Nachrichten in aller Kürze
Alles zur Community
Nachrichten, die zu Ihnen kommen: Newsletter, Feeds und SMS
Alles zu unseren mobilen Angeboten: Apps, Mobilversion und SMS
Unsere Radio- und TV-Angebote
Die Zeitung im Internet: Abo, E-Paper, Anzeigen und mehr
Alles über die Redaktion von derStandard.at
Alles über Onlinewerbung, Stellenanzeigen und Immobilieninserate

Gustav Klimt: "Freundinnen (Wasserschlangen I)".
Wien - In blauer Malerkutte rudert der Lookalike von Meister Kimt über den See; stetig tauchen seine Ruder ein ins glitzernde Nass. David-Hamilton'scher Weichzeichner macht auch aus "Emilie Flöge" eine Art Sylvia Kristel im schwarz-weiß gestreiften Jahrhundertwendekittel. Tanzend streift die ätherische Gestalt durch ein Sonnenblumenfeld.
Filmische Bilder, die auf Gustav Klimts Gemälde Sonnenblume von 1907/08 einstimmen sollen. Ein Bild, von dem man mutmaßt, es sei ein verblümtes Porträt von Klimts Lebensmensch, der Modemacherin Emilie Flöge. Unterwasserbilder, in denen es nur so gluckst und gluckert, durch Zeitraffer flackernde Waldszenen, durch die elfenhafte Frauengestalten huschen oder Bauerngartenvisionen, deren schwelgende Atmosphäre zwischen Drogennirvana und Garten Eden schwankt.
Derart weichgespült von Licht und klassischer Musik hätten diese filmischen Ornamente einer iPad-Applikation auch bei der Übertragung des Neujahrskonzerts tadellose Verwendung finden können. Ein unnötiger und vermutlich auch kostspieliger Firlefanz, der als Möglichkeit angepriesen wird, die "Wahrnehmungshorizonte" zu erweitern und der "Vertiefung in die Werke selbst" zu dienen.
Man könnte diese touristische Flachware als Nebenschauplätze abtun - die wenigsten Besucher der Ausstellung 150 Jahre Gustav Klimt im Oberen Belvedere nutzen diese Applikationen - aber nein: Was viel zu sehr ärgert, ist, dass man mit solchen verklärten Visualisierungen der Klimt' schen Bilderwelten eingesteht, dass Originale wohl selbst nicht mehr dazu imstande sind, Betrachter zur Vertiefung einzuladen.
Das Museum - und hiermit das Belvedere - misstraut also der Kraft ihrer ureigensten Schätze. Stattdessen nutzt man audiovisuelle Massenmedien und fiktionale Bilder als Gefühlsverstärker. Dass so etwas sehr wohl auch faktenbasiert funktionieren kann, macht die wesentlich nüchterner geratene, multimediale Klimt-Landkarte im Leopold-Museum deutlich.
Obendrein machen solche Produkte ersichtlich, für wen das große Finale des Klimt-Jahrs, eröffnet zu seinem 150. Geburtstag am 14. Juli, zugeschnitten wurde: Für die den Bildwerken des hochgelobten Goldmalers hinterherhechelnden Touristen. Legitim. Nur passt das nicht zu den einstigen Versprechungen, jedes Museum würde aufgrund von Bestand und Expertise eine ganz besondere Ausstellung zum Klimt-Jahr beisteuern.
Schnörkel mit solider Basis
Neue Aspekte sucht der heimische Klimt-Interessierte in der mit Informationstext nicht gerade belasteteten Schau fast vergeblich. Ausnahme stellen da die sechs ("Liebes-")Briefe an Emilie Flöge dar. Wer einen QR-Code-Reader auf seinem Smartphone installiert hat, gelangt zu einer Website, wo er die wenig werbenden Zeilen auch als solche erkennen kann. Die Lektüre (wahlweise auch im Katalog) macht nachvollziehbar, warum Flöge den Mann mit der "nicht näher bestimmbaren Anzahl von Affären" wohl nicht "erhörte". Wie Klimts "liebe dumme Kleine" über seine Ergüsse dachte, ist nicht überliefert. Sie verbrannte ihre Briefe eigenhändig.
Ganz abgesehen von solchen Ausstellungsschnörkeln ist die Basis der Ausstellung - die mit vielen Leihgaben aufgefettete, größte Klimt-Sammlung - effektvoll und oft auf schwarzem Grund inszeniert. Am Anfang flankiert von den Malercompagniefreunden, sind insbesondere die Gegenüberstellungen mit Werken Egon Schieles intensiv: Klimts Undinen, seine nixenartige Freundinnen neben den Wassergeistern des Expressionisten oder die Mütter und Familien, die beide darstellten, zeigen, wo Schiele über sein Vorbild hinauswuchs. Auch Monets Garten von Giverny aus der eigenen Sammlung inmitten von Klimts Landschaftsbildern zu platzieren, ist ein großes Glück.
