Die Blutsauger in die Falle locken

17. Juli 2012, 19:35
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Stechmücken vermiesen nicht nur laue Sommerabende - Immer öfter gelangen auch Arten nach Europa, die tropische Krankheiten übertragen können

Welche Arten von surrenden Quälgeistern sich in heimischen Lüften tummeln, wird nun systematisch untersucht.

Wer sich in der Abenddämmerung am Neusiedler See aufhält, kann derzeit Szenen wie aus einem Horrorfilm erleben: Menschen, die panikartig flüchten, verfolgt von Insektenschwärmen, die es auf ihr Blut abgesehen haben. Die Gelsen haben Hochsaison.

Dem Gruselpotenzial zum Trotz sind die österreichischen Blutsauger zwar lästig, aber harmlos. In vielen Teilen der Welt jedoch können Stechmücken gefährliche Krankheiten übertragen, und durch stetig wachsenden Personen- und Warenverkehr sowie wohl auch durch den Klimawandel finden diese Arten immer öfter den Weg nach Europa. So kam es etwa 2007 zu einem Ausbruch des ursprünglich auf die Tropen beschränkten Chikungunyafiebers in Norditalien, Erkrankungen durch das aus Afrika und Asien stammende West-Nil-Virus wurden unter anderem in Griechenland und Ungarn gemeldet.

Seit dem Vorjahr führt die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) deshalb ein Gelsenmonitoring in Österreich durch, das darauf abzielt, die Ausbreitung sowohl exotischer Stechmücken als auch neuer Erreger zu überwachen. Dazu werden die Tiere an 37 Standorten in ganz Österreich mit speziellen Fallen gesammelt, bestimmt und auf Krankheitserreger untersucht. Nur für den Laien sieht eine Gelse aus wie alle anderen. Tatsächlich gibt es in Österreich rund 40 verschiedene Arten, die sich teilweise in ihrer Biologie deutlich unterscheiden.

So gehören die Schwärme, die einem das Baden und Spazierengehen in Flussauen vermiesen können, zu den sogenannten Überschwemmungsgelsen. Sie legen ihre Eier in den trockenen Boden von Überschwemmungsgebieten, wo sie auf die nächste Überflutung warten. Wenn diese eintritt, kommt es zu einer rapiden, massenhaften Entwicklung der Gelsen. Da die Weibchen zur Reifung ihrer Eier eine Blutmahlzeit brauchen, sind sie sehr stechfreudig, dringen aber nur ausnahmsweise in Gebäude ein.

Gelsen folgen Menschen

Das Surren, das uns in manchen Nächten um den Schlaf bringt, kommt hingegen von den Hausgelsen. Sie sind Kulturfolger, die ihre Eier in kleine Wasseransammlungen wie Regentonnen oder Vogeltränken oder ans Ufer stehender Gewässer legen. Eine ähnliche Lebensweise zeigen Malariamücken der Gattung Anopheles, die ebenfalls menschliche Bauten aufsuchen und Malaria übertragen können. Sie kommen in Österreich zwar vor, stellen aber keine Gefahr dar, weil es nicht genug Menschen gibt, die den Erreger im Blut haben.

Und dann gibt es noch die sogenannten invasiven Stechmücken, die aus anderen Weltgegenden stammen und vor allem über Warentransporte nach Europa gelangen. Zu ihnen gehört auch die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus), die sich in den vergangenen Jahren über weite Teile Europas ausgebreitet hat. Sie stammt ursprünglich aus Indien bzw. Südostasien und kann eine Reihe tropischer Krankheiten wie Japan-Encephalitis, Chikungunya- und Dengue-Fieber übertragen. Letzterem gilt ein Hauptaugenmerk des Ages-Monitorings.

"Das ist die Krankheit, die wir am ehesten fürchten", erklärt Franz Allerberger, Leiter des Ages-Geschäftsfelds "Öffentliche Gesundheit". Die Erstinfektion verläuft bei den meisten Patienten wie ein grippaler Infekt. In seltenen Fällen kann sie sich allerdings zum Hämorrhagischen Fieber auswachsen, das tödlich enden kann. Die Wahrscheinlichkeit für den schweren Verlauf steigt deutlich, wenn man ein zweites Mal von einer mit dem Dengue-Virus infizierten Mücke gestochen wird. Ende Mai wurde übrigens die Tigermücke das erste Mal in Österreich, und zwar im Burgenland, nachgewiesen. Fürchten muss man sich trotzdem nicht: "Das Risiko ist derzeit null Komma gar nichts", beruhigt Allerberger.

