Die Wahl der Qual

18. Juli 2012, 12:41
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US-Notenbankchef Bernanke kann der Wirtschaft weniger helfen, als Investoren hoffen.

Es ist wieder eine dieser Wochen. Die Märkte, also Analysten, Ökonomen und Großanleger hängen an den Lippen von Ben S. Bernanke, Chef der US-Fed. Sie gieren nach einer neuen Runde der Quantitativen Lockerung, also des Ankauf von Staatsanleihen mit Zentralbankgeld, um die laue US-Wirtschaft zu stimulieren. So wie vergangenen Sommer, als im August die Finanzmärkte in Bausch und Bogen korrigierten und die US-Wirtschaft nach dem Verlust des AAA-Rating bei der Agentur S&P an Fahrt verlor. 

Doch die Erwartungen vieler Investoren sind zu hoch. Ben kann sie nur enttäuschen. Denn das Arsenal der Federal Reserve liest sich zwar auf dem Papier ganz gut, in der realen Welt jedoch kommt von dem Stimulus der Amerikaner nicht so viel an wie gehofft.

Wenn also heute die Ökonomen von Goldman Sachs skizzieren, wie die Fed jetzt die US-Konjunktur anschieben könnte, ist das Prinzip Hoffnung ihre Leitlinie. Zwar gibt es technisch sicherlich Möglichkeiten für die Fed in die Wirtschaft einzugreifen: eine davon ist QE 3, also Anleihenkäufe. Das zweite wäre eine Lockerung der Kreditkonditionen für bestimmte Kredite, etwa Immobilien- und private Konsumkredite. Drittens könnte die Fed ihre Kommunikationspolitik weiter lockern, sie könnte den Anlegern also versprechen, die Zinsen bis 2015 nicht mehr zu senken. Oder viertens, die Zinsen auf die Exzess-Reserven der Banken senken und sie so zur Kreditvergabe an die Privatwirtschaft zwingen.

Ganz egal, welche dieser Maßnahmen die Fed auch setzen wird. Die US-Wirtschaft, ebenso wie die Eurozone oder Japan, laborieren nicht an zu hohen Zinsen. Die Finanzkrise hat die größten Volkswirtschaften in eine Liquiditätsfalle gestürzt. Der Zinskanal funktioniert daher nicht mehr. Wenn die Zinsen gesenkt werden, regt das keine neuen Investitionen von Unternehmen an. In Europa insbesondere deswegen, weil die Banken die billigen Zinsen nutzen müssen, um ihre zerschossenen Bilanzen zu reparieren. Auch in den USA wird die Überschussliquidität von Unternehmen und Banken eher gehortet.

Das weiß Bernanke selbst, hat er doch vor seiner Tätigkeit als US-Notenbankchef lange Zeit zu der Erfahrung in der Großen Depression und der japanischen „Großen Rezession“ geforscht. Der wohl wichtigste Satz von Bernanke aus einem Papier, das er zusammen mit anderen Fed-Ökonomen 2004 zur Liquiditätsfalle verfasst hat, lautet, nach Darstellung aller Handlungsalternativen für die Notenbank: „We still believe the best policy approach is avoidance by maintaining a sufficient inflation buffer and easing preemptively as necessary to minimize the risk of hitting the ZLB.“ Ergo, die beste Strategie wäre es, niemals in die Liquiditätsfalle zu tappen und niemals auf Nullzinspolitik angewiesen zu sein.

In einer ähnlichen Lage befindet sich die Europäische Zentralbank. Ihre Lockerung der Geldpolitik stockt ebenso im Bankensystem. Eine Stimulierung der Wirtschaft mit einer Politik des billigen Geldes ist daher kaum möglich. Trotz der Ausweitung der Bilanz um knapp eine Billion Euro ist das Kreditwachstum in weiten Teilen der Eurozone rückläufig (siehe Grafik). In Ländern wie Österreich (rot) und Deutschland (blau) ist das Kreditwachstum zwar positiv, aber in Spanien, Griechenland oder Italien kontrahieren die Kredite an die Privatwirtschaft bereits. Eine monetäre Stimulierung sieht anders aus.


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    Die Erwartungen der Investoren an Fed-Chef Ben Bernanke sind hoch.

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    grafik: derstandard.at/marktmelange
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