Auf Lokalaugenschein mit dem Taststock

18. Juli 2012, 10:33
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Dietmar Janoschek ist Österreichs erster blinder Gerichtsgutachter - Sein sprechendes Maßband hat er immer dabei

Feueralarm im Einkaufszentrum, aber ein gehörloser Kunde weiß nichts davon. Alle Zimmer im Amt sind zwar gut ausgeschildert, aber für die blinde Antragstellerin nicht tastbar: Ganz normaler Diskriminierungsalltag, der immer wieder die Gerichte beschäftigt - und in Zukunft auch Dietmar Janoschek viel Arbeit bescheren wird. Janoschek ist seit vergangener Woche gerichtlich beeideter Sachverständiger für barrierefreies Bauen - und Österreichs erster blinder Gerichtsgutachter.

Sprechendes Maßband

Seine Arbeit ist dieselbe wie die aller anderen Bau-Sachverständigen - nur verwendet er andere Werkzeuge: Wenn Janoschek auf Lokalaugenschein geht, dann nimmt er seinen Taststock, um sich ein erstes Bild der Raumverhältnisse zu machen. Sein Rollmaßband kann sprechen, Zahlen addieren und Summen abspeichern. "Stunden-, wenn nicht tagelang", so Janoschek, wandere er mit dem Rollmeter durch Geschäftslokale und Betriebsanlagen, um Abstände abzumessen und Leitsysteme zu prüfen. Die gewonnenen Ergebnisse gibt er in sein brailleschriftfähiges Notebook ein, das ihm das Gespeicherte später vorlesen kann. Fremde Hilfe braucht er nur, wenn es darum geht, Baumängel mit Fotos zu dokumentieren oder einen bautechnischen Plan zu lesen - ein sehender Assistent ist dafür da. Finanzielle Unterstützung vom Staat für diese Assistenz erhält Janoschek nicht.

Seit 1992 ist Janoschek blind. Schon bald begann er, alles zu lesen, was er zum Thema Barrierefreiheit in die Hände bekam. Seit einigen Jahren erstellt er im Rahmen seines Vereins "Freiraum Europa" Privatgutachten für Betroffene, die gegen Diskriminierung klagen. "Alle glauben, da geht es nur um Rollstuhltauglichkeit", sagt Janoschek - dabei sei das nur ein Teilsegment. In Österreich gebe es ungefähr zehnmal so viele Hör- und Sehbehinderte wie Gehbehinderte - und noch jede Menge Benachteilungen , die leicht zu beseitigen wären.

Benachteiligt sind Blinde auch in der Justiz. Das musste auch Janoschek erfahren: Diverse Einwände wurden gegen seine Bestellung vorgebracht. Manche hielten ihn für körperlich nicht geeignet - "Der kann ja keine Pläne lesen" -, andere schoben formaljuristische Argumente vor: Schließlich würden für Sachverständige ähnliche Eignungskriterien gelten wie für RichterInnen - und sehbehinderte RichterInnen sind in Österreich nicht zugelassen. Anders in Deutschland: Da seien mittlerweile 80 blinde RichterInnen tätig.

Experte, jetzt geprüft

Der Linzer hat tausende Seiten Literatur studiert, hat sich mit Hilfe der Sprachausgabe seines Computers durch die Strafprozessordnung, Ö-Normen und die unterschiedlichsten Landesgesetze gelesen, um sich auf die Prüfung am Linzer Landesgericht vorzubereiten. Über 1.000 Euro habe ihn das Auswahlverfahren samt Prüfung und Literatur gekostet, sagt Janoschek. Finanzielle Motive waren bei seiner Bewerbung aber ohnehin zweitrangig: "Es gibt mittlerweile so viele selbst ernannte Experten für Barrierefreiheit. Ich wollte mir mein Fachwissen zertifizieren lassen."

Wie oft er in Zukunft zum Einsatz kommen wird, weiß der 42-Jährige noch nicht - doch er schätzt, dass sein Pensum laufend steigen wird. Bis 2015 müssen laut Gesetz fast alle Ämter und Unternehmen barrierefrei sein - Betroffene haben dann mehr rechtlichen Rückhalt, wenn sie wegen Diskriminierung klagen. Es wird dann unter anderem an Janoschek liegen, einzuschätzen, ob Kleinbetriebe recht haben, wenn sie bauliche Anpassungen, also Eingangsrampen oder ein Bodenleitsystem, für "wirtschaftlich unzumutbar" halten. 

Langweilig wird der Job nicht: Als Sachverständiger kann Janoschek in jedem Bundesland eingesetzt werden. Er muss dann quasi auf Knopfdruck die unterschiedlichen Landesgesetze anwenden können - ein Umstand, den der Linzer kritisiert: "Es muss noch viel passieren, um die unterschiedlichen Normen zu harmonisieren." Dass diese Harmonisierung auf Initiative der Länder passiert, glaubt Janoschek nicht: Schon bei vergangenen Gleichstellungsoffensiven waren es EU-Vorgaben, die Österreich erst dazu brachten, etwas zu tun. "Da wird von der EU noch viel kommen - Österreich kann da gar nicht aus." (Maria Sterkl, derStandard.at, 18.7.2012)

  • Geprüfter Experte für barrierefreie Raumgestaltung: Janoschek
    foto: privat

    Geprüfter Experte für barrierefreie Raumgestaltung: Janoschek

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