Die US-Grünen begehren gegen das Establishment auf

Frank Herrmann aus Washington
16. Juli 2012, 18:25

Nach Ralph Nader haben die Ökobewegten in den USA wieder eine charismatische Führungsfigur. Jill Stein will klassische Grün-Wähler und die Aktivisten der Occupy-Bewegung für ihre Anliegen mobilisieren. Gegen Mitt Romney ist sie bereits einmal angetreten.

Wenn Jill Stein vom Aufstieg aus dem amerikanischen Jammertal spricht, dann klingt sie bisweilen wie Franklin D. Roosevelt. Mit einem New Deal will sie die marode Infrastruktur modernisieren und massenhaft Arbeitsplätze schaffen, ähnlich wie der legendäre Präsident, der mit seinen Programmen auf die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre reagierte. Nur soll es nach Steins Ansatz ein grüner New Deal sein, verbunden mit einer ökologischen Wende. Kostenloses College-Studium, ein Abbau des Militärs, höhere Steuern für Besserverdiener, ein effektiveres Gesundheitssystem und allem voran Energiesparen, das sind die politischen Leitplanken der Grünen.

Seit Stein am Wochenende von den amerikanischen Grünen als Präsidentschaftskandidatin nominiert wurde, ist sie so etwas wie der Joker des Rennens ums Weiße Haus. Für die US-Medien mag sie "Jill Who?" sein, eine Politikerin, die außerhalb ihres Heimatstaats Massachusetts kaum jemand kennt. Im November aber könnte die 62-Jährige vom Frust linker Wähler profitieren, die 2008 all ihre Hoffnungen in Barack Obama gesetzt hatten und nun enttäuscht nach Alternativen suchen. Es wäre die Rolle Ralph Naders, des Verbraucherschutz-Anwalts, der 2000 für die Green Party 2,7 Prozent der Stimmen holte, damit Al Gore das Wasser abgrub und dem Republikaner George W. Bush eher unfreiwillig zum Einzug ins Oval Office verhalf.

Steigbügelhalterin?

Die Steigbügelhalterin der Konservativen? Ein Egotrip? Es macht Stein nichts aus, mit Nader verglichen zu werden. Im Gegenteil. Aus ihrer Sicht sind sowohl Demokraten und Republikaner "Parteien des Establishments", beide von Lobbyisten gekauft, ihren Programmen nach kaum noch zu unterscheiden. Präsident Obama, sagt Stein, habe die Politik Bushs eigentlich nur fortgesetzt, etwa mit dem Krieg in Afghanistan, milliardenschweren Rettungspaketen für Wall-Street-Banken und Freihandelsabkommen mit Staaten wie Südkorea, die amerikanische Arbeitsplätze vernichten.

Stein will vor allem das Zwei-Parteien-System aufbrechen, das die Amerikaner "mundtot" mache. "Mit Schweigen ist keine effiziente Politik zu machen", sagte Stein vor ihrem Auftritt vor 350 Anhängern in einem Hotel in Baltimore. Stein war bereits 2002 gegen Mitt Romney um den Posten des Gouverneurs von Massachusetts angetreten. Auch wenn sie ihm damals unterlag, erwarb sie sich doch Anerkennung durch einen überragenden Auftritt in einer Fernsehdebatte gegen Romney.

Es liegt an ihren Erfahrungen in der medizinischen Praxis, dass Stein in der Politik aktiv wurde. Nach dem Studium in Harvard (magna cum laude) begann sie als Kinderärztin, konfrontiert mit den Folgen einer Fast-Food-Kultur, die Fettleibigkeit zu einer Epidemie werden ließ. "Es gefiel mir nicht, wie wir unsere Kids mit Pillen vollstopften, statt bis zu den Wurzeln des Problems vorzudringen. Und irgendwann verlor ich die Geduld", erzählt sie.

Später engagierte sie sich bei einer Bürgerinitiative, um die fünf größten Dreckschleudern unter den Kohlekraftwerken von Massachusetts zu modernisieren. In Gutachten wies sie nach, welcher Schaden durch Müllverbrennung nach veralteten Standards entsteht, bedenklich hohe Emissionen von Dioxinen und Quecksilber. Nebenbei sang sie in einer Pop-Rock-Band namens "Somebody's Sister".

