Das Nashorn als Leitbild

16. Juli 2012, 18:05
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Bisher nicht nachgeschriebenes Thema aus "News" war die Herstellung einer Brücke zwischen Vizekanzler Spindelegger und einem Panzernashorn

Immer erfreulich, wenn jemand in seinem Beruf Erfüllung findet. So konnte man neulich in einem Wochenmagazin lesen: "Chefredakteur für NEWS zu sein ist für mich der spannendste Medienjob in diesem Land." Der Mann weiß, wovon er spricht, hat er mit ähnlichen Empfindungen doch schon als Chefredakteur von "Heute" gewirkt, also einen doppelten Karriereschritt hinter sich: Jetzt will er "mit Themen überraschen, über die ganz Österreich spricht", und das nicht nur banal als Chefredakteur von, sondern als "Chefredakteur für 'News'". Gab er vor drei Wochen für "News" die Losung aus, "Aufdecken, bewegen, überraschen", lautete der Befehl im Editorial der nächsten Nummer: "Anecken, polarisieren, überraschen", um zuletzt endlich mit dem Slogan zu überraschen: "Wir geben die Themen vor. Andere schreiben sie nach."

Bisher nicht nachgeschriebenes Thema der letzten Woche neben der sommerbedingten Wiederbelebung des Kalauers "Die 100 wichtigsten Österreicher" war die Herstellung einer Brücke zwischen Vizekanzler Spindelegger und einem Panzernashorn. Die damit verbundene Botschaft war so raffiniert verpackt, dass man sie ohne die Erläuterung des Chefredakteurs kaum verstanden hätte. "Wie kein anderes Magazin in diesem Land steht NEWS für die Kraft der Bilder: Unsere Fotografen dokumentieren Menschen, Landschaften, Gefühle. Ohne sie wäre jede Geschichte kalt." Um die Geschichte vom tapferen ÖVP-Obmann ein wenig anzuwärmen, dokumentierte "News": "Michael Spindelegger streichelt im Tiergarten Schönbrunn ein 1.050 Kilo schweres Nashorn. Im Interview sagt der VP-Chef passend dazu: 'Meine Haut ist dick genug, um meine Partei nach oben zu bringen.'"

"Der VP-Chef" hätte diesen Geheimtipp zur Rettung einer Partei mit kosmetischen Mitteln von sich aus niemals preisgegeben, hätte "News" - "Aufdecken, bewegen, überraschen" - diese Enthüllung nicht so geschickt eingefädelt. Das Magazin bewog den Vizekanzler, sich nach Schönbrunn zu begeben, wo - "überraschen!" - ein Fotograf die Szene dokumentierte: "Zoon politikon. Vizekanzler Michael Spindelegger füttert Panzernashorn-Weibchen "Sundari" im Tiergarten Schönbrunn." Ob sich die Beifügung "Zoon politikon" auf Sundari oder auf Spindi bezog, blieb dem politisch-zoologischen Gespür der Leser überlassen.

Erfreulich, weil Politiker es ohnehin schwerhaben: "Mit ein paar Bananen hat sich der ÖVP-Chef die Nashorndame Sundari zur dicken Freundin gemacht." Keine Frage: "Nashorndamen" würden nach diesem Coup ÖVP wählen, jedenfalls fördern sie Erkenntnis. "Sundaris Haut, sagt der Außenminister, fühlt sich wie Leder an. Kräftig, stark und dickhäutig." Das hätte Spindelegger aber noch immer nicht bewogen, den Trick zu verraten, wie er "die ÖVP nach oben bringen" will, hätte es ihm der Chefredakteur in dem der Bananenfütterung angeschlossenen Interview nicht in den Mund gelegt: "Ist Ihre Haut dick genug, um die ÖVP zu retten?" Erst dann gestand er: "Ja, sie wächst, ich habe im letzten Jahr an dicker Haut zugelegt, weil man 's sonst nicht aushält."

Wie die dicke Haut eines Parteiobmannes seine Partei retten könnte, würde sicher auch außerhalb der ÖVP interessieren, blieb aber leider ungeklärt. Zwar wurde Spindelegger vor Sundari klar, "dass bei vielen Politikern eine tiefe Sehnsucht danach da ist, wieder sachorientierte Politik zu machen", aber nicht jede Sehnsucht findet Erfüllung: "Es sind die politischen Ränder zu Zacken geworden, die versuchen, das Ganze zur Show zu machen." Was immer das heißen soll - schade!

Leider stellte sich am Ende des Interviews heraus, dass es mit der dicken Haut doch nicht so weit her ist. Auf die Erinnerung, "Eva Glawischnig (Grüne) sagte zuletzt, Josef Pröll sei moderner gewesen als Sie heute", reagierte der ÖVP-Obmann dünnhäutig wie sein Generalsekretär: "Frau Glawischnig war immer eine Marxistin - und sie ist es heute noch." Das kommt davon, wenn "die politischen Ränder zu Zacken werden, die versuchen, das Ganze zur Show zu machen."

Im ständigen Bestreben zu überraschen, hat der Chefredakteur von "News" eine Woche zuvor Erfüllung in einem ähnlich überraschenden Interview mit dem Bundeskanzler gefunden. Da war die Überraschung kein Nashorn. "Überraschungsbesuch", hieß es da. "Arnold Schwarzenegger schaute während des NEWS-Interviews mit Sohn Patrick spontan bei Kanzler Werner Faymann vorbei." Es wurden keine Bananen verfüttert. (Günter Traxler, DER STANDARD, 17.7.2012)

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