Immer mehr Länder bekommen Geld fürs Schuldenmachen

17. Juli 2012, 15:25

Österreich hat sie, Deutschland auch: Der Euro-Rettungsfonds gibt heute erstmals Anleihen mit negativem Zins aus

Frankfurt/Main - Was vor wenigen Jahren noch schier undenkbar schien, wird in der Euro-Schuldenkrise zur Gewohnheit: negative Zinsen auf Staatsanleihen. Immer mehr europäische Länder können sich in kürzeren Laufzeiten nicht nur zum Nulltarif refinanzieren. Mehr noch: Sie erzielen unter dem Strich einen Überschuss bei der Kreditaufnahme. Aus Anlegersicht werden also quasi Gebühren für die Vermögensaufbewahrung fällig. In der Euro-Schuldenkrise ist das der Preis dafür, dass der Investor sein Geld in vermeintlich sicheren Händen weiß.

Die Liste der Länder mit negativen Renditen auf kurzlaufende Staatsanleihen ist in den vergangenen Wochen immer länger geworden. Bis vor kurzem kamen mit der Schweiz und Dänemark lediglich zwei europäische Länder in den Genuss negativer Effektivzinsen. Mittlerweile zählen hierzu auch die Euroländer Deutschland, Österreich, die Niederlande und Finnland. Blickt man auf kürzere Laufzeiten von weniger als einem Jahr, erweitert sich der Kreis auf Frankreich und Belgien. Dabei handelt es sich durchwegs um Staaten, die dem sogenannten "Kerneuropa" angehören und im Vergleich zu peripheren Krisenländern wie Spanien und Italien als vergleichsweise stabil gelten. Auch der Euro-Rettungsfonds EFSF, der im wesentlichen von soliden Euroländern garantiert wird, konnte sich am Dienstag frisches Kapital zu negativen Zinsen besorgen. 

Hohe Zinsen an der Peripherie

Im Gegensatz dazu müssen Krisenländer am Rande Europas viel höhere Zinsen für frische Schulden bieten. Bei den großen Sorgenkindern Spanien und Italien etwa liegt das Renditeniveau selbst im unterjährigen Bereich höher als in zahlreichen Kernländern - wohlgemerkt: verglichen mit sehr langen Laufzeiten von bis zu dreißig Jahren. Diese "Renditekluft" spiegelt letztlich den wirtschaftlichen und fiskalischen Graben wider, der sich aktuell durch Europa zieht. Denn aufgrund vieler Probleme wie starker Rezessionen, Bankenkrisen oder struktureller Schwächen müssen Länder wie Spanien oder Italien einen hohen Risikoaufschlag für neue Staatsschulden zahlen. Dies setzt die ohnehin angespannten öffentlichen Haushalte zusätzlich unter Druck.

Dass sich der Trend negativer Renditen auf immer mehr Länder ausweitet, erklären Experten aber nicht nur mit der Kreditwürdigkeit der Staaten. Schließlich befinden sich die Niederlande derzeit in der Rezession und die anstehenden Neuwahlen sorgen für Verunsicherung. Zudem gelten die jüngsten Reformen in Frankreich nicht gerade als wachstumsfördernd. Für sich genommen sprechen derartige Faktoren eher für steigende als für fallende Refinanzierungskosten.

Bankvolkswirte nennen im wesentlichen zwei wichtige Gründe für den Trend negativer Anleihezinsen. Zum einen zwingt das extrem niedrige Renditeniveau in sehr stabilen Ländern wie Deutschland Investoren dazu, auf Renditesuche zu gehen. Mit anderen Worten: Um etwas mehr an Rendite zu erzielen, weichen Anleger vermehrt auf Länder aus, deren Bonität zwar nicht ganz so gut wie diejenige Deutschlands ist, die aber dennoch stabiler als die europäischen Krisenländer gelten. Die Anleiheexperten der Commerzbank nennen diese Staaten "Semi-Kernländer".

Kopfzerbrechen

Darüber hinaus hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Trend sinkender Anleiherenditen unlängst befeuert: Vor knapp zwei Wochen reduzierte die Notenbank den Zinssatz, den sie Geschäftsbanken für überschüssiges Zentralbankgeld zahlt, auf null Prozent. Dieser Nullzins mindert den Anreiz der Institute, Geld bei der EZB zu parken. Wie die Royal Bank of Scotland (RBS) in einer aktuellen Studie erklärt, dürfte der Nullzins auf EZB-Einlagen dazu beitragen, dass die Geldhäuser überschüssige Mittel von der Notenbank abziehen und vermehrt in Vermögenswerte investieren. Ungeachtet dessen hat die EZB mit zwei riesigen Geldspritzen über insgesamt eine Billion Euro dafür gesorgt, dass die Liquiditätsausstattung der Banken ohnehin sehr üppig ist.

