"Ich bin ein reiner Vormittagsarbeiter"

16. Juli 2012, 17:05
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Am Mittwoch beginnen die Bregenzer Festspiele mit Detlev Glanerts Oper "Solaris" - Der Opernkomponist über langsames Komponieren und Probenkonflikte

STANDARD: Sind Sie mit "Solaris" rechtzeitig fertig geworden?

Glanert: Ich darf mit Stolz sagen, dass ich zwei Monate früher fertig geworden bin, als es mein Vertrag forderte - nämlich am 30. November. Im Vertrag stand Mitte oder Ende Jänner. Ich bin an sich ein ganz langsamer Schreiber, aber ein konsequenter. Ich komponiere ohne große Unterbrechungen jeden Tag etliche Stunden. Dabei bin ich ein reiner Vormittagsarbeiter und füge mich so nahtlos in den Stil von Thomas Mann und Richard Strauss ein. Es ist ganz normale Arbeit - bis auf den Unterschied, dass ich auch samstags und sonntags arbeite.

STANDARD: Aber es muss doch Phasen geben, da Ihnen nicht wirklich etwas einfällt?

Glanert: Das lässt sich so nicht sagen - es geht eigentlich immer irgendetwas! Wenn einem nichts einfällt, kann man sich mit rein technischen Aspekten wie der Instrumentation beschäftigen. Oft ist es so, dass einem genau dabei wieder etwas einfällt. Warum es so ist, bleibt letztlich ein Geheimnis: Manchmal denkt man über zehn Sekunden Musik drei Wochen nach. Und dann schafft man an einem Tag fünfzehn Minuten Musik. Im Grunde ist es aber bei mir so: Bis 13 Uhr fällt mir was ein, danach, das kann ich genau sagen, arbeite ich die Dinge aus.

STANDARD: Sie sind ja in Bregenz bei den Proben dabei. Haben Sie an " Solaris" noch etwas geändert?

Glanert: Nichts Strukturelles, aber sonst jede Menge in Bezug auf Dynamik, Akzentuierung und manchmal Instrumentation.

STANDARD: Fällt es Ihnen leicht, ein neues Werk an einen Regisseur und einen Dirigenten zu übergeben?

Glanert: Diese Übergabe an andere Menschen ist ja Teil des Spiels. Das weiß man ja vorher. Und die Übergabe ist wichtig. Was ich schreibe, ist eine Versuchsanordnung, die andere mit Leben erfüllen müssen. Nicht ich. Natürlich gibt es Auseinandersetzungen - besonders bei einer neuen Oper. Aber wir haben ja Ohren zu hören, und wir können diskutieren. Die Bedingungen in Bregenz sind ohnedies toll: Man hat die Sänger täglich zur Verfügung, es gibt keine Wechsel im Orchester - man wird auf Händen getragen!

STANDARD: In Zweifelsfällen - wer entscheidet bei einer Meinungsverschiedenheit?

Glanert: Der Komponist hat ja gar kein Recht. Erstens sind wir meistens tot und zweitens im System nicht vorgesehen. Aber ich habe ein Recht - das Recht der Rede. Das ist auch der Grund, warum ich bei den Proben gern dabei bin. Ich kann sagen, was ich mir warum so gedacht habe. Und so findet man meistens zu einem Konsens.

STANDARD: Warum gerade "Solaris" als Oper, dieser Science-Fiction-Roman von Stanislaw Lem?

Glanert: Ich habe das Gefühl, die Opernthemen suchen mich. Bei Solaris geht es im Grunde darum, dass ein Planet in der Lage ist, Träume, Wünsche und Erinnerungen zu materialisieren. Und das schönste Instrument, das ich kenne, um Träume zu materialisieren, ist die Opernbühne. Das hat mich am Stoff gefesselt. Das Zweite war die ungeheure Liebesgeschichte: Sie hat sich umgebracht, nach 14 Jahren gibt es für sie und ihn noch eine Chance - aber die ist auch nicht real.

STANDARD: Was für ein Klangbild erfordert so eine Geschichte?

Glanert: Ich habe mich entschlossen, alle Klangbilder dem Plasmameer des Planeten Solaris anzupassen. Es arbeitet ja immer, saugt den Wissenschaftern Gedanken aus und pumpt den sogenannten Gästen Gedankenströme ein. Das ist eine ständig eingreifende Klangfläche. So haben wir es quasi mit einem nicht nur wissenden, sondern allwissenden Orchester zu tun. Dem Planeten Solaris ist hingegen ein Chor zugeordnet, der eindeutig eine andere Klangsprache hat. Der Chor symbolisiert das Ich des Planeten.

STANDARD: Welche Fehler mussten Sie machen, um dort zu landen, wo Sie heute als Komponist sind?

Glanert: Beim Timing musste ich Erfahrungen sammeln. Wer einmal das Erlebnis von Langeweile gehabt hat, muss studieren, woher das kommt. Wenn das Publikum nur noch an die Wäschereirechnung denkt, können sie den Laden dichtmachen. Man macht bei sich selbst als Hörer auch die Erfahrung, etwa wenn man sich ertappt, dass man im Opernhalbschlaf landet oder im Programmheft auch die Inserate auf der letzten Seite liest. Das alles hängt mit Monotonie zusammen, vielleicht mit einem zu geraden Informationsfluss oder eben auch mit uninteressanten Informationen. Man kann das nicht auf einen Punkt eingrenzen. Sich damit zu beschäftigen rate ich meinen Studenten aber immer.

STANDARD: Werden Sie bei der Uraufführung dabei sein? Es gibt ja Kollegen, die die Situation nicht aushalten und dem Ganzen fernbleiben.

Glanert: Da halte ich es mit Rolf Liebermann, der sagte: "Ich will am nächsten Morgen immer wissen, welcher Teil des Klatsches korrekt ist." Man sitzt aber natürlich mit hoher Herzschlagfrequenz da und hört jeden Fehler. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 17.7.2012)

Detlev Glanert (geboren 1960 in Hamburg) ist einer der aktuell gefragten Opernkomponisten. Er studierte bei Diether de la Motte und Hans Werner Henze und fühlt sich der Freitonalität verbunden. Nach Bregenz geht seine Solaris-Oper an die Komische Oper Berlin.

  • Detlev Glanert entführt mit seiner Oper auf den Planeten Solaris, wo der Psychologe Kelvin mit eigenartigen Figuren wie seiner verstorbenen Frau konfrontiert wird.
    foto: bregenzer festspiele / karl forster

    Detlev Glanert entführt mit seiner Oper auf den Planeten Solaris, wo der Psychologe Kelvin mit eigenartigen Figuren wie seiner verstorbenen Frau konfrontiert wird.

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