Verfahren gegen NS-Verbrecher fraglich

17. Juli 2012, 05:30
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Der mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher ist in Ungarn entdeckt worden. Dass er vor Gericht gestellt wird, ist unwahrscheinlich

Budapest - Dass László Csatáry tatsächlich in Ungarn vor Gericht gestellt wird, bezweifeln die meisten Experten. "Ich bin nicht sicher, dass es juristische Folgen haben wird mit dieser konservativen Regierung", sagte etwa der französische Nazijäger Serge Klarsfeld der Nachrichtenagentur AFP. Und auch Claudia Kuretsidis-Haider von der Forschungsstelle österreichische Nachkriegsjustiz meint: "Die Prozess-Wahrscheinlichkeit geht gegen null. Diese alten Männer finden immer einen Arzt, der ihnen Verhandlungsunfähigkeit attestiert." Trotzdem sei es wichtig, dass Csatáry gefunden wurde, meint sie: "Diese Leute sollen sich nie sicher fühlen, auch wenn sie 100 sind."

Der Ungar Csatáry ist derzeit die Nummer eins auf der Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher des Simon Wiesenthal Centers. Am Sonntagabend meldete die "Sun", ihre Reporter hätten den heute 97-Jährigen in einer Wohnung in Budapest aufgespürt und fotografiert. Der Mann habe jedoch gegenüber den Reportern die Vorwürfe zurückgewiesen.

Nach Kanada geflohen

Csatáry war während der NS-Zeit Polizeikommandant in Kosice in der ungarisch besetzten Slowakei und soll für die Deportation von fast 16. 000 Juden aus Kosice nach Auschwitz 1944 verantwortlich sein. Zudem soll er laut Zeitzeugen besonders brutal gegen die Bevölkerung vorgegangen sein.

Nach dem Krieg war Csatáry nach Kanada geflohen, 1997 verließ er das Land und tauchte unter - bis Mitarbeiter des Wiesenthal Centers im Zuge der Operation "Letzte Chance" 2011 Hinweise fanden, dass er sich in Budapest aufhalte. Mithilfe dieser Hinweise soll es auch den Sun -Reportern gelungen sein, Csatáry zu finden.

Efraim Zuroff, Direktor des Wiesenthal Centers in Jerusalem, will den ungarischen Behörden bereits 2006 Beweise geliefert haben, dass Csatáry sich in Ungarn aufhält - ohne Konsequenzen. Er hoffe, dass nun gegen Csatáry ermittelt werde, sagte Zuroff der AFP.

Für Nazijäger Klarsfeld ist die Entdeckung Csatárys nicht von großer Bedeutung: Der Ungar sei zwar die Nummer eins der Wiesenthal-Liste - das liege aber nur daran, dass die meisten flüchtigen Verbrecher bereits tot seien. "Vor 30 Jahren wäre er Nummer 3500 gewesen", so Klarsfeld. (tob, DER STANDARD, 17.7.2012)

  • László Csatáry heute.
    foto: bulls press/the sun/news international

    László Csatáry heute.

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