"Nicht immer so hoch wie zuletzt"

Die Anhörungen im Barclays/Libor-Skandal wurden im britischen Finanzausschuss fortgesetzt, Ex-Barclays-Vorstand Jerry del Missier hatte einen Kurzauftrit

Vorgesehen waren lediglich 45 Minuten. Sehr viel wollten die Abgeordneten des Finanzausschusses im britischen Unterhaus also nicht wissen von dem Zeugen, der ihnen am Montag am späten Nachmittag gegenübersaß.

Dabei hätte Jerry del Missier, der zurückgetretene Chief Operating Officer (COO) von Barclays, manches sagen können zu zwei Fragen, die weit hinausgehen über den Libor-Manipulationsskandal: Wie kann ein hoch bezahlter enger Mitarbeiter einen Aktenvermerk seines Chefs so missverstehen, dass ihrer beider Ruf ruiniert ist - und der ihres Arbeitgebers gleich dazu? Und zweitens: Wie rechtfertigt ein Mann vor sich und anderen eine Jahresvergütung von umgerechnet 51 Mio. Euro? Diesen Betrag erhielt del Missier für seine Arbeit bei Barclays Capital im Jahr 2010.

Freilich waren die Erwartungen schon vorab gering, dass der Kanadier offener reden würde als Bob Diamond, in dessen Schatten er bei Barclays Capital, der Investment-Tochter des britischen Konzerns, unaufhaltsam Karriere gemacht hatte. Der zu Monatsbeginn zum Rücktritt gezwungene US-Amerikaner servierte den Volksvertretern jüngst eine Version des Libor-Geschehens, die dem Ausschuss-Vorsitzende Andrew Tyrie zufolge " einen totalen Mangel an Aufrichtigkeit" offenbarte.

Del Missier hatte deutlich mehr Zeit, um das Geschehen vom Oktober 2008 glaubwürdig darzustellen. Damals, kurz nach der Lehman-Pleite, meldete Barclays kontinuierlich höhere Zinsraten für den Libor-Index als die Konkurrenz. In der Branche liefen bald Gerüchte um, das traditionsreiche Bankhaus werde ebenso Staatsgeld in Anspruch nehmen müssen wie die Royal Bank of Scotland (RBS) und Lloyds. Mehrfach telefonierte deshalb Diamond mit Paul Tucker, der damals innerhalb der Bank of England für die Marktbeobachtung zuständig war.

Aktenvermerk

Ein Gespräch mit dem Zentralbanker nahm Diamond zum Anlass für seinen Aktenvermerk an die Barclays-Führungsspitze: Laut Tucker "müssten Barclays' Meldungen nicht immer so hoch erscheinen wie zuletzt".

Diamond behauptete vor dem Ausschuss, damit sei kein Freibrief für Zinsmanipulationen erteilt worden. Auch Tucker sprach von "einem falschen Eindruck" und beteuerte: "Absolut nicht" habe er Libor-Manipulationen durch Barclays-Trader sein Plazet erteilt. Del Missier aber, so die Version der Bank, interpretierte das Schriftstück seines Chefs als versteckte Aufforderung. Schon einen Tag nach dem Gespräch stürzte Barclays' Zinssatz plötzlich ab. Allerdings erhielt das Finanzhaus zu jener Zeit eine Milliarden-Finanzspritze von arabischen Investoren, was Spekulationen über eine mögliche Staatsbeteiligung an der Bank beendete.

Unterlagen der Federal Reserve zufolge wiesen die amerikanischen Notenbanker ihre englischen Kollegen schon im Frühjahr 2008 auf mögliche Libor-Manipulationen hin. London aber unternahm nichts. Inzwischen ermitteln die Aufsichtsbehörden weltweit gegen rund 20 Banken; Deutsche Bank und UBS hoffen offenbar auf Strafmilderung als Kronzeugen. Gegen Barclays wurde eine Strafe von 360 Mio. Euro verhängt.

Del Missiers Kurzauftritt folgte eine Befragung des Chairman der britischen Bankenaufsicht FSA, Adair Turner. Dieser hatte sich erst im April diesen Jahres vertraulich bei Barclays beschwert: Die Bank trete zu aggressiv auf und habe "unseren guten Willen aufgebraucht". Für Turner bot die Anhörung eine Gelegenheit, sich in gutem Licht darzustellen: Neben Tucker gilt er als ernsthafter Anwärter auf die Nachfolge von Zentralbank-Gouverneur Mervyn King, dessen Amtszeit 2013 ausläuft. King darf den Abgeordneten heute seine Sicht des Libor-Skandals darlegen. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 17.7.2012)

Share if you care
1 Posting

Nach den Terroranschlägen des 9/11 hat man rasch gehandelt. Wahrscheinlich zu rasch und häufig in die falsche Richtung, aber immerhin.

Nachdem 2008 mit dem Niedergang von Lehmann das Betrugssystem der Finanzindustrie offensichtlich wurde hat niemand gehandelt. Bis heute haben uns die BinLadens der "freien Kapitalmärkte" in der Hand und es wird immer schlimmer.

Dabei wäre es so einfach. Niemand braucht einen "freien Kapitalmarkt" außer einigen arbeitsscheuen Milliardären. Jedes Land kann über seine Nationalbanken beliebig viel Geld herstellen, wenn das von der Realwirtschaft gebraucht würde.

Nur wir brauchen es gar nicht, es ist genug da. Wir müssen nur verhindern, das Geld in die parasitäre Finanzindustrie abfließt!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.