Die große Silvio-Show beginnt von Neuem

17. Juli 2012, 16:51
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Silvio Berlusconis Rückkehr auf die politische Bühne sorgt bei Millionen Italienern für Frustration - In Berlusconis Partei "Volk der Freiheit" beginnt das große Zittern, denn der Cavaliere will aufräumen

Auch Italiener, die Premier Mario Montis opferreichen Sparkurs nicht teilen, hatten dem Mailänder Ökonomen vor allem eines zugebilligt: Italien wieder zu internationalem Ansehen verholfen zu haben. Jetzt beherrscht der Cavaliere wieder die Schlagzeilen - und lässt kein Fettnäpfchen aus.

Erste Kostprobe: ein Interview mit der deutschen Bild-Zeitung. Er sei " oft und hartnäckig um seine Kandidatur" gebeten worden, versichert Berlusconi. Seine Ankündigung, die Partei werde zur früheren Bezeichnung Forza Italia zurückkehren, stieß vor allem in der ehemaligen Nationalen Allianz auf erregte Proteste.

Berlusconi beschwichtigte umgehend. Es handle sich nur um "einen Vorschlag, der den Parteigremien zur Diskussion vorgelegt werden soll". Der Bild-Reporter sei einem "Missverständnis aufgesessen". Doch der Journalist dementierte unter Verweis auf den Tonbandmitschnitt.

Es sollte nicht das einzige Dementi bleiben. Berlusconis Behauptung, er pflege ein "sehr herzliches Verhältnis zu Angela Merkel", wurde von deren Sprecher ins Reich der Fantasie verwiesen: "Merkel und Berlusconi haben sich seit dessen Rücktritt im November nie mehr gesehen."

Im "Volk der Freiheit" herrscht Unruhe über Berlusconis einsame Entscheidung, zum sechsten Mal für das Amt des Premiers zu kandidieren. " Erst vor wenigen Wochen hat die Partei Vorwahlen zur Ermittlung des Spitzenkandidaten angekündigt", erregt sich Roms Bürgermeister Gianni Alemanno. "Man kann Entscheidungen nicht auf diese Weise umstoßen."

Der rechte Flügel um Exverteidigungsminister Ignazio La Russa überlegt, die Partei zu verlassen. Bei Exkulturminister Giancarlo Galan hat Berlusconis Ankündigung dagegen "gleich mehrere Orgasmen ausgelöst". Doch im "Volk der Freiheit" hat das große Zittern längst begonnen. Denn der Cavaliere will einen Großteil der von ihm selbst bestellten Führung feuern und sich mit einer "Mannschaft von 40-Jährigen umgeben".

"Haremsdame" soll gehen

Zur Aufpolierung seines Images drängt er die als "Haremsdame" seiner Villa in Arcore bekannte Regionalratsabgeordnete Nicole Minetti zum Rücktritt. Die fordert dem Vernehmen nach als Gegenleistung eine Leibrente - alles wie gehabt. Vielen Höflingen gewähre der Premier keinen Zugang mehr, wissen die Medien. Mit mehreren weiblichen Abgeordneten und einem neuen Spindoctor bastle Berlusconi an seiner Wahlstrategie und an einer Liste neuer Gesichter. Als er am Montag unter großer Geheimhaltung sechs internationale Ökonomen in seine Villa in Lesmo einlud, fiel die Absenz des gedemütigten Parteichefs Angelino Alfano auf.

Aber nur wenige Demoskopen teilen Berlusconis Überzeugung, er könne 30 Prozent der Stimmen holen. Die Schätzungen liegen zwischen 18 und 22 Prozent.

Indessen mehren sich die Proteste der Regionen und Gemeinden gegen Montis radikales Spardiktat. Die Präsidenten der autonomen Regionen Friaul, Aosta, Trentino und Südtirol forderten bei einem Treffen am Montag ein dringendes Gespräch mit Monti. "Wir werden uns mit allen Mitteln gegen diesen autoritären Sparkus wehren", so der Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder, der die Verletzung bestehender Abkommen beklagt: "Letzthin wurde in Wien der 20. Jahrestag der Streitbeilegung begangen. Doch seit 20 Jahren hat es keine vergleichbar delikate Situation für die Autonomie gegeben." Monti bestehe auf einer Kürzung des Landeshaushalts um 1,3 Milliarden Euro. Die autonomen Regionen lehnen die von Rom beschlossenen Einsparungen im Gesundheitsbereich ab. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, 18.7.2012)

  • Premier Mario Monti - hier bei der Werbung für den europäischen Fiskalpakt im italienischen Parlament - wird wegen seines Sparkurses nicht nur von Berlusconi, sondern auch von den Präsidenten der autonomen Regionen herausgefordert.
    foto: epa/claudio peri

    Premier Mario Monti - hier bei der Werbung für den europäischen Fiskalpakt im italienischen Parlament - wird wegen seines Sparkurses nicht nur von Berlusconi, sondern auch von den Präsidenten der autonomen Regionen herausgefordert.

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