Eine Grottenbahn von einem Terminal

Kommentar16. Juli 2012, 18:11
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Was, fragt sich der Reisende, hat an diesem Bau 800 statt 400 Millionen gekostet?

"Skylink" hieß die Terminalerweiterung am Flughafen Schwechat jahrelang, aber je fertiger sie wurde, desto anrüchiger war die Bezeichnung. Dafür hat sie jetzt gleich drei neue Namen. So fängt's an.

Viele Köche haben bekanntlich am Brei "Check-in 3" bzw. "Check-in 301 bis 399" bzw. "Austrian Star Alliance Terminal" mitgekocht. Vertreter und Versorgungsfälle von Parteien, Bundesländern, Interessenverbänden haben mitgerührt, umgeplant, Kostenumbuchungen durchgeführt, Kosten explodieren lassen, ihren Job dabei verloren, den Nächstbesten Platz gemacht und den Terminal schließlich irgendwie hingebogen. Und so schaut er auch aus.

Was, fragt sich der Reisende, hat an diesem Bau 800 statt 400 Millionen gekostet? Selbst wenn man die gesamte Verschwendung, die Schadensersatzforderungen und den Pfusch (es gilt die übliche Vermutung) abzieht, bleiben immer noch zig Millionen übrig. Wo sind die hin?

In die Rolltreppen bestimmt nicht. Die sind so schmal, dass man nicht aneinander vorbei kann. Wohl auch nicht in die verschachtelten Stiegenaufgänge - die kommen eher vom Baumarkt. Sicher auch nicht in die Wandverkleidungen und Decken, die bereits erste Risse zeigen. Und schon gar nicht in die Planung der elektrischen Steuerungssysteme und der Sicherheit. Ein Stromausfall hat ja bereits gezeigt, dass dann nichts mehr geht, weder Türen noch die Klimaanlage noch Kofferbänder oder Garagentore.

Aber vielleicht haben die üblichen Unschuldigen wenigstens in die Lenkung der Besucherströme investiert, so ziemlich das Wichtigste in einem Flughafen. Kann er da etwas Besonderes vorweisen?

Fehlanzeige. Es gibt im Unterschied zur alten Empfangshalle keine direkte Verbindung zu den Taxi-Büros. Zu Mietautos gelangt man übers freie Feld. Und die Informationsgrafik in dem klaustrophob engen Terminal ist ein einziges Trauerspiel. Fett-groteske Lettern, teils in dezentem Anthrazit, teils hellgrau auf dunklem Hintergrund, sollen wohl pfiffig sein, sind aber nur überflüssig, suboptimal lesbar und jetzt schon passé.

Ein kleines Meisterstück aber sind die Hinweise auf die Zugverbindungen - und hier zeigt sich, wie Leitsysteme immer auch Ausdruck einer geistigen Haltung sind. In jedem erwachsenen Flughafen gibt es Hinweise auf die Züge - neben der Landessprache - auf Englisch. "Trains"? In Schwechat steht nur "ÖBB", eine kleine Rätselaufgabe für internationale Gäste. Daneben eine bildliche Darstellung, die man als Zug interpretieren kann.

Aber jetzt geht's erst los. Zu "ÖBB" geht es nämlich klar nur nach links. Nach rechts geht es hingegen zu etwas, das "CAT" heißt, ein modisches Logo, in dem in der kleinstmöglichen Schrift "City Airport Train" steht. Beide Abgänge aber führen eh zu allen Bahnsteigen, und erst unten erfährt der nichts ahnende Ausländer die Abfahrtszeiten. Was er nicht erfährt: dass die eine Verbindung bloß neun Minuten länger braucht und dafür im günstigsten Fall ein Elftel der anderen kostet. Das hat mit der kleinkarierten Konkurrenz auf der Strecke zu tun. Die kann dem Besucher egal sein. Er möchte ja nur wissen, wann er wo als Nächstes zusteigen kann.

Eigentlich sollte man abreißen und neu bauen. Geht natürlich nicht. Also wird diese Grottenbahn von einem Terminal noch lange als Visitenkarte Wiens stehen bleiben. (Michael Freund, DER STANDARD, 17.7.2012)

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    Viele Köche haben bekanntlich am Brei "Check-in 3" bzw. "Check-in 301 bis 399" bzw. "Austrian Star Alliance Terminal" mitgekocht.

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