Occupy-Wall-Street-Ikone

Ihr zur Seite steht Cheri Honkala, eine alleinerziehende Mutter, deren Biografie sich liest, als wäre sie einem Charles-Dickens-Roman entnommen. Mit 17 bekam Cheri ihr erstes Kind, ihr Sohn Mark war neun, als das Eigenheim ihrer Mutter verpfändet wurde und auch sie auf der Straße leben musste. Eine Weile hauste sie in der Winterkälte Minnesotas in einem Auto, dann besetzte sie ein leer stehendes Haus. Heute leitet sie eine Obdachloseninitiative in Philadelphia, wo sie sich im vergangenen Herbst ums Amt des Sheriffs bewarb. Es war ein Ausrufzeichen der Occupy-Wall-Street-Bewegung, zu deren prominentesten Gesichtern Cheri Honkala zählt.

Stein wiederum hat das wichtigste Anliegen ihrer Mitstreiterin zum ersten Punkt auf der Agenda der Grünen erklärt: ein sofortiger Stopp von Zwangsvollstreckungen, damit niemand mehr sein Dach überm Kopf verliert. Stein: "Wir sind die 99 Prozent, und wir werden uns das Land zurückholen."
 (Frank Hermann, DER STANDARD, 17.6.2012)

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"Wir sind die 99 Prozent, und wir werden uns das Land zurückholen."

Schon allein dieser Größenwahn macht einem angst und bange.

wenn sie das wirklich so gesagt hat, dann ist das zumindest reichlich realitätsfremd und mehr als 1% wird sie dann auch nicht bei den wahlen gewinnen..

Erster Schritt..

in die richtige Richtung. Bei nur 2 wählbaren Kandidaten kann man nicht wirklich von Demokratie sprechen um so wichtiger ist es das "2-Parteien-System" aufzubrechen.
Stein wird bei der Wahl im November aber keine Rolle spielen, sie wird auch nicht wie von vielen Demokraten beführtet den Demokraten die Stimmen wegnehem weil sie in den Staaten in denen Obama klar vorne liegt zwar stimmen sammeln aber nicht mehr als Obama und Romney müsste in den Staaten (zb. California) erst gar nicht antreten. Ind en Staaten von Romney die Nase klar vorne hat wird Stein wohl keine bis nur sehr wenige Stimmen einholen. Und von den Pending-States braucht Obama laut Umfragen nur mehr 2-3 und Stein wird wohl nicht in jedem Pending-State so stark sein.

Worin...

... sollte dieser Schritt bestehen? Es gibt bei jeder US-Wahl Zählkandidaten, deren Hauptbedeutung darin liegt, dass sie dem Kandidaten, der Ihnen näher steht, wertvolle Stimmen kosten können.
Wenn eine Kleinpartei nicht ganz deppert ist, sollt sie das checken, und sich auf z.B einzelne aussichtsreiche Wahlkreise und Referenden an einem Election Day konzentrieren. Mit allem anderem macht man sich als Zwergpartei im US-System lächerlich und zum Steigbügelhalter der Falschen.

Demokratie

In der amerikanischen Demokratie haben Kleinparteien nichts zu sagen und die Wallstreet leistet sich zwei große Parteien, Wahlkampfclubs müsste man sagen. Das heisst, es kann gar keine echte plurale Demokratie dort geben. Diese Leute sind lächerliche Idealisten, Nader ist ein hochintegrer Mann mit politischen Ideen. Aber das ist auch schon alles. Null Chance.

Wenn sie 99% Prozent der Amerikaner vertritt,

dürfte die Dame ja kein Problem haben...

.

Die Amerikaner sind sicher nicht so dumm, Grün zu wählen und dann Parkpickerl zahlen zu müssen.
Das schaffen nur die Wiener.

grün...weil ich schmunzeln musste

god bless you!

