Klimt im Weichzeichner

Anne Katrin Feßler, 18. Juli 2012, 18:04
  • Gustav Klimt: "Freundinnen (Wasserschlangen I)".
    foto: belvedere

    Gustav Klimt: "Freundinnen (Wasserschlangen I)".

Trotz eines Fundaments an 30 Meisterwerken bleibt die große Belvedere-Ausstellung flach und offenbart den wahren - touristischen - Charakter des Jubeljahrs

Wien - In blauer Malerkutte rudert der Lookalike von Meister Kimt über den See; stetig tauchen seine Ruder ein ins glitzernde Nass. David-Hamilton'scher Weichzeichner macht auch aus "Emilie Flöge" eine Art Sylvia Kristel im schwarz-weiß gestreiften Jahrhundertwendekittel. Tanzend streift die ätherische Gestalt durch ein Sonnenblumenfeld.

Filmische Bilder, die auf Gustav Klimts Gemälde Sonnenblume von 1907/08 einstimmen sollen. Ein Bild, von dem man mutmaßt, es sei ein verblümtes Porträt von Klimts Lebensmensch, der Modemacherin Emilie Flöge. Unterwasserbilder, in denen es nur so gluckst und gluckert, durch Zeitraffer flackernde Waldszenen, durch die elfenhafte Frauengestalten huschen oder Bauerngartenvisionen, deren schwelgende Atmosphäre zwischen Drogennirvana und Garten Eden schwankt.

Derart weichgespült von Licht und klassischer Musik hätten diese filmischen Ornamente einer iPad-Applikation auch bei der Übertragung des Neujahrskonzerts tadellose Verwendung finden können. Ein unnötiger und vermutlich auch kostspieliger Firlefanz, der als Möglichkeit angepriesen wird, die "Wahrnehmungshorizonte" zu erweitern und der "Vertiefung in die Werke selbst" zu dienen.

Man könnte diese touristische Flachware als Nebenschauplätze abtun - die wenigsten Besucher der Ausstellung 150 Jahre Gustav Klimt im Oberen Belvedere nutzen diese Applikationen - aber nein: Was viel zu sehr ärgert, ist, dass man mit solchen verklärten Visualisierungen der Klimt' schen Bilderwelten eingesteht, dass Originale wohl selbst nicht mehr dazu imstande sind, Betrachter zur Vertiefung einzuladen.

Das Museum - und hiermit das Belvedere - misstraut also der Kraft ihrer ureigensten Schätze. Stattdessen nutzt man audiovisuelle Massenmedien und fiktionale Bilder als Gefühlsverstärker. Dass so etwas sehr wohl auch faktenbasiert funktionieren kann, macht die wesentlich nüchterner geratene, multimediale Klimt-Landkarte im Leopold-Museum deutlich.

Obendrein machen solche Produkte ersichtlich, für wen das große Finale des Klimt-Jahrs, eröffnet zu seinem 150. Geburtstag am 14. Juli, zugeschnitten wurde: Für die den Bildwerken des hochgelobten Goldmalers hinterherhechelnden Touristen. Legitim. Nur passt das nicht zu den einstigen Versprechungen, jedes Museum würde aufgrund von Bestand und Expertise eine ganz besondere Ausstellung zum Klimt-Jahr beisteuern.

Schnörkel mit solider Basis

Neue Aspekte sucht der heimische Klimt-Interessierte in der mit Informationstext nicht gerade belasteteten Schau fast vergeblich. Ausnahme stellen da die sechs ("Liebes-")Briefe an Emilie Flöge dar. Wer einen QR-Code-Reader auf seinem Smartphone installiert hat, gelangt zu einer Website, wo er die wenig werbenden Zeilen auch als solche erkennen kann. Die Lektüre (wahlweise auch im Katalog) macht nachvollziehbar, warum Flöge den Mann mit der "nicht näher bestimmbaren Anzahl von Affären" wohl nicht "erhörte". Wie Klimts "liebe dumme Kleine" über seine Ergüsse dachte, ist nicht überliefert. Sie verbrannte ihre Briefe eigenhändig.

Ganz abgesehen von solchen Ausstellungsschnörkeln ist die Basis der Ausstellung - die mit vielen Leihgaben aufgefettete, größte Klimt-Sammlung - effektvoll und oft auf schwarzem Grund inszeniert. Am Anfang flankiert von den Malercompagniefreunden, sind insbesondere die Gegenüberstellungen mit Werken Egon Schieles intensiv: Klimts Undinen, seine nixenartige Freundinnen neben den Wassergeistern des Expressionisten oder die Mütter und Familien, die beide darstellten, zeigen, wo Schiele über sein Vorbild hinauswuchs. Auch Monets Garten von Giverny aus der eigenen Sammlung inmitten von Klimts Landschaftsbildern zu platzieren, ist ein großes Glück.

Dennoch, es kratzt auch im Belvedere nichts an Gustav Klimts künstlerischer Heiligkeit: eine uneingeschränkte Idealisierung, wie sie nicht nur in der Politik gefährlich einseitig ist.    (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 19.7.2012) 

Bis 6. 1.

oh wie wahr

... und ein Balsam zu lesen. Wenn Frau Feßler schreibt: LEGITIM, dann ist das Wort wohl nicht mit rechtmäßig sondern mit RECHT MÄßIG zu übersetzen.
Beiden Journalistinnen heben sich aus dem
Sumpf der Pressetext Abschreiber wohltuhend heraus.
Klimt hätte gesagt: Sans weitahin goschert...

es gibt sie also doch noch,

die kritische Kunst-Berichterstattung im Standard.
Zusammen mit der Spiegler-Kritik in der Presse ist jetzt einmal ein erster Schritt getan, auf das unsägliche Tun im Belvedere gezielt hinzuweisen, damit es der Politik vielleicht doch auch einmal auffällt, was für Leute dort am Ruder sitzen.

gibt es doch eine echte Kritik?

Wunder über Wunder!! Und vielleicht getraut sich die schreibende Zunft auch die Wahrheit über den millionenschweren Umbau des 20er/21er Hauses zu schreiben: dass hier nämlich ein Architekturjuwel zerstört wurde.

hallo?

wir sind in österreich. hier wurde noch nie ein derartiger posten nach qualifikation vergeben. und mit diesem dressierten volk, wird sich das wohl nicht ändern.

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