Stille Börsen-Post: Das jüngste Gerücht

18. Juli 2012, 13:58
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Menschen lieben Klatsch und Tratsch, die Finanzmärkte auch. Warum Gerüchte die Märkte bewegen und was das alles mit Vertrauen zu tun hat

Nichts ist schneller als ein Gerücht. Das wussten schon die alten Römer, da ging es meistens um Götter oder Krieg. Die Themen haben sich seither geändert, ansonsten aber nicht viel. Es geht nur noch schneller - Internet, sozialen Netzwerken und Massenmedien sei Dank. Dabei braucht ein richtig gutes Gerücht den ganzen technischen Schnickschnack gar nicht. Einer erzählt etwas. Ob es noch wer gehört hat? Ja, natürlich. Ob das stimmen kann? Möglich. Und in Windeseile weiß das ganze Büro von der angeblichen Affäre des neuen Kollegen mit der Marketing-Leiterin. Oder die Kleinstadt von der vermutlichen Pleite des Greißlers. Oder die Weltöffentlichkeit von der scheinbaren Vorbereitung eines Ausschlusses Griechenlands aus der Eurozone.

Doch warum finden wir Gerüchte so spannend? Warum ignorieren wir das "Man-erzählt-sich" nicht einfach? Weil es viel zu spannend ist. Und weil es unser Bedürfnis nach Klatsch und Tratsch, nach den geheimen Geschichten hinter der Bühne und nach dem vermeintlichen Gemunkel und Getuschel derer da oben stillt. Wirtschaftspsychologe Erich Kirchler erklärt die Bereitschaft, die Gerüchteküche weiter brodeln zu lassen, auch mit dem "Interesse, jemanden zu schädigen, Vorteile für sich herauszuholen oder schlicht sich wichtig zu machen".

Davor sind auch die Finanzmärkte nicht gefeit. Die Finanzmärkte. Ihnen werden menschliche Attribute zugeschrieben. Sie sind nervös, manisch-depressiv, beruhigen sich oder reagieren verunsichert. Das verwundert auch wenig, stecken hinter dem anonymen Finanzmarkt schließlich auch nur Menschen. Und die tun genau dasselbe wie alle anderen: Sie tratschen und klatschen, sie hören Gerüchte und verbreiten sie weiter. Und so schafft es das Gerücht, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel werde zurücktreten, dass der Eurokurs fällt.

Frei erfunden

So geschehen Anfang 2010, als in Hongkong, Schanghai und Tokio die Mär umging, Merkel wolle nicht mehr. Wegen der Zeitverschiebung war eine Überprüfung kaum möglich, weil die meisten Europäer zu der Zeit noch im Bett liegen. Also wurde gehandelt, der Euro rutschte ab. Das Dementi der deutschen Bundesregierung folgte nur wenige Stunden später, die Geschichte sei frei erfunden, der Euro erholte sich wieder ein wenig.

Die schwere Überprüfbarkeit ist also ein wesentlicher Faktor. Friedrich Thießen, Professor für Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre an der Uni Chemnitz, hat sich in den vergangenen Jahren eingehend mit dem Thema Gerüchte in der Wirtschaft beschäftigt. Zahlreiche Gerüchte der Wirtschaftsgeschichte hat er unter die Lupe genommen. 

Rezept

In einem Rezept für Gerüchte würde man laut Thießen folgende Zutaten finden: Erstens: Ein Gerücht muss zu einer Stimmung passen, die am Markt herrscht, aber eher schon am Abflauen ist. Denn ist ein Thema virulent, wird man sich nicht mit einem Gerücht abspeisen lassen. Zweitens: Das Gerücht muss ein plausibles Element haben. Das heißt: Es muss möglich sein, dass das Gerücht wahr ist. Und drittens: Das Gerücht muss schwer nachprüfbar sein. Aber: "Wenn man bewusst ein Gerücht streuen will, muss es sehr gut erfunden sein", gibt Thießen im Gespräch mit derStandard.at potenziellen Gerüchtemachern als Warnung mit auf den Weg.

Gelangt eine unsichere Meldung in die Umlaufbahn der Börsianer, ist der Krieg auch schon mehr oder weniger verloren. Die Marktteilnehmer geraten unter Handlungsdruck: Reagiere ich und kaufe oder verkaufe? Oder bin ich misstrauisch, warte ab, rufe ein paar Kollegen an und frage, was da los ist - womit sich das Gerücht weiter verfestigt?