Ich schlage vor, das Thema "Wiener Parkpickerl" als "Un-Thema des Jahres 2012" auszuzeichnen.

in Wien haben das allein die vielen FPÖ-Wähler ermöglicht ;-)

Wird wohl nur den Reps helfen und dann verpuffen.

Eine wirkliche Wende könnte nur ein gestärkter Obama mit einer neuerlichen Mehrheit im Parlament bringen. So ist das leider sehr unwahrscheinlich.

ich fände es ganz interessant, wenn es in den einzelnen staaten stichwahlen gäbe, wenn kein kandidat mehr als die hälfte der stimmen erreicht.

dann bräuchten sich kleinparteien keine solchen vorwürfe mehr anhören, und niemand müsste taktisch eine großpartei wählen.

Was bringt´s

selbst wenn die Dame Präsidentin wird?

Die beiden Parteien, Demokraten und Republikaner beherrschen den Sent und das Repräsentantenhaus und würden alles zu Fall bringen was sie ändern will.

Sieht man doch jetzt schon an der Fundamentalopposition die von den Republikanern betrieben wird.

meine Stimme haette die Dame. Sie wirbt fuer ein Program fuer das schon Obama in der Vergangenheit geworben hat.
Zwei Dinge sind sicher:
1. jeder rationale Europaer wuerde sie wahlen, Amerikaner eher nicht, weil sie Angst vor der linken Gefahr haben
2. die wenigen Stimmen, die sie sammeln wird koenne, wird die Chancen Obamas nochmals President zu werden, vernichten.

also momentan - lt. cnn, huffingtonpost, electoral-vote (okay, leans democratic), ist obama näher an den 270 wahlmännerstimmen, muss keinen bis zwei swingstates gewinnen. romney alle.

dass da die grünen stimmen wirklich schlagend werden, kann ich mir nicht vorstellen.

alle die für Österreich das Mehrheitswahlrecht fordern, sollten sich fragen ob sie tatsächlich amerikanische zustände wollen.

zustimmung

zudem sind die usa wesentlich "persönlichkeitswahl"geprägter, und was haben sie davon: dauerwahlkampf, politinszenierung und blockaden, weil das wahlvolk im stimmbezirk daheim alle abwählt, die kompromisse eingehen.

nicht, dass unsere demokratie perfekt wäre - aber manche reformvorschläge wirken dort, wo sie realität sind, alles andere als überzeugend (weshalb ich auch das aktuelle begehren nicht unterstützt hab)

wäre ein gute alternative und würde dieses total marode heruntergekommene land mittelfristig wohl tatsächlich vor dem niedergang bewahren.

es wäre allerdings zuviel von den amis verlangt auch nur einen zentimeter weiterzudenken (allerdings auch von den europäern).

An dieser Stelle gerne nochmal mein Posting vom anderen Artikel: "Ein gutes Ticket der Grünen" ...

Stein/Honkala ist aber chancenlos, da die Green Party ihr ganzes Geld für den "ballot access" ausgeben muss, also rein dafür um in vielen Bundesstaaten auf dem Wahlzettel zu stehen.

Eigentlich sieht es momentan recht gut aus, am Ende könnten sie in ca. 40 Staaten auf dem Stimmzettel sein. Danach werden sie aber finanziell zwischen der Obama- und Romney-Kampagne und deren Helfers-Helfern zerrieben. Mehr als 1-2% werden nicht drin sein.

Gilt auch für Gary Johnson (Libertarian Party), Virgil Goode (Constitution Party) und Rocky Anderson (Justice Party), die allerdings in ihren Heimatstaaten New Mexico, Virginia und Utah einen großen Erfolg landen könnten.

Goode könnte Romney in Virginia bei einem knappen Rennen sogar den Sieg kosten.

Glücklicherweise

haben die Grünen in den US keine Chance und das ist gut so!

Faschisten, ob links, ob rechts, egal, wohin man blickt.

Na,

wenn das kein Grund ist, sich die Hände zu reiben...!

.

USA und gruen

klingt wie ein neuer Traum ano dazumal "go west". Ich wuerds der Menschheit wuenschen.

Die USA braucht eine starke linkssozialistische Partei. Das wär was.

...so notwendig

wie einen Kropf...!

.

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