Es fährt ein Intercity nach Nirgendwo

16. Juli 2012, 18:20
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Nach langen Verhandlungen hat sich die ÖBB bereiterklärt, schnelle Züge im Bahnhof Tullnerfeld halten zu lassen - Der steht an der neuen Westbahntrasse und ist ein Experiment: Weil rundherum nichts ist, müssen die Zubringer besonders leistungsfähig sein

Wien / St. Pölten - Wenn der niederösterreichische Landeshauptmann in Wien zur Pressekonferenz bittet, dann hat er etwas zur Chefsache erklärt. Diesmal ging es dabei um die scheinbar banale Frage, ob im neu errichteten Bahnhof Tullnerfeld schnelle Züge stehen bleiben sollen. Um die Antwort vorwegzunehmen: Das tun sie. Dem Ja der ÖBB gingen aber monatelange Verhandlungen voraus, denn ursprünglich sollten nur der Regionalexpress und die S-Bahn auf dem 20-Millionen-Bahnhof entlang der neuen Westbahntrasse haltmachen.

Am Montag verkündeten nun Landeshauptmann Erwin Pröll (VP), Verkehrsministerin Doris Bures (SPÖ) und ÖBB-Vorstandsvorsitzender Christian Kern, dass auch schnelle Züge auf dem Bahnhof stehen bleiben werden. Konkret sind es die Intercitys der ÖBB sowie sämtliche Züge der Westbahn; die konkrete Lösung ist allerdings ziemlich österreichisch ausgefallen: Die Züge der ÖBB halten nur in der Fahrtrichtung Wien-Salzburg, die der Westbahn nur in Fahrtrichtung Salzburg - Wien.

Akt der Fairness

Die Lösung entstand, da sich die ÖBB anfangs geweigert hatte, den Bahnhof Tullnerfeld mit schnellen Zügen anzufahren. Niederösterreichs Verkehrslandesrat Karl Wilfing (VP) begann, mit der Westbahn zu verhandeln, die sagte zu, allerdings hätte dann wiederum der Railjet der ÖBB um einige Minuten verschoben werden müssen. Kern räumte ein, dass der private ÖBB-Konkurrent die Lösung schneller parat gehabt hätte als sein Unternehmen. Es sei "ein Akt der Fairness", sich nun den Pendlerkuchen aufzuteilen.

Eine Ticketverwirrung befürchtet der ÖBB-Chef nicht. Pendler, die im Rahmen des Verkehrsverbunds Ostregion (VOR) etwa eine Monatskarte kaufen würden, könnten ohnehin beide Bahnen benützen. Die einzige Gruppe, für die dies problematisch sein könnte, wären die Inhaber der Österreich-Card der ÖBB, die mit dieser nicht mit der Westbahn fahren dürfen. "Da gilt es eine Lösung zu suchen", räumte Kern am Montag ein.

Wien - St. Pölten: 25 Minuten

Genutzt wird die neue Westbahnstrecke (siehe Grafik) und damit auch der Bahnhof Tullnerfeld ab dem Fahrplanwechsel Anfang Dezember 2012. Die Fahrtzeit zwischen Wien und St. Pölten verkürzt sich damit auf etwa 25 Minuten, vom Bahnhof Tullnerfeld braucht man mit dem Intercity 15 Minuten in die Bundeshauptstadt. Mit dem Regionalzug wären es etwa 45 Minuten gewesen. Der Halt in Tullnerfeld bedeutet für Landeshauptmann Pröll daher eine Aufwertung "nicht nur für den Zentralraum, sondern auch für die Peripherie". Via Tullnerfeld und den neuen Wiener Hauptbahnhof sei etwa der Flughafen Wien-Schwechat künftig vom Wald- und Weinviertel aus deutlich leichter zu erreichen.

Wie viele Fahrgäste den neuen Bahnhof tatsächlich nutzen, das werde stark von der Leistungsfähigkeit der Zubringer (Bus und Regionalbahnen) abhängen, erklärte Pröll. Der Bahnhof ist so etwas wie ein Experiment, steht er doch mitten im Nirgendwo, jeweils einen guten Kilometer entfernt von umliegenden Siedlungen. Das Land hat sich jedenfalls an den Kosten für eine Park-and-ride-Anlage beteiligt, in der es 500 Auto- und 100 Radabstellplätze gibt. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 17.7.2012)

  • Der Bahnhof Tullnerfeld wird ab Dezember 2012 genutzt.
    foto: öbb/aufsichten.com

    Der Bahnhof Tullnerfeld wird ab Dezember 2012 genutzt.

  • Neben Regional- und S-Bahn-Zügen werden am Bahnhof Tullnerfeld auch Intercity- und Westbahn-Garnituren halten - allerdings nur in eine Richtung.
    foto: öbb/aufsichten.com - montage: der standard

    Neben Regional- und S-Bahn-Zügen werden am Bahnhof Tullnerfeld auch Intercity- und Westbahn-Garnituren halten - allerdings nur in eine Richtung.

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