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Die Kunstvermittlerin

17. Juli 2012, 16:44

Wie Mode und Kunst im mumok den Menschen nahe gebracht wird, erklärt Claudia Ehgartner im Interview.

Im Rahmen der Veranstaltung „Summer of Fashion" im mumok, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, in dem auch die Ausstellung „Reflecting Fashion - Kunst und Mode seit der Moderne" gezeigt wird (siehe auch „The Art of Fashion"), werden Vermittlungsprogramme für Kinder, Jugendliche und Erwachsene angeboten. Während den Kleinen Kunst und Mode beim Gestalten von Bildern und Skulpturen sowie beim Entwerfen und Nähen von Verkleidungen nahe gebracht wird, lernen Erwachsene verschiedene Fertigungstechniken und erhalten bei speziellen Führungen und Ausstellungsgesprächen vertiefte Einblicke in die Kunst- und Modewelt. AUSTRIANFASHION.NET sprach mit Claudia Ehgartner, Leiterin des Bereichs Kunstvermittlung für Kinder, Jugend und Schulen im mumok, über Intention und Strategien dieser Programme, mögliche und reale Kreuzungspunkte von Kunst und Mode sowie ihren eigenen Zugang zu Kleidung und Trends.

Khakifarbene Hose, schwarzes Shirt und Flip-Flops. In diesem legeren Outfit kommt Claudia Ehgartner zum Interview. Also gar nicht so, wie man sich eine Person aus dem Kunstbereich vorstellt. Was heißt hier „man"? Ich ertappe mich dabei, in Klischees zu denken, Menschen nach ihrer Kleidung einzuordnen, zu kategorisieren und determinieren - und schon sind wir im Gespräch über Kleidercodes...

Sind Menschen im Kunstbetrieb modebewusst?

Ja, sehr stark. Je nach Szene gelten gewisse Codes. Es geht darum, sich darzustellen und abzugrenzen, Identitäten sichtbar zu machen. Visuelle, also ästhetische Fragen stehen ja im Fokus. Aber meiner Meinung nach beschäftigen sich vor allem KünstlerInnen mehr mit Kleidung als Hülle und Ausdruck, und weniger mit Mode an sich. Im Vordergrund steht die Verwandlung, also wie dem Körper mithilfe von Stoffen, Farben und Formen ein anderer Ausdruck verliehen werden kann. Es ist eine Art Spiel, aber vor allem: Welche Statements gebe ich nach außen ab.

Und wie definieren Sie Ihren eigenen Zugang zu Kleidung?


Heute bin ich atypisch angezogen. Normalerweise bin ich Schwarz gekleidet, obwohl ich gerne mehr Farben tragen würde. Doch um die passenden Kombinationen zusammen zu stellen, bräuchte ich mehr Zeit. Und beruflich passt Schwarz halt immer, ist klassisch und neutral. Ich bin aber sehr froh, dass es im Kunstbereich zwar diese Codes gibt, aber auch mehr Freiraum als sonst wo. Wenn ich im Kostüm auftreten müsste, wäre das schrecklich. Das ist ein Frauenbild, das ich nicht verkörpern will.

In der Ausstellung wird das Video „Reflect YOUR Fashion. Geschichten aus dem Kleiderschrank" gezeigt, in dem Menschen ihre Lieblingskleidungsstücke präsentieren. Was ist Ihr liebstes Gewand?


Mein absolutes Lieblingsstück ist ein Frühjahrsmantel aus hellgrau-hellblauem Frottee von Edwina Hörl. Den habe ich schon fünfzehn Jahre und trage ihn noch ab und zu auf Partys. Und dann hab' ich noch ein schwarzes Sakko von Claudia Brandmair, das mag ich auch sehr. Und ein blau-weiß getupftes Vintage-Kleid aus den 50er-Jahren mit einer Kirschen-Brosche aus rotem Bast. Das hab' ich auf einem Flohmarkt gefunden - ich liebe das Stöbern auf Flohmärkten.

