Zwangsanleihen macht man im Krieg

Kolumne17. Juli 2012, 18:24
212 Postings

Mit "Verteilungsgerechtigkeit" und "Beteiligung der Reichen an den Folgen der Krise" hat das null zu tun

Zwangsanleihen und ähnliche Maßnahmen macht man, wenn man a) einen Weltkrieg vorbereitet, b) gerade einen Weltkrieg führt und c) soeben einen Weltkrieg verloren hat. Ferner greift man (= der Staat) zu solchen Mitteln, wenn ein landesweiter Bankencrash plus Kapitalflucht und damit der anschließende Staatsbankrott droht.

Mit "Verteilungsgerechtigkeit" und "Beteiligung der Reichen an den Folgen der Krise", wie manche Retro-Linke bzw. Zyniker wie Josef Cap faseln, hat das null zu tun. Es ist eine reine - historisch stets gescheiterte - Notmaßnahme.

Der Reihe nach: Das Deutsche Institut für Internationale Wirtschaft schlug vor, zur Finanzierung der von den Staaten aufgehäuften Schuldenberge Zwangsanleihen in Höhe von zehn Prozent aller Vermögen über 250.000 Euro einzuheben. Assortierte Retro-Linke wie der Landesgeschäftsführer der SPÖ Oberösterreich, Christian Horner, aber auch SPÖ-Klubchef Cap, waren begeistert.

Demnach wären also Besitzer des Gegenwerts von 250.000 Euro (= ganzjährig bewohnbares Kleingartenhaus plus 500 Quadratmeter Grund in guter Wiener Schrebergartenlage) zu "vermögend" zu zählen.

Aber zurück zur Frage, wann Zwangsanleihen eingesetzt wurden: Das Deutsche Reich führte eine solche 1913 ein, um die enormen Rüstungsausgaben zu finanzieren, die im Hinblick auf den erwarteten Krieg gemacht wurden. Im Ersten Weltkrieg selbst, der von 1914 bis 1918 dauerte, legten Deutschland und Österreich-Ungarn Kriegsanleihen auf. Die wurden zwar nicht direkt zwangsweise eingehoben, aber durch gewaltige patriotische Propaganda (und Veröffentlichung der Namenslisten der Zeichner) entstand starker moralischer Druck. Deutschland finanzierte mit Kriegsanleihen seine Kriegskosten zu 60 Prozent. Nach dem Krieg waren die Anleihen nichts wert, das Vermögen der Mittelschicht und des Großbürgertums war ausgelöscht. Um die Hyperinflation einzudämmen, wurden jetzt echte Zwangsanleihen eingeführt, die aber erfolglos waren. Es blieb nur der Währungsschnitt, der noch einmal alle Guthaben radikal kürzte.

Im Zweiten Weltkrieg verzichtete Hitler-Deutschland auf Zwangsanleihen, belieh aber heimlich die Sparguthaben der Bevölkerung und finanzierte den Krieg zum Teil mit diesen Krediten. Nach dem Zusammenbruch waren die Sparguthaben in Deutschland und Österreich natürlich entwertet. Bei der Umstellung auf Mark und Schilling gab es wieder einen Währungsschnitt, bzw. wurde der Schilling 1947 auf ein Drittel abgewertet und ein Teil der Sparguthaben abgeschöpft, um den Wiederaufbau zu finanzieren.

In Argentinien musste 2001 der Peso als Folge eine unverantwortliche Wirtschaftspolitik so dramatisch abgewertet werden, dass alle in den Dollar flüchteten. Daraufhin wurde der "Corralito" ("Ställchen") eingeführt, in dem die Guthaben eingesperrt wurden. Man konnte nur eine geringe Summe wöchentlich abheben.

Sind wir wieder so weit? In Deutschland und Österreich sicher nicht, in Griechenland und/oder Spanien vielleicht, wenngleich sich die Situation dort wieder stabilisiert hat. Jedenfalls sind derlei äußerste Notmaßnahmen, aber ganz sicher nicht ein Mittel für "mehr Gerechtigkeit". (Hans Rauscher, DER STANDARD, 18.7.2012)

Share if you care.