Heimatkunde durch die Kunst

18. Juli 2012, 17:21
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"Made in Germany 2" lautet der Titel - und das Programm - einer Ausstellung deutscher Gegenwartskunst in Hannover

Die meisten Arbeiten kommen aus Berlin, und anders als auf der diskursorientierten Documenta gibt man sich hier gerne populistisch.

Hannover ist so etwas wie die geheime Hauptstadt Deutschlands. Der Ex-Kanzler Schröder und der Ex-Präsident Wulff kommen von da, Herr Maschmeyer, der mit Frau Ferres liiert ist, und die Bundes-Lena, die dem Land den letzten Triumph bei einer Europameisterschaft beschert hat. Nun geben sie dort zum zweiten Mal Made in Germany, die Hannover-Messe für artistisch Gegenwärtiges, die internationale Leistungsschau für die nationale Provenienz.

Berlin ist so etwas wie die geheime Hauptstadt der Welt. Der Kunstwelt. Entsprechend sind fast drei Viertel der insgesamt 45 Positionen, die Made in Germany aufbietet, mit Berlin verbandelt. Ob man es nun mag oder nicht: Die Metropole, in der der Begriff "Kunstbetrieb" erfunden wurde, hat ihre Sogwirkung aus den Zwanzigern zurück. Made in Germany heißt nicht viel anderes als "Made in Berlin". Gerade einmal drei der Vertretenen sind noch in Köln beheimatet, der Kapitale der Kunst vor 1989.

Knapp die Hälfte der Teilnehmenden ist nicht in Deutschland zur Welt gekommen. Olaf Holzapfel, geboren 1969 in Görlitz, hat eine Holzkonstruktion aufgebaut: Wenn man will, erinnert das an Fachwerk, und wenn man im Tunnelblick aufs Idyll verharrt, kann man es für deutsch halten. Alicja Kwade, geboren 1979 in Kattowitz, polnisch Katowice, hängt exakt 303 Uhrgewichte von der Decke, Kette an Kette in verschiedenen Längen: Wer will, kann sich an den Schwarzwald erinnert fühlen, einen Kuckuck im Ohr, und das ebenfalls für deutsch halten. Längst ist deutsch ein Konstruktivismus, und man muss schon ein teuflisch schlechtes Gewissen wie die Österreicher haben, sucht man noch das Wesenhafte.

Kunst fürs breite Publikum

Die acht Kuratoren, die mit den drei Direktoren der beteiligten Häuser Sprengel-Museum, Kestner-Gesellschaft und Kunstverein zusammenwirkten, haben den Vergleich mit der parallelen Documenta nicht gescheut. Das war schon bei der ersten Auflage 2007 so, selbstbewusst wird angegeben, man " richte sich an ein breiteres Publikum". Bei seinerzeit 60.000 Besuchern ist das gemessen am Zwölffachen, das Kassel meisterte, durchaus dreist, doch in einem Punkt stimmt es: Was in Hannover gezeigt wird, ist eingängiger, konventioneller. Es ist verständlich ohne Text und Kontext, die man bei der Documenta mühsam auf 500 Seiten Begleitbuch ausbreitet.

Ein einziger Teilnehmer kommt doppelt vor: Omer Fast, aus Jerusalem gebürtig, der in Kassel eine Art Quoten-Israeli gegen zu allem Viktimismus bereite Palästinenser abgibt. Bei Made in Germany tauchen gleich drei Israelis auf: Man könnte das Politik nennen, auch gegenüber dem so modischen "Politischen" der Documenta. Die Video-Arbeit, die Fast in Hannover zeigt, spielt in den USA, die der Documenta handelt von einem deutschen Ehepaar.

Gerade die momentanen Schauen zur Gegenwart sind ja nicht frei von gewissen heimatkundlichen Elementen. Die italienische Chefin der Documenta hat viele Italiener eingeladen, so wie Artur Zmijewski, der polnische Leiter der Berlin-Biennale, viele Polen eingeladen hat. So gesehen ist es ein Stück Heuchelei weniger, wenn Made in Germany das Prinzip schon im Titel trägt. Außer dem Brasilianer Marcellus L. gibt es niemanden von nicht westlicher, und das heißt seit 1989 auch von osteuropäischer, Provenienz.

Kunst, jener seltsame Begriff im Singular, ist immer schon ein Imperialismus gewesen: Sie hat eingeheimst, Privilegien herausgewirtschaftet und sich die Kolonisierten einverleibt. Hauptsache, es hat sich rentiert. Für jemanden aus den ärmeren Kontinenten ist Berlin zu teuer. Deswegen ist, was er macht, dann auch nicht "made in Germany".  (Rainer Metzger aus Hannover, DER STANDARD, 19.7.2012) 

Bis 19. 8.

  • Ein Bad in Coca-Cola: Mike Bouchets Video "Diet Cola Pool outtakes" ist Kunst, die aus Deutschland stammt.
    foto: courtesy parisa kind

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