Wie haben sich Ihre Kleidungsvorlieben im Laufe der Zeit verändert?


Als Jugendliche wollte ich vor allem intellektuell wirken. Ich trug nur weite Hemden und Jeans. Später experimentierte ich mit der Veränderung meines Typs. Ich merkte, dass ich mich anders fühle, wenn ich ein Dekolleté trage oder Schuhe mit Stilettos. Das Spiel mit dem Frausein fasziniert mich noch immer, mal sexy zu sein, dann wieder unauffällig. Ich finde es witzig, mit Rollen zu spielen, Identitäten äußerlich wechseln zu können.

Entgegen dem Vorurteil, Mode sei oberflächlich und unpolitisch, beinhaltet sie also durchaus soziologische Elemente?

Mode kann oberflächlich sein, muss es aber nicht. Denken wir zum Beispiel an die Punk-Kultur, die finde ich sehr interessant. Vivienne Westwood kommt ja aus dieser Szene, und was sie macht ist großartig und sehr politisch. Und Kleidung macht ja Zugehörigkeiten sichtbar. Da kann man sich in der Einschätzung schon mal irren, das finde ich dann sehr amüsant. Das Außen muss nicht immer deckungsgleich mit dem Inneren sein. Dieser Widerspruch ist spannend.

Kommen wir zum Thema Kunstvermittlung. Das klingt nach hehren Idealen und Zielen. Was genau macht eine Kunstvermittlerin?

Es geht um die Vermittlung der Inhalte von Ausstellungen und der Themen eines Museums. Also um die Betreuung der BesucherInnen, die von sich aus kommen und die Entwicklung von Angeboten für Menschen, die dies nicht tun. Eine zentrale Aufgabe ist, Inhalte in Form von Führungen, Kunstgesprächen oder Workshops, Texten und Audioguides entsprechend aufzubereiten, damit sie von sehr unterschiedlichen Menschen verstanden und angenommen werden können. Das ist eine Herausforderung, die ich sehr mag.

Ist dieser Spagat, eine breite Öffentlichkeit - von Kunstgebildeten und -studierten bis zu Leuten, die mit Kunst nichts zu tun haben - nicht sehr schwierig?

Es gilt die komplexen Themen einer Ausstellung in einer Weise aufzubereiten, dass sie lesbar und verständlich werden, ohne dass Inhalte dadurch verkürzt werden. Dabei ist eine enge und gute Zusammenarbeit - vor allem bei der Textproduktion - mit den KuratorInnen sehr wichtig.

Lässt sich Kunst, bzw. im aktuellen Fall Mode, überhaupt vermitteln? Ist es nicht vielmehr so, dass der bestgemeinte Vermittlungsversuch nicht fruchtet, wenn es an Interesse, eigener Befassung und möglicherweise auch Begabung mangelt?

Kunst ist vermittelbar. Es geht ja um Themen, die uns alle betreffen. Moderne und zeitgenössische Kunst beschäftigt sich mit Fragen des Lebens und wie man damit umgeht oder umgehen könnte. In der Vermittlung können wir mit den BesucherInnen gemeinsam künstlerischen Fragen nachgehen und nach formellen Lösungen suchen. Wie würden sie das Problem angehen, welchen Zugang haben sie? Da fließt ganz viel unterschiedliches Wissen ein - das der Vermittlerin und das jeweilige Wissen und die Interessen der BesucherInnen. Im Falle von „Refecting Fashion" der Umgang mit Identitäten, Hüllen und Verwandlungen, auch Sexualität, Feminismus... Der größte Irrtum vieler Menschen ist, dass sie glauben, sie müssten sich mit moderner Kunst auskennen, wenn sie in ein Museum gehen. Aber das stimmt nicht. Es gibt kein Falsch und Richtig. Kunst wird zur Kunst, wenn man über sie spricht. Zum Beispiel das Reformkleid: Im Gespräch mit älteren Besucherinnen ging es sogleich um Körperbewusstsein, eigene Erfahrungen mit Körperlichkeit, um Einengung und Befreiung.

