Zauberflöten-Sänger Kleiter und Richter über die Salzburger Festspiele

19. Juli 2012, 17:24
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Pamina-Darstellerin Julia Kleiter und Bernard Richter, der in der Zauberflöte den Tamino übernimmt, über Beifall, Mode und den Geist der Stadt

Salzburg, ach Salzburg. Wolf Dietrich hat dieser Stadt ihre Form gegeben, und Wolfgang Amadeus Mozarts Musik hat sie ebenso erfolgreich für sich eingenommen. Die Getreidegasse: eine Jahr für Jahr immer noch verstopftere Hauptverkehrsader des Tourismus, mit Mozarts Geburtshaus als gelbgetünchtem schwarzem Loch. Die reisende Weltbevölkerung gibt sich in zahllosen Souvenirshops drum herum die Mozartkugel. Ebenfalls die Ware Mozart führen die Salzburger Festspiele - dieses Luxusresort, diese Zauberkiste, diese Kunststückwerkstatt. Und spielen sommers Feste für jedermann, der auch dafür bezahlen kann.

Salzburg ist - ja was denn nun? Salzburg ist "die verkaufte Stadt", so klagten jüngst die Salzburger Nachrichten auf ihrer Titelseite. Hinter den Fassaden der Altstadthäuser residierten nur noch "besonders Vermögende" in überteuerten Zweitwohnsitzen, oder aber es regiere "der Grind".

Salzburg ist "ein Glücksfall", befindet die Tourismus-Homepage der Stadt. Berühmte Persönlichkeiten hätten der Stadt "ihren unverwechselbaren Schliff verliehen" - angeführt werden neben Wolfgang Amadeus Mozart selig so unterschiedliche Größen wie Georg Trakl, Maria von Trapp, Gerard Mortier und Thomas Bernhard.

Perfide Fassade

Wie urteilte Letzterer noch mal in seinem Werk "Die Ursache über Salzburg"? Als einen "menschenfeindlichen architektonisch-erzbischöflich-stumpfsinnig-nationalsozialistisch-katholischen Todesboden" beschrieb der große Hassende der österreichischen Literatur die Stadt: "Salzburg ist eine perfide Fassade, auf welche die Welt ununterbrochen ihre Verlogenheit malt und hinter der das (oder der) Schöpferische verkümmern und verkommen und absterben muss." Peng.

Das sieht Julia Kleiter aber schon mal gar nicht so. Im Gegenteil: Dem Empfinden der gefeierten deutschen Sopranistin nach sei bei allen an den Salzburger Festspielen Beteiligten dieser Geist zu spüren, "etwas Besonderes, etwas Einmaliges" auf die Bühne bringen zu wollen: "Man nimmt sich hier mehr Zeit als anderswo für die Proben, macht alles noch genauer, noch gründlicher." Angenehm ergänzt würde der Arbeitseifer durch die jahreszeitbedingte Ferienstimmung, welche eine grundsätzliche Leichtigkeit mit sich bringe.

Kleiter, die lyrische Sopranistin, singt in Salzburg unter der Leitung Nikolaus Harnoncourts die Pamina - eine Partie, die die 32-Jährige schon mit Größen wie Marc Minkowski und Claudio Abbado erarbeitet hat; in Zürich sogar schon einmal mit Harnoncourt selbst. Was ist das Besondere am Feuerkopf, am innigen Musik-Liebhaber, am Detail-Wissenden und -Besessenen Harnoncourt? "Er will, dass wir das Stück für uns neu entdecken, dass wir in jedem Augenblick spontan sind. Alles soll wirken, wie wenn es im Moment entsteht."

Jugendlichkeit und Passion

Auch Bernard Richter, als Tamino Kleiters Bühnenpartner und Angebeteter, zeigt sich von Harnoncourt über die Maßen begeistert: "Er hat so viel Jugendlichkeit, so viel Passion. Die Proben mit ihm sind ungeheuer spannend und lehrreich: Oft zeigt er einem Details aus dem Faksimile der Mozart-Partitur und Faksimile des Textbuchs von Schikaneder. Wir werden hier einige Dinge machen, die man noch nie gehört hat - Pausen zum Beispiel."

