Neckermann.de stellt Insolvenzantrag

18. Juli 2012, 15:45
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Der Versandhändler Neckermann.de hat Insolvenz angemeldet, das Unternehmen gehört zu den größten Online-Versandhändlern in Deutschland

Frankfurt - Der Versandhändler Neckermann.de hat Insolvenz angemeldet. Mit den Worten "das geschieht beim Amtsgericht in Frankfurt" bestätigt der von der Gewerkschaft Verdi in den Aufsichtsrat entsandte Wolfgang Thurner am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters einen Bericht der "FTD online". Betroffen seien neben Neckermann.de die Neckermann Logistik GmbH. Die Unternehmen beschäftigten insgesamt rund 2.000 Mitarbeiter. Es habe zwischen den Verdi-Betriebsräten und der Neckermann-Geschäftsführung einen "tragfähigen Kompromiss" gegeben, den jedoch der Eigentümer, Sun Capital Partners, abgelehnt habe. Von Neckermann wie auch von Sun Capital war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Das Amtsgericht hat einen Eingang des Insolvenzantrages zunächst nicht bestätigt.

Zuvor waren nach Angaben der Gewerkschaft Verdi Gespräche über den Abbau von 1380 Stellen beim Versandhändler abgebrochen worden. "Kurz vor der Zielgeraden sind wir gescheitert", sagte Verdi-Sekretär Bernhard Schiederig laut dem "FTD online"-Bericht.

In den Gesprächen mit dem Management sei Einigkeit über einen Sozialplan, Abfindungsregelungen sowie eine Transfergesellschaft erzielt worden, sagte Schiedrig. "Kurz vor der Unterschrift hat Sun erklärt, dass sie kein Geld mehr zur Verfügung stellen, so dass die Zahlungsfähigkeit nicht mehr gewährleistet ist."

Versandriese mit Tradition

Neckermann.de gehört mit rund 2500 Arbeitsplätzen zu den größten Online-Versandhändlern in Deutschland. Das Unternehmen wurde 1950 in Frankfurt am Main als Neckermann Versand KG gegründet. 1995 startete es mit einem eigenen Online-Shop. Inzwischen erwirtschaftet Neckermann.de nach eigenen Angaben fast 80 Prozent seines Umsatzes über das Internet. Im Jahr 2010 hatte das Unternehmen mit international 4.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 871 Mio. Euro.

Urgestein mit NS-Nähe

Der Kaufmann Josef Neckermann war in der Nazi-Zeit mit Hilfe des NS-Regimes in den Besitz mehrerer Textilgeschäfte jüdischer Kaufleute gelangt. Wegen seiner Regime-Nähe durfte er in der unmittelbaren Nachkriegszeit zunächst nicht wirtschaftlich aktiv sein. Die nach der Gründung 1950 immer dicker werdenden Kataloge mit preisgünstigen Textilien, Radios und großen Elektrogeräten waren bald wie die der Konkurrenten Otto oder Quelle in fast jedem Haushalt zu finden. Der 1961 eingeführte Werbeslogan "Neckermann macht's möglich" wurde zum geflügelten Wort.

Reisegeschäft

Neckermann stieg zudem ins Reisegeschäft ein, verkaufte Fertighäuser und Versicherungen und betrieb auch eine Kaufhauskette. In den 1970er Jahren geriet das Stammhaus in die Krise und wurde 1977 mehrheitlich von der Karstadt AG übernommen, die später mit dem Versandhändler Quelle fusionierte. Die Umbenennung in neckermann.de 2006 stand für den neuen Fokus auf Online-Versandhandel.

Das Unternehmen wurde dann 2007 mehrheitlich an den US-Investor Sun Capital verkauft, ein Stellenabbau folgte. Nach der Pleite des KarstadtQuelle-Nachfolgers Arcandor übernahm Sun 2010 auch die übrigen Anteile. Neckermann-Reisen hat mit dem Versandhandel nichts mehr zu tun und gehört zum Tourismuskonzern Thomas Cook. (APA/red, 18.7.2012)

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