Bundesrat: Gefahr des Ärztemangels im ländlichen Raum

18. Juli 2012, 15:03
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Hearing zu möglichem Ärztemangel - Fazit: Österreich hat viele Ärzte, sie sind aber schlecht verteilt

Wien - Ein Hearing des Bundesrats ging am Mittwoch der Frage nach, ob Österreichs ländlichen Regionen ein Ärztemangel droht. Der Befund fiel nicht eindeutig aus. Klar scheint allerdings: Die Zahl der Ärzte muss nicht unbedingt zum Problem werden, die regionale Verteilung aber könnte gesundheitspolitische Herausforderung werden.

Arztberuf unattraktiver

Ärztekammer-Präsident Artur Wechselberger warnte davor, dass der Arztberuf am Land immer unattraktiver werde. Die Reduktion der Hausapotheken nannte er als ein Beispiel für schlechtere Rahmenbedingungen. Er monierte zudem, dass die Zahl der Ärzte in den vergangenen Jahren zwar "gewaltig gestiegen" sei, aber Kassenstellen "nahezu gleich geblieben sind". Wechselberger sah aufs System eine doppelte demografische Herausforderung zukommen: Der "Durchschnittsarzt mit Kassenvertrag" sei 56 Jahre alt und drei Viertel der Betreffenden seien männlich. Bei den Turnusärzten dagegen betrage der Frauenanteil 60 Prozent. Hier sei "nicht nur mit einem Generationswechsel zu rechnen, sondern auch mit einem ganz gewaltigen Geschlechtertausch".

"Heute so viel Ärzte wie noch nie"

Seitens des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger macht sich Generaldirektor Josef Kandlhofer "noch keine Sorgen", denn: "Wir haben heute so viele Ärzte wie nie." Auch die Zahl der Medizinstudenten sei im Langfristvergleich drastisch gestiegen. Allerdings müsse man "die regionale Ausgewogenheit und die Verteilung" im Auge behalten, räumte er ein. Die Medinizer "drängen in die Spitäler", und bei den Kassenstellen stelle sich die Lage im Ländervergleich unterschiedlich dar. Die Besetzung mache "in der Mehrheit der Länder keine Probleme", in manchen Gegenden aber seien Mehrfachausschreibungen nötig. "Wir werden uns durchaus Anreizssysteme überlegen müssen", meinte er - etwa eine bessere Honorierung für "Ärzte, die an die Peripherie gehen". Im Umkehrschluss werde es dann wohl aber auch "negative Anreize" für Niederlassungen in Ballungsräumen geben.

Medizinische "Primärversorgung"

Nach Einschätzung von Georg Ziniel, Geschäftsführer der bundeseigenen "Gesundes Österreich GmbH", sollte die Debatte im Kontext einer medizinischen "Primärversorgung" geführt werden. Dieses Konzept setze sich international als Standard durch und bedeute mehr als bloß ärztliche Versorgung oder ein Hausarztmodell. Der praktische Arzt sei ein wichtiger Bestandteil eines solchen Systems, eingebunden werden müssten aber auch weitere Gesundheitsberufe.

Mehr Fachärzte

Die Frage, ob Österreich derzeit zu wenige Ärzte hat, verneinte Ziniel eindeutig. Österreich liege im Europavergleich vielmehr "im Spitzenfeld, auch bei den niedergelassenen praktischen Ärzten". Er befand aber, dass generell die Zahl der Fachärzte steige und dass die Zahl der Verträge für Allgemeinmediziner stagniere. Im Jahr 2025 werden rund 60 Prozent der heute niedergelassenen Ärzten in Pension sein, rechnete er vor. Die Regionen seien davon aber in sehr unterschiedlichem Ausmaß betroffen.

Medizin-Absolventen wandern ab

Norbert Mutz, Vizerektor der Med-Uni Innsbruck, warnte vor zu viel Euphemismus in der Debatte. Viele Medizin-Absolventen würden abwandern, und es sei schwer, Jungmediziner dazu zu motivieren, "in die Praxis am Land zu gehen". "Ohne Geld geht gar nichts", warnte Mutz in diesem Zusammenhang. Für den amtierenden Bundesrats-Präsidenten Georg Keuschnigg (ÖVP) steht jedenfalls fest, dass "die Gesundheitsversorgung für jeden Bürger unabhängig davon, wo er wohnt, gegeben sein muss. Das ist unser politisches Ziel: Es darf keine geografische Zweiklassenmedizin geben." (APA, 18.7.2012)

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