Spanischer Held, dem Spanisch ziemlich spanisch vorkommt

16. Juli 2012, 17:19
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"Tragi-erotico" nennt Lukas Kranzelbinder seine Oper "Muchogusto" - Ein Gespräch über Frauenhelden und Finanzierungsprobleme

Villach – Oper heißt das Ganze eigentlich nur, weil am Ende fast alle sterben, sagt Lukas Kranzelbinder. Wie das halt so ist in der großen Oper, wo es um Liebe und Leidenschaft geht. Um Frauen und Helden und Macht. Ansonsten, gibt der 24-jährige gebürtige Kärntner zu, hat Muchogusto zugegebenermaßen nicht rasend viel mit herkömmlicher Oper zu tun. Sondern viel mit Surf-Trash-Jazz-Improvisation, wenn sich der Held gut fühlt. Und mit elektronischer und experimenteller Musik, wenn die Heldenfassade zu bröckeln beginnt. Praktischerweise hat Kranzelbinder nicht nur die Musik, sondern auch das Libretto geschrieben; und weil die Hauptfigur Gael Muchogusto der größte spanische Frauenheld ist, mit jeder Menge Fuego im Blut, auf Spanisch. Oder eben auch wieder nicht, " denn eigentlich kann ich gar nicht wirklich Spanisch".

Nun spricht der Held ein Kauderwelsch aus Spanisch, Italienisch und Deutsch, kein Mensch versteht, was er sagt. Aber das ist sowieso völlig egal. So ist es ja immer bei Helden: "Die reden einen völligen Schmarren, aber keinen kümmert's. Niemand hört ihnen richtig zu." Das gelte für die Pop- genauso wie für Polithelden, nach deren Tod sogar die Sonnen vom Himmel fallen können.

"Gael Muchogusto ist ein Mann, auf den fliegen alle Frauen. Und alle wollen ins Bett mit ihm. Das ist die Wunschvorstellung vom Lukas", sagt Marie Steiner. Sie kennt Kranzelbinder seit Schultagen und ist zuständig für Dramaturgie, Szenerie und, gemeinsam mit Kranzelbinder, fürs Geldauftreiben: "Wir haben die Geschichte insofern erweitert, dass ihn auch Männer bewundern." Fast scheint es, als sei sie selbst verblüfft, dass sich aus all den Gedankenblitzen letztlich ein Stück hat zimmern lassen: "Lukas hat gesagt, es gibt fünf Rollen, aber nur einen Schauspieler, und den darf man nicht sehen. Das fand ich eine interessante Aufgabe. Ich habe ihm vorgeschlagen, mit Videos zu arbeiten." So kamen Christoph Parzers Videos ins Spiel.

Kranzelbinders Wunsch-Heros für die Hauptrolle hinterm Vorhang war von Anfang an der Schauspieler und Sänger Helmut Bohatsch. Der fand die Low- bis No-Budget-Produktion ein gutes Gegengewicht zu seinen Fernsehserien. Außerdem habe ihn die Thematik gereizt: "Nicht weil ich es toll finde, den größten Frauenhelden aller Zeiten zu spielen. Aber mich interessieren gebrochene Helden, wie es auch dieser Gael Muchogusto ist."

Authentisches Kauderwelsch

Bohatsch, ein blonder spanischer Held, dem allerdings Spanisch eher spanisch vorkommt: "Es ist, wie wenn man zwar Notenlesen kann, weil man Klavierspielen gelernt hat. Aber dann soll man das gleiche Stück mit der Tuba spielen, einem Instrument, von dem man keine Ahnung hat. So geht's mir. Also: Der Held ist seiner Sprache nicht mächtig. Und ich bin des Spanischen nicht mächtig."

Genau das sei es, was er wolle, sagt Kranzelbinder: "Darum ist es ja auch authentisch. Wenn jemand Spanisch könnte, müsste der sich verstellen. Denn dieses Text- und Sprachenmischmasch ist manchmal schon ganz wirr. Der Helmut kann das ungefiltert aufnehmen und wiedergeben."

Dass diese 75-minütige tragi-erotische Surfrock-Oper diesen Donnertag beim Carinthischen Sommer uraufgeführt wird, ist Kranzelbinders Sturschädel zu verdanken. Eigentlich sollte der junge Jazzer beim CS nur mit seinem Quartett auftreten. Der gerade im Entstehen begriffenen Oper erteilte der CS zunächst eine Absage. "Aber ich wollte sie unbedingt bei einem renommierten Festival uraufführen." Nun zahlt der CS wie vereinbart das Honorar für einen Abend, rund 4000 Euro. 21.000 Euro Produktionskosten wollte Kranzelbinder selbst aufstellen. Da der CS öffentliche Gelder erhält, gibt es für Muchogusto keine mehr. "Marie und ich haben sogar die Eltern ehemaliger Schulkollegen angerufen, ob sie uns unterstützen können. Wir hatte eine Sponsoringliste von 60 Leuten - aber zunächst war da nichts!" Egal. Es wird gespielt, auch wenn die Künstler fürs Erste draufzahlen.

Kontakte nach Luxemburg und Kopenhagen sind schon geknüpft, Muchogusto ist als Tourtheater und so variabel konzipiert, dass es überall aufgeführt werden kann, sogar in Clubs. "Lukas hat gesagt, damit will er reich werden", sagt Marie Steiner. Und lacht. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 17.7.2012)

19. Juli um 20 Uhr im Congress Center Villach, Europaplatz 1

  • Von links: "Held" Helmut Bohatsch, Marie Steiner (Szenerie), Lukas Kranzelbinder (Musik und Libretto), Christoph Parzer (Visuals).
    foto: astrid kniee

    Von links: "Held" Helmut Bohatsch, Marie Steiner (Szenerie), Lukas Kranzelbinder (Musik und Libretto), Christoph Parzer (Visuals).

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