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vergrößern 600x800Der Vater sorgt für Licht am Abendbrottisch: Aquarell "Abendessen" (2012) in der Schau "Blind Spot".
Wien - Die Basis von Martin Dammanns Arbeiten bildet ein umfassendes Fotoarchiv: Der in Berlin lebende Künstler sammelt private Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den Weltkriegen, aber auch (eigene) Familienfotos, die Feierlichkeiten, Ausflüge oder auch Abendessen im Kreise der Familie zeigen.
Abendessen ist der Titel eines Aquarells, auf dem der Vater gerade über dem Esstisch eine Glühbirne einschraubt. Und mit "Papa" wird auch der Herr angesprochen, der im Video Blind Spot ein Schlafzimmer betritt: " Kannst du dich noch erinnern, wieso Philipp damals immer geheult hat?", fragt eine Stimme aus dem Off den älteren Herrn, der inzwischen auf dem Bett Platz genommen hat. Dieser verneint höflich, aber entschieden, steht auf, streicht das Bett wieder sorgfältig glatt und verlässt schnell den Raum.
Dieses am Ende des Ausstellungsrundgangs platzierte Video relativiert den Eindruck, den die vom Künstler aquarellierten Familienfotos der 1970er-Jahre erzeugt haben. Und genau darum geht es ihm auch bei den riesigen Schwarz-Weiß-Abzügen von Kriegsfotografien, die einige Wände füllen: etwa die vom strammen Wehrmachtssoldaten, von Menschen im Bunker oder gleißenden Explosionen in dunkler Nacht.
Der Chronologie der Geschichte folgend, legt der 1965 in Friedrichshafen geborene Künstler mit den Schwarz-Weiß-Bildern eine Spur von den Weltkriegen zum heilen Familienbild der Nachkriegsgesellschaft: Diese hielt ihr Glück mit wenig veränderten Werten und vielen Erinnerungslücken aufrecht.
Dem Motiv der Lücke folgend, weisen die Aquarelle im Hauptraum der Galerie entsprechend viele "Blind Spots" auf: Obwohl die Großformate vordergründig Vertrauliches zeigen, ist das familiäre Zusammensein von " blinden Flecken" durchzogen und niemals ungetrübt. Sei es beim Essen, Spazierengehen oder beim Tanzen, die schlammigen Farben schwappen an allen Ecken und Enden von einer Figur auf die andere über. Im übertragenen Sinn brechen sie auch die Grenzen jedes einzelnen Individuums auf.
Obwohl das erwähnte Video Blind Spot nur Spekulationen darüber zulässt, warum Philipp immer geweint hat, beeinflusst es die Rezeption der Aquarellserie Tänzchen I-V und verleiht dieser einen bitteren Nachgeschmack: Auf den fünf Bildern ist jeweils ein Kind zu sehen, das mit einem Erwachsenen tanzt. Fast "übergriffig", könnte man den Verlauf der Farben charakterisieren, die irgendwann sogar an die Missbrauchsfälle im Deutschland der 1970er-Jahre denken lassen.
Mit diesen Gedanken im Kopf zäumt man die deutsche Nachkriegsgeschichte auch noch aus der Perspektive der Gegenwart auf: Das Wissen um die erst jüngst öffentlich gewordenen Fälle lässt zurück auf eine Gesellschaft blicken, in der das Verdrängen ebenso Gewohnheit war wie das Wegschauen. (Christa Benzer, DER STANDARD, 19.7.2012)
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