London pfeift auf olympischen Gedanken

17. Juli 2012, 12:56
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Die Stadt macht Jagd auf Kneipen und Händler, die lizenzlos mit Olympia werben. Bronze-Fritten und Gold-Burger sind ein No-Go

Wenn es ums Geld geht, ist der olympische Gedanke schnell vergessen. Die Organisatoren der weltgrößten Sportveranstaltung machen seit Montag Jagd auf jene Unternehmen, die mit Olympia werben, ohne dafür bezahlt zu haben. 300 Mitarbeiter der zuständigen britischen Behörde Olympic Delivery Authority (ODA) durchkämmen London auf der Suche nach Firmen, die mit Signalwörtern wie "silver", "gold" oder "London" werben. Kosten kann die Übeltäter das bis zu 20.000 Pfund (25.400 Euro).

1,4 Milliarden wiegen schwer

Denn es geht um viel Geld. Sowohl für den Austragungsort London als auch für das Internationale Olympische Komitee (IOC). Jeweils 700 Millionen Pfund fließen von den Sponsoren an die beiden Trägerinstitutionen, um offiziell Werbepartner der Spiele zu sein. Im Falle der Stadt sind das unter anderen Adidas, British Telecom und Électricité de France. Geld an das IOC, das seit 1896 schon 29 Sommerspiele veranstaltet hat, kommt etwa von Coca-Cola, Visa und Procter & Gamble.

Viele Partner des Komitees sind Langzeitpartner. So sponsert der US-Brausekonzern die Spiele seit 1928. Kritiker halten diesen Umstand auch für maßgeblich für die Entscheidung, angesichts des 100-Jahre-Olympia-Jubiläums 1996 die Spiele nicht in Griechenland - wo die olympische Idee ihren Ursprung nahm - zu veranstalten, sondern in Atlanta, Georgia, wo Coca-Cola seinen Hauptsitz hat.

Die 1,4 Milliarden Pfund, die die Großkonzerne beisteuern, wiegen jedenfalls schwer. Sie steuern damit über zwölf Prozent des 11,4 Milliarden Pfund schweren Budgets der Spiele bei. Allein Adidas sponsert 100 Millionen Pfund. Den Interessen ihrer Geldgeber wollen die Organisatoren daher mit Nachdruck Gehör verschaffen. Die 300 "Markenpolizisten" haben das Recht, während der Spiele unangekündigt Geschäfte und Büros zu untersuchen und unerlaubte Werbeaktionen vor Gericht zu bringen. Am Radar der in magentafarbene Kleidung gehüllten Fahnder stehen dabei auch fragwürdige Wörter wie "summer" oder eben "London".

Public Viewing erschwert

Aber damit nicht genug, die Organisatoren wollen den Wirten sogar die korrekte Version des "Public Viewing" vorschreiben. So sei es verboten, auf Hinweistafeln für Liveübertragungen zu werben, wenn von den Schildern Sujets herunterlächeln, deren dazugehörige Marken nicht auf der Olympia-Paylist stehen. Einen "Gold"-Burger dazu darf die Kneipe auch nicht servieren. An den Sportstätten selbst geht man noch strikter vor. So wurde es 800 Händlern verboten, Pommes frites zu verkaufen, um die bei McDonald's liegenden Rechte für das einzig wahre Fast Food zu schützen. Und schließlich muss auch der Luftraum über London werbefrei sein - zumindest für Nichtsponsoren.

Die Werbebranche selbst sieht den Markenfeldzug, den man auch von anderen Großveranstaltungen wie der Fußball-WM kennt, kritisch. "Das ist das drakonischste Gesetz, das es je vor Olympischen Spielen gegeben hat", wird Marina Palomba von der McCann Worldgroup in der britischen Zeitung "Independent" zitiert.

Wer zahlt, schafft an

Die Organisatoren, die hinter dieser Art "Olympia-Gesetz" stehen, sind im London Organising Committee of the Olympic Games (LOCOG) zusammengefasst. Sie sehen die Regelung als notwendig an, um den Werbewert ihrer Sponsoren zu sichern: "Menschen, die sich um die gleichen Vorteile bemühen, ohne dafür zahlen zu wollen, indem sie Ambush Marketing (Schmarotzermarketing, Anm.) betreiben oder gefälschte Produkte vertreiben, berauben die Spiele nachhaltig ihrer Einnahmen."

Und während dieser Tage die Markenpolizisten "London"- Spritzer und "Bronze"-Fritten ahnden, gehen den Sicherheitstruppen die Männer und Frauen aus. Da der Security-Firma G4S nun tausende Mitarbeiter fehlen, holt man 3.500 Soldaten aus dem Urlaub.

Absurdes Umgehen mit Social Media

Vielleicht rechtfertigen die Markenpolizisten aber doch ihre Zahl - oder sind gar unterbesetzt. Denn die Spielemacher wollen die Vermarktungsrechte ganz strikt auslegen und sogar vor den Fans nicht haltmachen. Ihnen will man nicht nur untersagen, Bilder von im Stadion fotografierten Athleten in sozialen Netzwerken online zu stellen, sie dürfen auch keine Bilder von Zuschauern - die beispielsweise eine "La-Ola-Welle" durchführen - auf Facebook oder Twitter veröffentlichen. Ein Grund hierfür: die Wahrung der Markenexklusivität. Schließlich könnte ja ein Fan Accessoires oder Kleidung eines Nichtsponsors tragen. Es heißt für Sportbegeisterte also, das Pepsi-T-Shirt zu Hause zu lassen. (Hermann Sussitz, derStandard.at, 17.7.2012)

Wissen

Verbotene Worte bzw. Wortkombinationen sind auch "Games", "Two Thousand and Twelve", "2012", "Twenty-Twelve". Und zum Thema Social Media: Sportler müssen sich an noch striktere Regeln halten. Selbst eine "Habe gewonnen"-Nachricht ist nicht erlaubt. Einen interaktiven Medaillenspiegel gibt es hier.

  • Die Olympia-Maskottchen Wenlock (rechts) und Mandeville darf man auf einem T-Shirt honorarfrei nicht abbilden. Diese Plüschexemplare kommen übrigens aus China, 500.000 fanden ihren Weg (legal) nach London.
    foto: epa/ gk zhou

    Die Olympia-Maskottchen Wenlock (rechts) und Mandeville darf man auf einem T-Shirt honorarfrei nicht abbilden. Diese Plüschexemplare kommen übrigens aus China, 500.000 fanden ihren Weg (legal) nach London.

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    Ob dieses T-Shirt verboten ist, ist Auslegungssache.

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    Gleiches gilt für den Affen mit seinen Ringen.

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