Doch nicht nur der Mensch ist von neuen Krankheiten betroffen, sondern auch die Tierwelt. "Uns interessiert vor allem die Blauzungen-Krankheit, das West-Nil-Fieber und das Schmallenberg-Virus, die alle durch Mücken übertragen werden", zählt Friedrich Schmoll auf, der die Ages-Abteilung " Tiergesundheit" leitet. Fälle von Blauzungen-Krankheit traten zwar 2008 in Österreich auf, wurden aber mit einem intensiven Impfprogramm erfolgreich bekämpft, und bisherige Verdachtsfälle von Schmallenbergvirus-Infektionen haben sich nicht bestätigt.

Tote Vögel als Vorboten

Das West-Nil-Virus ist seit rund 30 Jahren in Europa zugegen, spielt aber in Österreich bisher kaum eine Rolle. Bevorzugt befällt es Vögel, wobei es biblisch anmutende Szenen hervorrufen kann: Bevor 1999 mehrere Menschen in New York an West-Nil-Fieber erkrankten, fielen im Central Park Krähen tot aus den Bäumen. Infizierte Pferde weisen eine hohe Sterblichkeit auf, wogegen eine Erkrankung bei den meisten Menschen weitgehend symptomlos verläuft.

In seltenen Fällen kommt es aber zu Komplikationen, die auch tödlich enden können. Wie sich erst vor kurzem herausstellte, war das Virus 2009 und 2010 in Österreich für zwei Fälle von Hirnhautentzündung verantwortlich. Übertragen kann es von einer Vielzahl von Stechmücken werden - allein in Nordamerika von mehr als 40 Arten. Doch "eine Mücke macht noch keine Krankheit", wie Schmoll betont.

Weitgehend unbekannt ist, wie die ungeliebten Zuzügler langfristig mit unserem Klima zurechtkommen, stammen sie doch alle aus deutlich wärmeren Gegenden, die keinen Winter kennen. Andreas Kahrer, Zoologe und Experte im Ages-Bereich "Ernährungssicherung", beschäftigt sich im Projekt " Winter Survival" damit, wie invasive Insekten sich bei lang anhaltenden niedrigen Temperaturen verhalten. Derzeit sind diesbezügliche Versuche mit Pflanzenschädlingen im Laufen, in Zukunft werden diese aber auch auf die Tigermücke ausgedehnt. Optimalen Lebensraum dürften die meisten tropischen Insekten bei uns nicht finden: "Oft genügt ein kalter Winter, und mit der Ausbreitung ist es vorbei", sagt Kahrer.

Und wie ist das mit den einheimischen Gelsen? Können die auch krank machen? "Sie können das Tahyna-Virus übertragen", erklärt Horst Aspöck, emeritierter Leiter der Abteilung für medizinische Parasitologie am Hygieneinstitut der Universität Wien, "das ist der klassische Erreger einer Sommergrippe, aber für einen sonst gesunden Menschen ist das keine Gefahr." In diesem Sinne sei zwar die Überwachung der Stechmücken, nicht aber ihre großflächige Vernichtung, wie sie mancherorts praktiziert wird, gerechtfertigt, da sie auch andere Organismen in Mitleidenschaft zieht.

Das bestätigt auch Ulrich Straka vom Department für Integrative Biologie und Biodiversitätsforschung an der Universität für Bodenkultur Wien: " Gelsen und Gelsenlarven spielen eine enorme Rolle im Nahrungskreislauf." - Womit auch die grundsätzliche Frage danach, wozu Gelsen eigentlich gut sind, beantwortet wäre. (Susanne Strnadl, DER STANDARD, 18.7.2012)

  • Ein Gelse macht noch keine Krankheit. Doch die Asiatische Tigermücke, die als 
Überträger von Dengue-Fieber und West-Nil-Virus gilt, breitet sich aus.
    foto: james gathany, centers for disease control and prevention

    Ein Gelse macht noch keine Krankheit. Doch die Asiatische Tigermücke, die als Überträger von Dengue-Fieber und West-Nil-Virus gilt, breitet sich aus.

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