Teure Mieten in der Wiener City: Bücher müssen Uhren weichen

16. Juli 2012, 19:44
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Kohlmarkt für alteingesessene Geschäfte unleistbar

Wien - In Kürze wird die Buchhandlung J. Berger am Kohlmarkt in der Wiener Innenstadt schließen. Ihr Ende kam unspektakulär: Geschäftsführer Gottfried Berger war letzten Winter gestorben, die Weiterführung ist bei einer Geschäftsgröße von knapp 30 m2 (inkl. Büro) nicht mehr rentabel, vor allem nicht, wenn die Miete sukzessive "auf das Niveau der ortsüblichen Mietpreise angehoben wird", wie ein Freund der Besitzerfamilie es leidenschaftslos ausdrückt.

Ortsüblich bedeutet so viel wie unbezahlbar. Nun ist es ja nicht so, dass der Kohlmarkt erst vor Kurzem in den Ruf einer wenn auch Internationalität nur imitierenden Luxusmeile gekommen ist. Spätestens ab der Errichtung der Hofburg haben die Kohlenhändler den k.u.k. Detailhändlern Platz gemacht. Er wurde zur Adresse für Demel, Goldman & Salatsch, Rozet und Fischmeister und andere mehr. Das kleine, feine Buchgeschäft, das sich mit besonderen Schaufenster-Arrangements um sein Publikum bemühte, wurde seit 1931 von der Familie Berger geführt.

Breitling als möglicher Ersatz

Einziehen soll nun Breitling. Man wird dann in hundert Metern Umkreis gerade noch ein Buchgeschäft vorfinden, keinen Zeitschriftenladen mehr, aber dafür rund zwei Dutzend Läden, in denen jeder, der wissen will, wie spät es ist, Uhren um bis zu einer halben Million kaufen kann. Und irgendwann werden auch die letzten Läden für den Bedarf, mit dem Wien so gern für sich wirbt ("Kultur"), Geschichte geworden sein.

Wer noch einen Geschmack davon bekommen will: Bei Berger ist Ausverkauf. (Michael Freund, DER STANDARD, 17.7.2012)

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    Diese Kombination aus Kupferstich und Radierung von Carl Schuetz zeigt den Kohlmarkt im Jahre 1786. Heute ist er eine der bekanntesten Luxusmeilen Wiens.

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