Was Investoren zusehends Kopfzerbrechen bereitet, freut die Finanzminister in den Kernländern Europas. Denn für die öffentlichen Haushalte bedeutet eine Kreditaufnahme zum Null- oder Negativzins freilich eine spürbare Entlastung. Kehrseite der Medaille: Krisenländer wie Spanien und Italien, deren Haushaltslage ohnedies angespannt ist, leiden zusätzlich unter der Entwicklung. Sie müssen den Investoren selbst in kurzen Laufzeiten von bis zu einem Jahr Zinsen von teils über vier Prozent bieten. Doch es gibt auch Lichtblicke: Den Euroländern Irland und Portugal, die beide noch unter dem Rettungsschirm EFSF stehen, bringen die Finanzmärkte wieder viel mehr Vertrauen entgegen, was sich in stark rückläufigen Risikoaufschlägen für Staatstitel in den letzten Monaten niederschlägt. Als Grund gelten vor allem die starken Reform- und Sparanstrengungen der beiden Euro-Leichtgewichte. (APA, 17.7.2012)

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daran sieht man, dass

bank-finanzwesen nichts mit wirtschaft zu tun hat.

die wüsste sofort, wo sie viel von dem geld anlegen würde, mit mordsrenditen in der zukunft, egal was passiert.

jetzt könnte man ganze märkte billig kaufen, aber die koffer legen das geld lieber irgendwo mit verlust an.
gut, die anleger sind ja auch nicht die vifsten, gezwungenerrmassen bzw. wissen die nix von ihrem glück, was fondsmanager alles nicht tun für ihre mordsmargen und spesen.

Kann nicht eine Bank auf mein Konto 1 Milliarde überweisen und ich zahl ihnen dann in 4 Monaten ganz sicher 990 Milionen zurück

Irgendwer tickt da massiv falsch

Ist ja einleuchtend, ein Investor (der aufgrund seiner sozialen Gesinnung) Geld anlegt, bringt es in einen sicheren Hafen, zahlt dafür und nimmt den Inflationsbedingten Wertverlus mit Handkuss in Kauf. Alle Details zu diesen Big Deals erhalten Sie von den Politikern Ihres Vertrauens und Ihrem Psychiater.

Perverses gehts wohl kaum fürs Geld anlegen auch noch bezahlen!, aber ein gutes hat es der Kapitalismus trägt sich selbst zu Grabe.
Das Zinssystem war und ist der größte Fehler den Wir Menschen gemacht haben.

Interessant zu sehen wie man mit so wenigen Worten zeigen kann, wie wenig man die Zusammenhänge dahinter versteht.

Ich verstehe das System sehr gut ... habe mich auch jahrelang in zu komplizierter Denkweise verwirrt, im Prinzip ist alles ganz einfach ....

Auf dem Bild ist also ein Investor der sich freut? Na dann möchte ich gar nicht wissen wie der dreinschaut wenn er mies drauf ist...

wieso soll das ein investor sein? das ist ein broker.

Die Investoren freut es NICHT steht dort

kann mir jemand erklären, warum jemand negative zinsen in kauf nimmt, anstatt sein geld in einen tresor zu sperren?

Tout simple:

Anschaffungskosten des Tresors, Diebstahlrisiko, Opportunitätskosten für die zu mietende Fläche, die das Trumm einnimmt, etc.

Naja, wennst nur tausende oder zehntausende Euro sind, dann ist für das Geld im Tresor dann der beste Platz.
Aber viele legen ja zig Millionen Euro, manche sogar Milliarden an, wie willst ein solch großes Geldvolumen bar im Tresor aufbewahren?
Von dem abgesehen: Erstens kann man zig Millionen Euro nicht so einfach von der Bank abheben.
Zweitens birgt der Geldtransport und die Aufbewahrung zu Hause auch ein gewisses Risiko - Verkehrsunfall, Überfall, Einbruch zum Beispiel.

Und meine Vermutung ist, dass Aktien oder Derivate - Alternativanlagen - einigen vielleicht momentan zu heiß sind.

weil manche Fonds (Pensionsfonds) gesetzlich verpflichtet sind einen gewissen Teil in Staatsanleihen zu veranlagen.

dazu kommt

dass die Anteilsscheine an solchen Fonds ihrerseits ein Handelsgut sind. Man nehme etwa den ESPA Bond Euro-Mündelrent. Der investiert in österr. Anleihen (Bundesanleihen u.ä.). Wenn man sich jetzt die Wertentwicklung dieses Fonds anschaut, speziell im letzten Jahr, dann wird klar, warum solche Fonds derzeit durchaus nicht ohne Reiz für Anleger sind.

