"Bild-Gegen-Bild": Auf Spurensuche im Wust der gepixelten Bilder

  • Als der "war on terror" nicht nur CNN in Atem hielt: Video von Omar Fast
 ("CNN Concatenated", 2002) im Münchner Haus der Kunst.
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    Als der "war on terror" nicht nur CNN in Atem hielt: Video von Omar Fast ("CNN Concatenated", 2002) im Münchner Haus der Kunst.

Eine Ausstellung in München illustriert die vielfältigen Möglichkeiten der Manipulation - Immer öfter "verhält" sich die Wirklichkeit so, wie es die Bildverwertungsagenturen gern hätten

Vor zwei Jahren zog jeden Freitag nach dem Gebet eine überschaubare Zahl Palästinenser durch die Felder unterhalb ihres Dorfs. Sie protestierten an den Eingängen des israelischen "Sicherheitszauns". Ein paar Ältere skandierten in wackeligem Englisch Parolen, die Jüngeren warfen Steine auf die Armee, die sich jenseits des Zauns formierte: im Ganzen vielleicht 25 Palästinenser. Darum herum wuselten Aktivisten aus den USA sowie Europäer, die von der Sache des unterdrückten Volkes schwärmten.

Auf einer kleinen Anhöhe, durch den Wind vor den Tränengasschwaden geschützt, standen drei Dutzend Fotografen, Reporter und Kameramänner: Zeugen eines Rituals. Wären die Reporter einmal nicht gekommen, hätten die Bewohner ihre Proteste vielleicht gezügelt. Und kein Dorfbewohner hätte sterben müssen: Einer verblutete, nachdem ihm eine Tränengasgranate die Arterie zerfetzt hatte.

Wunsch nach Authentizität

Die Währung des Protests, der Sinn, für den die Ortsbewohner ihre Gesundheit riskierten, waren die Bilder, die von Leid und Ungerechtigkeit erzählten. Palästinenser provozierten den ungleichen Kampf, nahmen sogar den Tod in Kauf, damit Bilder gemacht würden. Alle miteinander waren meilenweit entfernt von Susan Sonntags Idealtypisierung, die in jeder Fotografie den Wunsch nach Authentizität verewigt spürt: "... dass sich der Fotograf im Haus der Liebe oder des Todes wie ein Spion bewegt und dass diejenigen, die er fotografiert, von der Kamera nichts ahnen, dass sie nicht auf der Hut sind."

Wenn jetzt im Münchner Haus der Kunst die Ausstellung Bild-Gegen-Bild gezeigt wird, dann wirft sie explizit Fragen auf zu jenen Ereignissen, die durch Bilder präsentiert und "erschaffen" werden, Fragen nach der Aussagekraft, nach Zielen, Informationsgehalt und Agenda der Fotografie in Kriegen und Konflikten.

Ein wenig konnte man sich bei den Pressetexten vor dem Erklärbär fürchten, der vielleicht ins Haus der Kunst Einzug gehalten hätte. Statt unangenehmer Pädagogisierung gelingt es den Künstlern aber häufig, auf intelligente Weise hinter die Bilderproduktion zu schauen. So stellt etwa Sean Sneyder fest, dass sowohl Al-Qaida wie auch das US-Verteidigungsministerium eine ähnliche Art pixeliger Unschärfe verwenden. Authentizität soll durch amateurhafte Ästhetik suggeriert werden, genauere Informationen sollen vorenthalten bleiben.

Blick auf Tod und Leben

Trevor Paglen sucht im Himmel und auf Erden nach Bildmaschinen: Er spürt Drohnen und Satelliten auf, schließlich werden die asymmetrischen Kriege (und wohl auch der Alltag) hochtechnisiert aus der Luft beobachtet. Die Macht über die Bilder ist auch die Macht über Leben.

Wie so häufig blickt Harun Farocki genau hin und entdeckt in Computersimulationen einen Unterschied in der Vor- und Nachbereitung realer Kriegsszenarien: Bei der Schulung soll die virtuelle Bilderwelt helfen, Hemmungen zu überwinden. Die Computerspielästhetik der Nachbereitung ist ähnlich, nur fehlt den Dingen der Schatten: Das US-Militär spart Geld bei der Programmierung.

Nicht ganz eindeutig ist dagegen Ahlam Shiblis Arbeit über die mehrheitlich beduinischen Fährtenleser, die freiwillig der Israelischen Armee dienen, um sich nach ihrem Wehrdienst ein Stück Land kaufen zu können. Shibli erklärt, dass sie erhebliche Schwierigkeiten bei der Arbeit hatte. Ihre distanzierte und nüchterne Bildsprache sei der Versuch, "die Urteile meiner Gesellschaft" über ihre Landsleute auszublenden, auch psychologische Hilfe habe sie in Anspruch nehmen müssen.

Unerwähnt bleibt, dass die Beduinen nicht nur unter der israelischen Besatzung und den fanatischen Siedlern zu leiden haben, sondern auch unter dem Rassismus der Palästinenser. Shibli ist hier einer absurden Konstellation auf der Spur, indem sie dokumentiert, dass Menschen am unteren Rand der palästinensischen Gesellschaft dem "Erzfeind" dienen, um wenigstens ein bisschen soziale Sicherheit zu gewinnen.

Neben erwartbaren Arbeiten zur bekannt bizarren Medienwelt der USA legt die Ausstellung einiges Augenmerk auf den Jugoslawienkrieg. Insbesondere die explizite Frage nach der moralischen Rolle des Fotografen in Jasmila Z banics Film über ihre Freundin Bilja ist interessant: An einer Straßenecke im besetzten Sarajevo hatte sie Luc Delahaye abgelichtet. Kurz vorher war eine Granate explodiert, die Biljas Vater tötete sowie auch den Hund, den Bilja trug. Sie selbst überlebte schwer verletzt und blutend.

Nachdem Delahaye drei Filme belichtet und wieder zurückgespult hatte, ging er weiter. Vielleicht mit der Gewissheit, ein Bild im Gepäck zu haben, dass die Empörung über die Besetzung der Stadt durch die Jugoslawische Volksarmee schüren würde, vielleicht in der Hoffnung, dokumentieren zu können, wie schlimm es um die Zivilbevölkerung stand, die als Geisel im Bosnienkrieg gefangen war. Auf jeden Fall aber ging er, ohne erste Hilfe geleistet zu haben. Zbanic sieht darin einen Typus des Kriegsfotografen.

Die Geschichte der Kriegsfotografie ist eben eine Geschichte der arrangierten, der intentionalen Bildersprache. (Lennart Laberenz aus München, DER STANDARD, 17.7.2012)

Link

Ausstellung Bild-Gegen-Bild bis 16. 9. im Münchner Haus der Kunst.

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