Der Samenräuber, der die Palme rettete

16. Juli 2012, 21:08
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Agutis beklauen ihre Artgenossen und sichern das Überleben eines tropischen Baums

Washington/Wien - Eigentlich sollte die Schwarze Palme längst ausgestorben sein. Der Grund dafür ist nicht ganz trivial: Der in Mittelamerika heimische Baum produziert nämlich orangefarbene fleischige Früchte, die bis zu zehn Zentimeter groß sind und vor vielen tausend Jahren dem Mastodon und anderen Riesentieren der Eiszeit als Nahrung dienten. Die bis zu fünf sehr großen Samen pro Frucht wurden von den Großsäugern unverdaut ausgeschieden - und auf diese Weise verbreitet.

Die Riesen der Eiszeit sind seit mehr als 10.000 Jahren ausgestorben, allein: Die Schwarze Palme breitete sich weiter prächtig aus. "Bleibt das Mysterium, wie dieser Baum seit mehr als 10.000 Jahren überlebte", sagt Roland Kays, Zoologe an der North Carolina State University, der nun eine mögliche Lösung der Frage gefunden haben dürfte - und zwar in Gestalt eines putzigen Nagetiers mit einer eher verwerflichen Charaktereigenschaft.

Bekannt war den Biologen, dass die mit den Meerschweinchen verwandten Agutis die Samen der Palme als eiserne Reserve in Futterdepots nahe dem Stamm vergraben. Doch wie kommen die Samen so weit weg, damit sie auch keimen und wachsen können?

Um diese Frage zu beantworten, trieben Kays und seine Kollegen einigen Aufwand: Sie statteten 589 Palmensamen mit winzigen Funksendern aus und legten sie auf einer künstlichen Insel im Panama-Kanal aus. Zudem wurden dort Videokameras installiert und einige der 16 katzengroßen Tiere auf der Insel mit einem Funksender versehen. Die Forscher konnten auf diese Weise das Schicksal von 409 der 589 Samen verfolgen, der Rest wurde gefressen oder ging verloren.

Die Überwachung per Sender und Video lieferte Kays und seinen Kollegen einige überraschende Erkenntnisse, von denen sie im Fachblatt "PNAS" berichten. Zum Ersten zeigte sich, dass Agutis notorische Diebe sind: Alle überwachten Tiere haben Futterdepots ihrer Kollegen geplündert und sind selbst beklaut worden. Nicht einmal jedes sechste Lager sei von jenem Tier leer gefressen worden, das es auch angelegt hatte.

Zum Zweiten scheint den Agutis das Versteck- und Beklau-Spiel Spaß zu machen: Ein Same wurde insgesamt 36-mal versteckt, bevor er 209 Tage nach Beginn des Experiments gefressen wurde. Zum Dritten schließlich kommt es dadurch zu einer außergewöhnlichen guten Verbreitung der möglichen Keimlinge: 35 Prozent davon wurden im Beobachtungszeitraum mehr als 100 Meter von der betreffenden Palme wegtransportiert; der 36-mal umgesiedelte Same sogar insgesamt 749 Meter beziehungsweise 280 Meter vom Ausgangspunkt entfernt.

Für die Forscher ist damit offensichtlich, dass die Nagetiere ein effektiver Ersatz für die ursprüngliche Verbreitung großer Samen durch eiszeitliche Riesensäuger sind. Und so dürfte dank der Agutis das Überleben der Palmen auch gesichert sein, wenn es für die Bäume notwendig werden sollte, aufgrund des Klimawandels "weiterzuwandern". (tasch, DER STANDARD, 17.7.2012)

  • Ein Aguti mit Früchten der Schwarzen Palme: Das diebische Nagetier sorgt für die Verbreitung der Baumsamen.
    foto: christian ziegler

    Ein Aguti mit Früchten der Schwarzen Palme: Das diebische Nagetier sorgt für die Verbreitung der Baumsamen.

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