestandenen Grenzen hinaus und hinein in die Basilikumlatifundien, um dort ein wenig Rabatz zu machen. Auch hier braucht es die zärtlich schlichtende Hand des Gärtners.

Der Gärtner wird an diesen Tagen zum Dirigent eines Orchesters. Die meisten Protagonisten hat er selbst ausgewählt, manche sind ihm zugeflogen. Als erwachsene, eingespielte Truppe weiß er von ihr, dass er sie sich größtenteils selbst überlassen kann. Und nur gelegentlich muss er eingreifen, schlichten und ordnen. Die meiste Zeit steht er kontemplierend vor der bunten Symphonie.

Und versteht nun, warum Dirigenten jene Berufsgruppe darstellen, die die höchste Lebenserwartung haben. Ihre Aufgabe tut ihnen gut. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 20.7.2012)

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"eau de bastien": süß, zutreffend.

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