Die Vermessung der Integration

Kommentar18. Juli 2012, 11:00
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Was wir von Tick, Trick und Track lernen können

Es ist das Jahr 1988. Die Olympischen Sommerspiele in Seoul, Südkorea, stehen an. Ich blättere "Walt Disneys Lustiges Taschenbuch Nr. 130" mit dem Titel "Olympisches Fieber" durch. Wie immer lese ich als Kind am liebsten die Geschichten über Tick, Trick und Track und den tollpatschig-erfolglosen Donald, weil die nicht so geizig sind wie der alte Onkel Dagobert, der immer nur an seine Gewinnmaximierung denkt. Damals hat mich noch keiner gefragt, woher ich komme, welchem Land ich mich zugehörig fühle und ob ich denn nicht wieder zurückkehren wolle.

Heute, viele Jahre später, ist mir das Comic-Buch wieder in die Hände gefallen. Diesmal bleibt mir die Seite 71 in Erinnerung. Da geht es nämlich um den südkoreanischen Zeitungsjungen, der nebenbei Sportler und Student ist und an den Olympischen Spielen teilnehmen will. Als Tick, Trick und Track einen Blick in die Zeitung werfen, die der Zeitungsjunge gerade austeilt, lesen sie die Meldung, dass auch Nordkorea an den Spielen teilnimmt. Da gibt Kim-Duck Ling, so heißt der Zeitungsjunge, der als Kind mit seinen Eltern nach Entenhausen ausgewandert ist, vor lauter Heimweh einen großen Seufzer von sich und sagt: "Sein Heimatland vergisst man eben nicht so leicht, auch wenn es geteilt ist." Und Tick, Trick und Track antworten ihm: "Das verstehen wir."

Entweder-oder-Zugehörigkeit

Nun ist das Leben kein Comic-Buch. Aber manchmal wäre solch ein Verständnis, das Tick, Trick und Track an den Tag legen, auch in Österreich angebracht. Hier gilt ein nicht eindeutig bejahendes Bekenntnis zum Zielland, also Österreich, mittlerweile als großes Integrationsmanko. So wird im vergangene Woche vorgestellten Integrationsbericht 2012 der "Integrationsoptimismus" anhand der Parameter des Sich-heimisch-Fühlens und des Gefühls der Zugehörigkeit zu Österreich abgefragt. Heraus kommt dabei, dass sich die Hälfte der rund 1.100 befragten ZuwanderInnen bzw. deren Nachfahren völlig und mehr als 36 Prozent eher heimisch fühlen.

Zusätzlich gibt es eine Infografik, die nach Zuwanderern aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei differenziert. Bei der erstgenannten Gruppe gaben die rund 800 befragten Personen mit Migrationshintergrund aus Ex-Jugoslawien zu 58,4 Prozent an, sich völlig heimisch zu fühlen, und 33,2 Prozent, sich eher heimisch zu fühlen. Bei den 300 befragten Personen mit türkischem Migrationshintergrund fühlen sich 34,2 Prozent völlig und 43,8 Prozent eher heimisch in Österreich. Bei der Frage der Zugehörigkeit zu Österreich oder dem eigenen Herkunftsland bzw. dem Land, aus dem die Eltern stammen, sind es 75,2 Prozent der befragten Zuwanderer aus Ex-Jugoslawien, die sich zu Österreich zugehörig fühlen, während es bei den türkischen Zuwanderern nur 44 Prozent sind.

Vermeintliche Diskriminierung?

Nun scheinen die Befragungsergebnisse der beiden Migrantengruppen im Integrationsbericht 2012 wohl deswegen gesondert auf, um die Unterschiede zwischen denjenigen, die sich mehr mit Österreich identifizieren, und denen, die das weniger tun, zu veranschaulichen. Warum es aber diesen augenfälligen Unterschied gibt, dem wird nicht nachgegangen. Die Antwort findet sich jedoch im Integrationsbericht ein paar Seiten weiter, beim Thema "Kontakterfahrungen und Benachteiligung" im Kapitel "Subjektive Fragen zum Integrationsklima".