Wie bringen Sie die Menschen dazu, aus sich heraus zu gehen und über ihre Zugänge und Erfahrungen zu reden?

Bei den Führungen gebe ich zwar den Weg vor, aber ich lasse mich ein auf die Wünsche der Leute, lasse sie wählen, worüber sie sprechen möchten. Bei Kindern ist es natürlich viel leichter, die Kleinen haben noch keine Vorbehalte und Scheu, sie plappern gleich los. Wir arbeiten in Kleingruppen bis zu acht Kindern, im Alter ab vier Jahren. Auch mit Jugendlichen geht es ganz gut, ihnen zu zeigen, wie sie sich moderne Kunst nähern können und ihnen ein Werkzeug zu liefern, um Kunst zu verstehen. Ihr Interesse kann leicht geweckt werden. Besonders spannend sind die Workshops mit ehemals drogenabhängigen Menschen, die wir in Kooperation mit dem Verein „Dialog" durchführen. Diese Menschen sind oft sehr sensibel und bringen äußerst interessante, oft sehr unkonventionelle Blickwinkel in die Kunstbetrachtung ein. Wenn ein Museumsbesuch als Bereicherung gesehen wird, ist meiner Meinung nach die Vermittlungsarbeit gelungen.

Was ist denn die eigentliche Intention der Vermittlung? Aufklärung? Pädagogik? Die Menschen erziehen? Oder böse gefragt: eine Marketingstrategie, um das Museum und damit die Kasse zu füllen?

Ein Museum soll lebendig sein und deshalb muss es Vermittlungsangebote und Veranstaltungen geben. Das hat meiner Meinung nach was mit Demokratisierung, mit Schaffung von Öffentlichkeit zu tun. Früher war das ja nicht wirklich erwünscht. Im Museum hatte man ganz ruhig zu sein und staunend nickend die Kunstwerke zu betrachten. Zum Glück gibt's jetzt mehr Offenheit. Aber natürlich ist die Grenze zum Spektakel streng zu wahren! Die Veranstaltungen dürfen nicht zu weit wegführen vom Inhalt, es darf nicht kommerziell werden.

Und was soll den Menschen nahegebracht werden?

Der Bildungsauftrag ist vorrangig. Es reicht nicht, nur Werke auszustellen, man muss schon mehr vermitteln, sonst ist das ja umsonst. Sich fragen: Wer ist das Gegenüber? Wie gehe ich vor? Was spreche ich an?

Seit wann gibt es Kunstvermittlungsprogramme?


Begonnen hat es in den 70er-Jahren mit Malen für Kinder im 20erHaus. Doch die eigentlichen Vermittlungsprogramme bestehen erst seit 1985, und seit den 90er-Jahren gibt's einen großen Schwung, vor allem im 20erHaus, Palais Liechtenstein und im mumok.

Wie kam es zum Mode-Event im mumok? Ist Mode im Museum gerade en vogue?


Die Kuratorin Susanne Neuburger hatte die Idee schon lange. Jetzt war es an der Zeit das umzusetzen. Dafür engagierte sie als Co-Kuratorin noch Barbara Rüdiger. Es braucht ja immer eine Vorbereitungszeit von zwei bis drei Jahren für eine Ausstellung mit Rahmenprogramm. Die KuratorInnen bringen ihre Vorschläge zu den DirektorInnen, dann folgen Diskussionen und Absprachen mit anderen Museen - auch international. Wir zeigen in „Reflecting Fashion" über 300 Objekte, von denen die meisten geliehen sind. Das bedeutet einen enormen logistischen Aufwand, viele Verträge und ein wissenschaftlich erarbeitetes kuratorisches Konzept.

Inwieweit gehören Mode und Kunst zusammen bzw. wo liegen die Überschneidungen? Was ist das künstlerische oder kunstvolle Element in der Mode?