Dennoch, es kratzt auch im Belvedere nichts an Gustav Klimts künstlerischer Heiligkeit: eine uneingeschränkte Idealisierung, wie sie nicht nur in der Politik gefährlich einseitig ist. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 19.7.2012)
Bis 6. 1.
Fazit zum Ende des Gedenkjahrs: Etwas kritischere Perspektiven hätte Gustav Klimt schon vertragen
Die Klimtomania ist nur der letzte Höhepunkt in einer permanenten Kraftanstrengung, alles, aber auch alles dem Tourismus unterzuordnen
Noch bis 7. Oktober kann die Ausstellung zu Gustav Klimts Werken im Wien Museum besucht werden
"Gustav Klimt - das Musical" ist im Wiener Künstlerhaus zu erleben
Werk soll in Garage aufgetaucht sein - Experte ordnet "schlechte Dekorationsmalerei" Klimts Bruder Ernst zu
Belvedere zeigt 30 Werke des Jubilars kontextualisiert in neuer Ausstellungsarchitektur
Die Ausstellung "ohne Klimt" weicht Klischees über die Kontrahenten Künstlerhaus und Secession auf
Um nur ein Bild und ein Buch rankt sich die Schau "Gegen Klimt" im Theatermuseum. Das Wien Museum zeigt hingegen seine ganze Klimt-Sammlung
Was bleibt vom Klimt-Jahr als ein volles Bücherregal, das sich unter der Last unterschiedlicher Zugänge biegt?
Ende September wird die revitalisierte Klimtvilla, das letzte Atelier Gustav Klimts, feierlich eröffnet. Geplant ist eine Rekonstruktion. Museumsfachleute und Denkmalschützer äußern sich kritisch zu dieser Idee
"Die 'Nuda Veritas' und ihr Verteidiger Hermann Bahr"
Es werde ein perfekter Rahmen für zeitgemäße Präsentation verschiedenster Kunstrichtungen geboten
Der vierte Streich im Klimt-Jahr führt in die Albertina: Dort präsentiert man Zeichnungen des Meisters aus allen Werkperioden - Ein blasser Abriss, da man auf Abbildungen der Originalgemälde verzichtet
Agnes Husslein präsentiert ein lang gehütetes Geheimnis: Ein verstorbener Sammler hat dem Belvedere, und damit der österreichischen Bevölkerung, zwei Klimt-Gemälde vererbt
Ein Fundstück: "Gustav Klimt und Wien: Spaziergänge zu den Orten seines Wirkens"
Neun Händler feiern den Jugendstil-Jubilar mit eigenen Präsentationen
Ambitioniert und detailverliebt ist die Ausstellung "Klimt persönlich" im Leopold-Museum geraten
Im Kunsthistorischen Museum ermöglicht eine Brücke erstmals Nahsicht auf Gustav Klimts Zwickelbilder
Gemeinsame Aktion von zehn Wiener Museen bietet u.a. jeweils einen Euro Ermäßigung und Teilnahme-Möglichkeit an einem Gewinnspiel
Die epochale Bedeutung von Klimt und der "Kunst um 1900" ermisst nur, wer die Vorbedingungen der Gründerzeit zur Kenntnis nimmt
Restitutionen heizten die posthume Marktentwicklung Gustav Klimts an wie bei keinem anderen Künstler je zuvor. Seit 1998 setzten seine Werke Benchmarks, auch für zeitgenössische Künstler
Das Klimt-Merchandising treibt skurrile Blüten, ist aber ein lukratives Geschäft
Projekt mit Dokumentationszentrum, Shop und Kaffeehaus: Eröffnung im Juli
Für das Belvedere ist das Klimt-Jubiläum 2012 und die jetzige Ausstellung über die "Pioniere der Moderne" Josef Hoffmann und Gustav Klimt nur ein Anfang seiner künstlerischen Forschung
... und ein Balsam zu lesen. Wenn Frau Feßler schreibt: LEGITIM, dann ist das Wort wohl nicht mit rechtmäßig sondern mit RECHT MÄßIG zu übersetzen.
Beiden Journalistinnen heben sich aus dem
Sumpf der Pressetext Abschreiber wohltuhend heraus.
Klimt hätte gesagt: Sans weitahin goschert...
die kritische Kunst-Berichterstattung im Standard.
Zusammen mit der Spiegler-Kritik in der Presse ist jetzt einmal ein erster Schritt getan, auf das unsägliche Tun im Belvedere gezielt hinzuweisen, damit es der Politik vielleicht doch auch einmal auffällt, was für Leute dort am Ruder sitzen.
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.