Syrischer Bürgerkrieg erreicht Hauptstadt

16. Juli 2012, 17:34
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Syriens Regime setzte nahe des Zentrums der Hauptstadt erstmals gepanzerte Fahrzeuge ein

Damaskus/Kairo - Schwarze Rauchsäulen mitten in Damaskus; im Machtzentrum des Assad-Regimes tobten die schwersten bewaffneten Auseinandersetzungen seit Beginn des Aufstandes im März 2011. Die Kämpfe, die am Sonntag in den Stadtteilen Tadamun, Kafr Sousa, Nahr Aisha und Sidi Qadad begonnen hatten, gingen am Montag weiter. Die Regierungstruppen und die Kämpfer der oppositionellen Freien Syrischen Armee lieferten sich heftige Gefechte in mehreren Stadtteilen. Zeitweise war die Straße zum Flughafen gesperrt. In Tadamun flohen Einwohner vor der Gewalt.

Regimetruppen mit gepanzerten Fahrzeugen, ausgerüstet mit schwerer Artillerie, sind am Montag in den Bezirk Maydan, der in unmittelbarer Nähe der Altstadt liegt, eingedrungen, um die Rebellen zu vertreiben. Maydan ist eine Hochburg der Opposition, hier kam es in den vergangenen Monaten immer wieder zu spontanen Demonstrationen. Die Sicherheitskräfte würden versuchen, diese Stadtteile zurückzugewinnen, seien bisher aber gescheitert, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London. Noch sind diese Gefechte keine echte Gefahr für das Regime, aber sie könnten die Vorboten für blutige Straßenkämpfe in der Millionenmetropole sein.

Syrien befinde sich nun in einem offenen Bürgerkrieg, und alle Seiten müssten das internationale humanitäre Recht respektieren oder Gefahr laufen, wegen Kriegsverbrechen verfolgt zu werden, erklärte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) am Montag. Bisher hatte das IKRK nur einige Hochburgen des Konflikts als Bürgerkriegszonen betrachtet. Die Genfer Konvention definiert, wie Zivilisten geschützt werden müssen und wie mit Verwundeten und Gefangenen umgegangen werden muss. Damaskus behindere schon jetzt die humanitäre Hilfe der Uno, indem Visa für europäische und amerikanische Helfer verweigert würden, bestätige der UN-Koordinator John Ging in Genf.

Russland: "Erpressung"

Mit scharfen Angriffen auf den Westen hat der russische Außenminister Sergej Lawrow den Ton für die Gespräche von UN-Vermittler Kofi Annan in Moskau vorgegeben. Die Weigerung des Westens, die Blauhelm-Mission zu verlängern, wenn Russland nicht Sanktionen unter Kapitel VII zustimme, sei Erpressung und kontraproduktiv, erklärte Lawrow. Bis Freitag muss sich der UN-Sicherheitsrat auf eine neue Resolution einigen, dann läuft das Mandat der Beobachter aus. (Astrid Frefel, DER STANDARD, 17.6.2012)

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    Regierungsgegner beim Gebet hinter Barrikaden im umkämpften Stadtteil Tadamun in Damaskus.

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