Kunst, die sich mit Mode beschäftigt, beinhaltet ein Reflexionsmoment, weil sie nicht Mode sein muss. Aber mit Kunst geht meiner Meinung nach mehr als mit Mode. Das bedeutet nicht, dass sich Mode und Kunst ausschließen. Es gibt ja viele KünstlerInnen, die ausdrucksvoll zeigen, wo und wie sie in den Bereich der Mode übergehen. Zum Beispiel Joseph Beuys, der sich zugleich als er selbst und seine Kleidung darstellt. Oder Cindy Sherman mit ihren Inszenierungen von Rollenbildern. Andererseits sehe ich auch bei Modeschauen ein hochrangig kunstvolles Element. Da wird ja zumeist Kleidung gezeigt, die nicht tragbar ist, sondern lediglich als Inszenierung gilt. Als Kunst würde ich das trotzdem nicht bezeichnen, obwohl mein Kunstbegriff sehr weit ist.

Kurzbiografie von Claudia Ehgartner
Geboren 1968 in der Steiermark. Studium: Pädagogik und Kunstgeschichte; Postgradualer Lehrgang für Kommunikation im Museum am Institut für Kulturwissenschaften; freie Kunst- und Kulturvermittlerin: u. a. am MMKSL Wien, Verein „StörDienst"; Gründungsmitglied trafo.K (1999 bis 2003); 2000 bis 2007 Aufbau und Leitung der Abteilung für Kunstvermittlung an der Kunsthalle Wien; 2002-2006 Mitglied des Kernteams des Universitätslehrgangs „ecm - exhibition and cultural communication management"an der Universität für angewandte Kunst Wien; Seit 2007 Abteilung für Kunstvermittlung und Besucherservice am mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, seit 2011 Leitung der Bereiche Kinder, Jugend und Schulen; Publikationen und Vortragstätigkeit im Bereich Kunstvermittlung und als Kinderbuchautorin.

Text: Dagmar Buchta lebt als freie Journalistin und Autorin in Wien und Ungarn.

Reflecting Fashion
Kunst und Mode seit der Moderne
15.06 - 23.09.2012
MuseumsQuartier
Museumsplatz 1, A-1070 Wien

 

Startbild: Ausstellungsansicht Reflecting Fashion. Kunst und Mode seit der Moderne, im Vordergrund: Kolo Moser, Reformkleid, Wien um 1900/1905, Leihgabe Wien Museum, Foto: mumok, 2012

  • Claudia Ehgartner
    foto: mumok

    Claudia Ehgartner

  • Die Vermittlungsprogramme zur Ausstellung Reflecting Fashion laufen noch bis 30. September. Alle Infos unter www.mumok.at
    foto: mumok

    Die Vermittlungsprogramme zur Ausstellung Reflecting Fashion laufen noch bis 30. September. Alle Infos unter www.mumok.at

  • Ausstellungsansicht Reflecting Fashion. Kunst und Mode seit der Moderne, im Vordergrund: Christo, Wedding Dress, 1967, im Besitz des Künstlers, Foto: André Grossmann, 1967, © Christo
    foto: mumok

    Ausstellungsansicht Reflecting Fashion. Kunst und Mode seit der Moderne, im Vordergrund: Christo, Wedding Dress, 1967, im Besitz des Künstlers, Foto: André Grossmann, 1967, © Christo

  • Ausstellungsansicht Reflecting Fashion. Kunst und Mode seit der Moderne, im Vordergrund: Daniel Knorr, Vogelscheuchen, 2012, Marie Antoinette & Louis XVI, Courtesy Galerie Nächst St. Stephan Wien und Galeria Fonti Napoli, © VBK Wien, 2012/Daniel Knorr
    foto: mumok

    Ausstellungsansicht Reflecting Fashion. Kunst und Mode seit der Moderne, im Vordergrund: Daniel Knorr, Vogelscheuchen, 2012, Marie Antoinette & Louis XVI, Courtesy Galerie Nächst St. Stephan Wien und Galeria Fonti Napoli, © VBK Wien, 2012/Daniel Knorr

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