Dann setzt der Herdentrieb ein. "Wenn eine sichtbare, für kompetent eingestufte Gruppe bestimmte Verhaltensweisen ausführt, schließen sich immer mehr Menschen dieser Gruppe an. Sie handeln ähnlich, und was eine sichtbare Masse macht, kann nicht falsch sein", erklärt Wirtschaftspsychologe Kirchler.

Zuspitzung

In den Medien kursieren Geschichten, die aus "gut informierten Kreisen" stammen oder von "Brancheninsidern zu hören" waren. Journalisten sind verlässliche Helfer, wenn es um die Verbreitung von Gerüchten geht. Mit jeder Veröffentlichung wird die Geschichte wahrer, mit jeder Zuspitzung dramatischer. Und jedes halbgare Dementi schürt den Verdacht, dass doch etwas dahinter stecken könnte.

Eines der größten und wirksamsten Gerüchte brachte das britische Pfund zum Austritt aus dem Europäischen Währungssystem im Jahr 1992. Auslöser war das Gerücht, die deutsche Bundesbank wolle das Pfund zerstören. In der Pfundkrise spielten auch die Medien eine nicht unwesentliche Rolle, so Thießen. Die Analyse einer französischen Bank, in der von einer Überbewertung des Pfunds die Rede war, fand ihren Eingang in das Medienuniversum. Erst war es nur eine kleine Zeitung, die die Analyse verbreitete. Ein weiterer Journalist einer anderen Zeitung spitzte die Geschichte ein wenig zu, und so weiter und so fort. Letztlich wurde der Leserkreis immer größer, die Geschichte eines überbewerteten Pfunds traf die Stimmung am Markt. Und führte zu einer Panikattacke gegen die Währung. Investoren wie George Soros machten an diesem Tag sehr viel Geld, weil sie gegen das Pfund spekuliert, und am Ende auch gewonnen hatten.

Gut fürs Geld

Getrieben seien die Märkte nicht von Gerüchten, sagt Thießen. Aber die Finanzmärkte leben von der Bewegung, von neuen Nachrichten. Gerüchte seien deswegen gut für den Umsatz, auch wenn das durchaus ein ethisches Problem aufwerfe. Ignorieren könnten Gerüchte nur jene, die mittel- und längerfristige Investments bearbeiten. Bei kurzfristigeren Anlagen, wie am Devisenmarkt zum Beispiel, sind Händler laut Thießen stark an Gerüchten interessiert. In erste Linie will man an den Märkten Geld verdienen. Mit einem Informationsvorsprung kann ein Händler "aus den Märkten rausholen, was möglich ist".

Kirchler fasst das Dilemma so zusammen: "Ein Gerücht schafft 'Klarheit' und erlaubt die Planung von Handlungen - auch wenn sich später herausstellt, dass die Information nicht wahrheitsgetreu war." Wie in der echten Welt könnten Gerüchte desaströse Folgen haben, vielleicht sogar zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Ein paar wenige machen damit vielleicht viel Geld, eine Menge anderer schaut bestenfalls durch die Finger. Die Glauwürdigkeit und die Richtigkeit von Gerüchten nachzuprüfen kostet Zeit. Den Ursprung des Gerüchts herauszufinden ist meist nicht oder nur sehr schwer möglich. "Aus Angst, den richtigen Zeitpunkt zum Handeln zu verpassen, wird dem Gerücht entsprechend reagiert", so Kirchler.

Nicht jedes Gerücht bewahrheitet sich jedoch. Manche sind einfach erlogen. Hinter einem gestreuten Gerücht steckt durchaus auch die Absicht, den Markt in eine gewisse Richtung zu drängen. Das öffnet ein weiteres Problemfeld: Vertrauen ist die Grundlage des Marktgeschehens. Informationen müssen korrekt sein und alle Marktteilnehmer müssen dieselben Informationen haben, weil sich die Preisbildung an den Finanzmärkten immer in vagen Zukunftssphären bewegt. So funktioniert der perfekte, effiziente Markt zumindest in der Theorie. Wie die vergangenen Jahre bewiesen haben, ist die Praxis davon aber weit davon entfernt.

Übrigens, haben Sie schon gehört, dass ... (Daniela Rom, derStandard.at, 18.7.2012)

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    Mickey Rourke und Robert Downey Jr. kennen sich mit der Gerüchteküche gut aus. Für die Hollywood-Schauspieler gehört Tratsch und Klatsch zum Alltag dazu. Aber auch an den Finanzmärkten tummelt sich so manche Klatschbase, die im besten Fall für Bewegung, im schlechtesten für Probleme sorgt.

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