Wie sollen Pamina und Tamino auf szenischem Gebiet wirken? Wie sieht Regisseur Jens-Daniel Herzog etwa die von allen Männer-Figuren angebetete Prinzessin? "Diese Salzburger Pamina ist ein modernes, junges Mädchen, vielleicht 17 oder so, kraftvoll, trotzig. Sie ist eine Kämpferin, kein rehäugiges Prinzesschen", so Kleiter über die unkonventionelle Deutung der Tochter der Königin der Nacht.

Und Tamino? "Ich suche noch", meint Richter einige Wochen vor der Premiere. Es würde aber wahrscheinlich "keine Riesenüberraschung" geben: Tugend, Mut, Empfindsamkeit würden den Prinzen von javonischem Geblüt auszeichnen. Und: "Er bleibt immer authentisch."

Schub an Publicity

Der Prinzessinnen- beziehungsweise der Prinzen-Aspekt im Leben einer gefeierten Sängerin und eines Sängers, also die tollen Kostüme auf der Bühne, die Aufmerksamkeit, der Applaus, die Bewunderer, die Geschenke: Mögen sie das? "Eigentlich nicht", erklären beide so überraschend wie unisono. "Die Momente nach einer Aufführung, wenn dann alle da sind und gratulieren und so zu einem aufschauen: Da fühl ich mich eigentlich gar nicht so wohl", erzählt Kleiter, "ich bin eher erleichtert, wenn das dann vorbei ist, der Alltag wieder da ist und ich wieder als ganz normale Person gesehen werde."

"Man hat den Beruf ja nicht primär ergriffen, um Geschenke oder die Liebe des Publikums zu bekommen, sondern wegen der Musik", erklärt Richter. Jeder Auftritt sei eine Chance, gehört und als Künstler verstanden zu werden, so der Westschweizer. Natürlich bringe ein Auftritt bei den Salzburger Festspielen mit einer so wichtigen Partie einen enormen Schub an Publicity mit sich, so etwas wäre schon eine große Chance. "Aber wie bei Jonas Kaufmann wird es bei mir nie sein", meint Richter und klingt dabei nicht besonders traurig.

Herbert von Karajan, die Langzeit-Prägegestalt der Salzburger Festspiele, hatte einen sehr exklusiven Lifestyle, er liebte schnelle Autos, Villen, Flugzeuge, Boote. Mag Richter Luxus? "Mehr Geld bedeutet: mehr Möglichkeiten", so der lyrische Tenor. "Natürlich liebe ich gutes Essen, Kleidung mit Qualität, aber ich bin kein Mannequin. Das Geld nutze ich eher für die Erziehung meiner zwei Söhne und um zwischendurch mal schnell zu meiner Familie zu reisen, wenn ich woanders engagiert bin."

Schrecklich, schön oder schrecklich schön?

Und wie schaut das bei Kleiter aus? Als Opernsängerin muss sie einerseits sehr diszipliniert sein, andererseits befasst sie sich ja dauernd mit emotionalen Extremen. Bevorzugt sie modisch eher die klaren, strengen Linien à la Strenesse oder Jil Sander, oder lässt sie es auch mal krachen mit einem knallgoldenen Versace-Teil? "Da bin ich definitiv der klassische Typ", befindet Kleiter, "es darf elegant sein, aber ich liebe eher das Schlichte, das Understatement. Aber eigentlich ist Mode nichts, was mich sehr beschäftigt. Ich habe einen Sohn, ich arbeite: Eigentlich habe ich kaum Zeit, mal einkaufen zu gehen."

Schlussfrage: Wie finden beide Salzburg? Schrecklich, schön oder schrecklich schön? "Der kulturgeschichtliche Hintergrund ist schon etwas Besonderes", schwärmt Kleiter. Richter stößt ins selbe Horn: "Die Geschichte ist so präsent. Es macht Sinn, hier Mozart zu machen. Man spürt den Geist." Aber wird der nicht von den Touristen totgetrampelt? "Ach nein, die bringen Spannung herein. Sonst wäre es doch hier viel zu ruhig." (Stefan Ender, Rondo, DER STANDARD, 20.7.2012)

Fotos: Josef Fischnaller
Styling / Special Costume: Inga Kusche / Perfectprops.de
Make-up: Peter Schindler / Perfectprops.at
Postproduktion: Kristina Reissland.de

  • Julia Kleiter als Pamina
    foto: josef fischnaller

    Julia Kleiter als Pamina

  • Bernard Richter als Tamino
    foto: josef fischnaller

    Bernard Richter als Tamino

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