Für den Tresor muss man auch

erst mal zahlen, egal ob man ihn kauft oder mietet.

man kann es auch

als verwertungskrise des kapitals sehen.
(oder einfacher formuliert: geld wäre da, nur falsch verteilt).

könnte vielleicht noch jemand auf den recht naheliegenden umstand hinweisen,

dass die problemländer deshalb so hohe zinsen zahlen müssen, weil investoren ihre anleihen meiden und wir negativzinsen kriegen, weil die investoren ja schließlich irgendwo hin müssen mit ihrem geld und im tresor horten immer noch lagerungskosten verursacht (größeren tresor kaufen, wachdienst einstellen, versicherung abschließen,...)?

mit anderen worten: wenn spanien&co nicht diese hohen zinsen hätten, würden wir auch höhere haben. nur eingebildete chauvinisten glauben, das habe etwas mit unserer nachhaltigen fiskalpolitik zu tun - spanien hat immer noch weniger schulden als deutschland.

Es kommt nicht auf die Höhe der Schulden an, sondern darauf ob man dem Schuldner auch zutraut, diese ordnungsgemäß zu tilgen, also auf die Bonität. Und das hat wiederum sehr wohl mit der Fiskalpolitik zu tun.

Wenn Bill Gates einen Milliardenkredit aufnähme, würde er erheblich bessere Konditionen bekommen, als wenn du oder ich ein paar Millionen haben wollten (abgesehen davon, dass wir die wohl kaum bekämen).

Für Buchgeld braucht man einen Tresor? Interessante These.

Will ich auch!

Der Staat ist doch das Volk! Wenns ums zahlen und haften geht auf jeden fall. Deswegen hätte ich auch gerne solche Konditionen bei meinem Kredit!

die sogenannte schuldenkrise ist ein selbstmord-unternehmen der finanzindustrie (FI). junkies kommen auf die irrsten ideen, wie sie zu ihrer droge und zu dosis-steigerungen kommen können, ohne rücksicht auf verluste, selbst auf den selbsterhaltungstrieb.

der junkie FI nimmt allerdings die menschheit und den planeten in ihren goldenen schuss mit. wenn wir uns nicht unverzüglich zum widerstand entscheiden, sind wir an unserem schicksal selbst schuld.

die FI muss entmachtet werden, indem ihrer erpressung und ausbeutung der 99% ein ende gesetzt wird:

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN für alle.

den text lese ich jetzt seit wochen...

...- mgl. manchmal etwas modifiziert -
bei praktisch allen artikeln die irgendwas mit geld, eu, schuldenkrise, ezb oder dgl. zu tun haben.
absolut unabhängig vom inhalt (!):
langsam sinkt der neuigkeitswert insb. für häufige standardleser doch merklich.
und:
dieser artikel über zinsstrukturen hat diesmal wieder mal extrem wenig mit dem monoton ins spiel gebrachten bedingungslosem grundeinkommen zu tun. daran kann auch der vorgeschaltete immerwährend gleiche versuch einer überleitung bzw. "argumentationskette" nichts ändern, die ja scheinbar für alle geld/finanz/schulden-artikel gleichermaßen passen soll...

ich bedaure aufrichtig, dass sie sich durch meine postings gelangweilt fühlen und gebe zu, dass sich in ihnen das wesentliche wiederholt.

der standard lässt information über das BGE nur im online-forum zu - im gegensatz zu allen grossen medien der schweiz und deutschlands. diesen boykott beantworte ich mit einer aufklärungs- kampagne.

auch negative reaktionen wie die ihre beweisen, dass meine postings gelesen und teilweise auch reflektiert werden. immer wieder wird jemand angeregt, sich im internet näher zu informieren.

das entspricht meinen erwartungen unter den herrschenden BGE-boykott-bedingungen. trotz derselben ist es auch hier zur gründung einer BGE-partei gekommen. die piraten arbeiten an einem entsprechenden modell, so wie attac/österreich und andere parteiunabhängige gruppen.

http://www.pro-grundeinkommen.at/

bereits mehr als 6000 unterschriften.

endlich mal eine Erklärung

BGE macht nur Sinn bei einer Flat-Tax. Solange es die Steuerprogression gibt, ist der Anreiz nicht zu arbeiten grösser als einen etwas besseren Job anzunehmen. Bei einer konstanten Steuerbelastung führt BGE zu höheren Einkommen, da dann Unternehmen automatisch über dem BGE bezahlen müssen um Arbeitskräfte anzulocken. Die Frage ist rein mathematisch: kann bei niedrigerem Steueraufkommen ein BGE querfinanziert werden? Und politisch: Will der Staat überhaupt soviele wohlhabende Menschen ausserhalb seines Systems und seiner Kontrolle? Solange es keine Steuerdemokratie gibt und die Verwaltung die Steuern festlegt, solange wird die Gemeinschaft kein BGE finanzieren.

Pervers!

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