Aktien, Armageddon und die Fed

18. Juli 2012, 18:21
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Investoren hoffen auf eine Intervention der Fed, dabei halten Analysten die Aktienmärkte für attraktiv bewertet - vorausgesetzt - ein langer Atem

New York / Wien - Die Aktienmärkte erleben ein Déjà-vu. Wie vor einem Jahr warten Analysten und Aktienstrategen auf eine Geldspritze der US-Notenbank Fed zur Ankurbelung der lahmen US-Konjunktur und hängen an den Lippen von Fed-Chef Ben Bernanke. "Quantitative Easing 3", also die dritte Runde von Staatsanleihenkäufen, sollte eine erneute Rezession in der größten Volkswirtschaft verhindern und zudem den Aktien- und Rohstoffmärkten einen Impuls versetzen. "Bernanke hat wiederholt, dass die Fed bereit steht, um die Wirtschaft zu stützen," sagt Jim Reid, Stratege der Deutsche Bank.

Zwar deutete Bernanke bei seinen Reden vor Senat und Kongress nicht an, die Geldschleusen erneut zu öffnen. Dennoch denken Analysten wie etwa Anne-Laure Tremblay von BNP Paribas, dass der Fed-Chef spätestens am 31. August in Jackson Hole, bei der traditionellen Zusammenkunft von Notenbankern, den Startschuss für das dritte Quantitative Easing geben wird.

Der Hauptgrund: die US-Wirtschaft ist zuletzt wieder langsamer gewachsen ist, Ökonomen schätzen für das zweite Quartal ein Wachstum von unter zwei Prozent. Für Reid ist die Situation fast gleich schlecht wie 2011, " mit einem großen Unterschied: 2011 ist die Inflation durch einen Boom an den Rohstoffmärkten schnell gestiegen". Heute ist die Inflation hingegen niedriger. Daher hätte die Fed mehr Spielraum, um die Konjunktur zu stützen.

Geldpolitische Maßnahmen

Doch Analysten sind skeptisch, ob die Fed einen Schub geben kann. "Der Auftrieb der geldpolitischen Maßnahmen für die Kapitalmärkte hat sich als kurzlebig herausgestellt, weil sich die Politik nicht in höheres Wachstum übersetzt hat", warnt John Higgins von Capital Economics.

Dabei brauchen die Aktienmärkte die Fed vielleicht gar nicht, glaubt Warwick Simons vom unabhängigen Researchhaus GaveKal. "Die Stimmung am Markt ist furchtbar", schreibt er in einer Analysen an Kunden. Enorm niedrige Anleihenrenditen und hohe Risikoprämien bei den US-Unternehmen würden zeigen, dass Aktien für viele Investoren derzeit ein rotes Tuch sind. "In einer Welt, die sich auf Armageddon einstellt, braucht es nur ein wenig positive Überraschung und die Aktienmärkte werden hochschnalzen", sagt Simons. Für langfristig orientierte Investoren seien risikobehaftete Anlagen wie Aktien daher attraktiver.

Aufgrund der Bewertung am Aktienmarkt ist auch die Erste Group derzeit optimistisch für Aktien eingestellt. Das Gewinnwachstum an der Wiener Börse könnte dieses Jahr noch ein zweistelliges Plus verzeichnen, gleichzeitig bleibe das Bewertungsniveau im Vergleich mit anderen Märkten attraktiv, sagte Erste-Chefanalyst Fritz Mostböck am Mittwoch. Österreichische Aktien seien günstig bewertet, da der Marktwert der ATX-Unternehmen zurzeit 20 Prozent unter dem Buchwert liege. "Viel tiefer kann es nicht mehr gehen", so der Erste-Analyst Günther Artner. Er hält es daher für deutlich weniger riskant, heuer in Aktien zu gehen, als noch in Vorkrisenzeiten.

Dividenden attraktiv

Ein Bewertungsphänomen dominiert zurzeit das Geschehen am ATX, sagte Erste-Analyst Artner. "Es gibt aktuell zehn Werte, die eine Dividendenrendite (Anm. Dividende als Anteil des Aktienwertes) von über vier Prozent aufweisen und zahlreiche Werte, die knapp darunter liegen. Dies ist fast die doppelte Verzinsung im Vergleich zu zehnjährigen österreichischen Staatsanleihen", so Erste-Aktienanalyst Günther Artner. Das macht deren Aktien attraktiv gegenüber Anleihen (die Rendite bei österreichischen liegt zurzeit bei rund 1,9 Prozent), bei denen Anleger wegen der jetzigen negativen Zinsen draufzahlen müssen.

Die Analysten der Erste Group rechnen damit, dass der ATX heuer von derzeit rund 1970 Punkten auf 2200 Punkte steigt. Aufgrund der hohen Verschuldung in der Eurozone und den USA bleibe das Umfeld aber anfällig für Korrekturen, zudem seien mit schwachen Handelsvolumina zu rechnen. (doda, sulu, DER STANDARD, 19.7.2012)

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    Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank Fed, zögert noch. Das schwache Wachstum könnte geldpolitische Maßnahmen erfordern.

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