Da wird erwähnt, dass die befragten Personen mit türkischem Migrationshintergrund signifikant häufiger über Benachteiligung aufgrund ihrer Herkunft berichteten. Rund 58 Prozent gaben nämlich an, immer bzw. eher Benachteiligungen als Zuwanderer zu erfahren, während das bei der Migrantengruppe aus Ex-Jugoslawien rund 26 Prozent berichteten. Interessant ist, dass hierbei im Integrationsbericht von vermeintlichen Benachteiligungen die Rede ist und dass sich nicht überprüfen lasse, ob Personen mit Migrationshintergrund aus der Türkei in Österreich tatsächlich in einem höheren Ausmaß diskriminiert werden oder nicht.

Studien in Deutschland ergaben, dass hoch qualifizierte Bewerber mit türkischen Namen 14 Prozent weniger Jobzusagen erhielten als Bewerber mit deutschen Namen - trotz derselben Qualifikation. Dass es in Wien mit nichtösterreichischem Namen schwieriger ist, eine Wohnung zu bekommen, weil nur an Inländer vermietet wird - es sei denn, man ist beispielsweise aus England, Frankreich oder den USA zugewandert -, ist auch kein Geheimnis mehr. Und dass "Daham statt Islam"-Plakate oder Wahl-Comic-Heftchen mit dem Aufruf, dem Mustafa eine aufs Nudelaug zu schleudern, auch nicht gerade zum "Sich-heimisch-Fühlen" beitragen, ist ebenfalls naheliegend.

Zwei Heimaten

Das wirft zwei Fragen auf. Erstens: Warum werden weder im Integrationsbericht noch in den zahlreichen Medienauftritten des Integrationsstaatssekretärs Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit ausreichend thematisiert? Zweitens: Warum werden nicht Zuwanderer beispielsweise aus den USA, Italien oder Tschechien, die ebenfalls seit Jahren in Österreich leben, dazu gedrängt, sich für ein Land, für eine Heimat zu entscheiden?

Denn obwohl im Integrationsbericht von der Ambivalenz der Menschen mit Migrationshintergrund hinsichtlich ihrer staatlichen Zugehörigkeit zu lesen ist, weil sie häufiger transnational orientiert sind als Menschen ohne Migrationserfahrung, wird mit der Frage nach der Zugehörigkeit zu einem Staat eine klare Entscheidung für oder gegen das Ziel- oder Herkunftsland erwartet. Dass es Menschen gibt, die sich sowohl Österreich als auch dem Herkunftsland (der Eltern) zugehörig fühlen, wird dabei ausgeblendet. Oder dass eine Person mehr als eine Heimat haben kann.

Noch wichtiger ist die Frage, ob es wirklich relevant ist, dass sich Zuwanderer mehr zu Österreich zugehörig fühlen oder zu ihrer alten Heimat, welchen Nationalfeiertag sie feiern oder ob sie Nationalfeiertage überhaupt feiern. Menschen, die seit Jahren in Österreich leben, sind längst einheimisch hier, egal ob sie sich mehr oder weniger österreichisch fühlen. Denn das Wort "heimisch" bedeutet auch ansässig oder niedergelassen. Und niedergelassen sind Zuwanderer und deren Nachkommen allemal.

Wenn einmal anerkannt wird, dass Zuwanderer und Menschen mit Migrationshintergrund bereits hier heimisch und Teil der österreichischen Gesellschaft sind, wenn ein Integrationsstaatssekretär nicht immer nur von der Anerkennung der Leistung der Zuwanderer, sondern der Anerkennung der Zuwanderer selbst als Mitbürger spricht, dann wäre das schon einmal etwas Neues in der österreichischen Integrationsdebatte. (Güler Alkan, daStandard.at, 18.7.2012)

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    foto: dastandrad.at
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