Plötzlich ist das Risiko beim Steuerzahler

Interview18. Juli 2012, 08:56
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Die Demokratie kommt Heiner Ganßmann im Krisen­taumel zu kurz. Die Banker-Rechnung "Hohe Risiken gegen saftige Boni" gehe nicht auf

Unternehmer riskieren Vermögen, weshalb sie für ihre Verantwortung belohnt werden müssen: So rechtfertigen Führungskräfte - derzeit besonders aktuell in der Finanzbranche - ihre saftigen Gehälter und Boni. Dabei begeben sie sich nicht in wirkliche Gefahr, denn die Risiken werden weitergegeben, moniert der Wirtschaftssoziologe Heiner Ganßmann.

derStandard.at: Sie haben den risikobereiten Unternehmer aufs Korn genommen. Was interessiert Sie an dieser Spezies?

Ganßmann: Was mich eigentlich interessiert, ist die Frage von Risiko im Unterschied zu Unsicherheit und wie weit man die Risiken kalkulieren kann. Im Zusammenhang mit der Finanzkrise hat man versucht, bei Finanzprodukten wie Derivaten Risiken auf eine Weise zu kalkulieren, die eigentlich nicht geht.

derStandard.at: Unternehmer riskieren ganze Vermögen, weshalb sie für ihre Verantwortung belohnt werden - so erklären Führungskräfte auch und gerade in der Finanzbranche ihre saftigen Gehälter und Boni. An dieser Einschätzung haben Sie offenbar einiges auszusetzen.

Ganßmann: Das ist eine zu pauschale Rechtfertigung für das, was passiert. Wenn es eben nicht um Risiko geht, sondern einfach darum, Marktchancen auszunutzen, und ein Unternehmer nicht sein eigenes Vermögen riskiert, dann ist diese Rechtfertigung nicht mehr in Ordnung.

derStandard.at: Die weiche Landung nach dem Fall, fasst ein deutsches Medium Ihre Einschätzung in Worte. Woran würden Sie das konkret festmachen?

Ganßmann: Bei den Finanzmärkten wäre ein Beispiel der Umbau der Investmentbanken an der Wall Street von Partnerschaften zu Aktiengesellschaften. Vorher haben die Banker, wenn sie Partner in der Firma waren, selbst mit ihrem Vermögen mitgehaftet. Wenn man eine Aktiengesellschaft hat, hat man einen Manager, der sich einen goldenen Fallschirm bauen lässt, falls er rausfliegt. Das Risiko geht an die Aktionäre und an den Rest der Welt. Es bleibt nicht bei den Leuten, die die Risiken eingehen, und das ist eine gefährliche Konstellation.

derStandard.at: Sie beschreiben den Weg des Risikos vom US-Häusermarkt zur Staatsschuldenkrise. Am Ende landet das Risiko beim Steuerzahler - fast wäre man versucht, nach dieser Logik eine Risikoprämie für den Steuerzahler zu wünschen.

Ganßmann: Es wird jetzt ohnedies heftig über Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer und dergleichen diskutiert. Man kann schauen, ob die wohlhabende Spitze der Gesellschaft nicht etwas stärker in die Verantwortung genommen und dadurch der Rest entlastet werden kann. Das wäre auch aus anderen Gründen diskussionswürdig, wenn man etwa beobachtet, dass in Deutschland der Lohnanteil am Volkseinkommen in den letzten 20 Jahren stetig gesunken ist. Die Früchte dieser Umverteilung sind eben bei dem obersten einen Prozent gelandet.

derStandard.at: In Island hatte der Steuerzahler ein Wörtchen bei der Übernahme des Risikos mitzureden.

Ganßmann: Dort durften die Wähler vor ein paar Jahren die Zustimmung zur Übernahme der Bankschulden durch ihren Staat verweigern. Und dort ist das Risiko wenigstens teilweise geblieben, wo es hingehört. Glückliches Island. Das Beispiel ist mir eingefallen, weil man sich in der jetzigen Situation auch Sorgen um die Demokratie machen muss. Die Wähler und Wählerinnen haben in diesen Fragen nicht nur nichts zu entscheiden, ihnen werden auch keine Entscheidungen erklärt. Alles wird immer als alternativlos hingestellt.

derStandard.at: Sie finden, die Bürger reden zu wenig mit?

Ganßmann: Am Anfang der Demokratie in Großbritannien und England stand der Kampf des Parlaments um die Frage der Besteuerung. Das war der Auslöser für eine politische Entwicklung, die wir alle schätzen, nämlich dass wir parlamentarische Demokratien haben. Wenn man das jetzt auf dem Weg nach Europa sozusagen hinter sich lässt, dann geht das nicht. Dazu gehört Aufklärung, das heißt, man muss auch Alternativen aufzeigen zu dem, was der herrschende Diskurs ist. Letztlich geht es auch darum, die Wählerinnen und Wähler kompetenter zu machen.

derStandard.at: In der Finanzbranche, so scheint der Konsens heute, sind die ganz bösen Buben und Mädchen unterwegs. Ist das so?

Ganßmann: Ich teile nicht die Auffassung, dass die bösen Buben in der Finanzbranche sitzen und vor lauter Gier vergessen, was sonst in der Welt passiert. Solche Leute gibt es, aber das ist nicht das Hauptproblem. Das ist für mich keine Moralfrage, sondern man muss das Feld genügend eingrenzen und Sicherheiten einbauen.

derStandard.at: Was hindert die Politiker daran, die nötigen Schranken zu setzen?

Ganßmann: Das Problem ist, dass die Politiker von vielen Dingen auch nicht viel verstehen. Bei den Zentralbanken oder bei den Aufsichtsbehörden etwa sind immer Leute zugange, die in der Finanzwelt denselben Hintergrund haben. In den USA ist das besonders eklatant: Das ist praktisch eine Dauerbesetzung aus dem Hause Goldman Sachs, die auch für die Aufsicht verantwortlich ist. Die meisten Politiker knien sich nicht genug in die Materie und überlassen das den Experten. Dann kommt - wo es um Risikoeingrenzung geht - nicht die Regulierung raus, die wir eigentlich bräuchten.

derStandard.at: Bestand nicht immerhin die Hoffnung, dass am Ende viele von den lukrierten Gewinnen profitieren?

Ganßmann: Die Rechtfertigung war natürlich immer, dass die Deregulierung mehr Wachstum bringen soll und das Risiko global - wie heißt das so schön - diversifiziert und dadurch entschärft wird. Das hat aber einfach nicht geklappt. (Regina Bruckner, derStandard.at, 18.7.2012)

Heiner Ganßmann, Jg. 1944, ist emeritierter Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Zuletzt erschien von ihm "Doing Money. Elementary Monetary Theory from a Sociological Standpoint", New York (Routledge) 2011.

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    Hohes Risiko - saftiges Gehalt, so lautet gemeinhin die Erklärung. Nicht jeder hält sie für richtig.

  • Ganßmann: "In Island durften die Wähler vor ein paar Jahren die Zustimmung zur Übernahme der Bankschulden durch ihren Staat verweigern. Dort ist das Risiko wenigstens teilweise geblieben, wo es hingehört."
    foto: privat

    Ganßmann: "In Island durften die Wähler vor ein paar Jahren die Zustimmung zur Übernahme der Bankschulden durch ihren Staat verweigern. Dort ist das Risiko wenigstens teilweise geblieben, wo es hingehört."

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